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Ukraine-Krieg

Notstand, kein Benzin, kein Tourismus: Droht Russland der Rückzug von der Krim?

Die Ukraine bombardiert systematisch die Krim. Die Halbinsel ist weitgehend isoliert. Fachleute halten sogar einen russischen Rückzug für möglich.

Kiew hat ein klares Ziel: Die von Russland annektierte Krim soll von der Versorgung abgeschnitten werden. Tatsächlich hat sich nach den andauernden Angriffen im Ukraine-Krieg die Lage auf der Schwarzmeer-Halbinsel zuletzt deutlich verschärft. Am 26. Juni haben die von Moskau eingesetzten Behörden einen regionalen Notstand auf der Krim ausgerufen.

Für Wladimir Putin hat die Krim eine besondere symbolische Bedeutung.

Die Lage hat enorme Folgen. So wurde der Tourismusbetrieb eingestellt und die Ferienlager für Kinder wurden bis September geschlossen. Die Behörden begründeten dies mit Treibstoffmangel und Sicherheitsbedenken. Zudem verkaufen Tankstellen seit dem 21. Juni keinen Kraftstoff mehr an ​Privatpersonen und Unternehmen. Dies dürfte die ⁠Urlaubspläne zahlreicher Menschen durchkreuzen, für die die Krim ein beliebtes ​Sommerreiseziel ist. Das Drama um die Krim ist auch für Wladimir Putin ein Debakel. Die symbolische Bedeutung der Halbinsel ist kaum zu überschätzen.

Krim ruft Notstand aus – Treibstoff wird zum Engpass

Mittlerweile soll eine Söldnertruppe, die Gouverneur Sergej Aksjonow als Leibgarde dient, alle Öldepots sowie mehrere Speditionsbetriebe unter ihre Kontrolle gebracht haben. Das berichtet der russische Telegram-Kanal „VChK-OGPU“, der von Moskau als „ausländischer Agent“ eingestuft wird, aber in der Vergangenheit mehrfach belastbare Informationen aus russischen Regierungskreisen geleakt hat.

Nach den Angaben des Telegram-Kanals hat sich der Anführer der Söldner – ein ehemaliger Kämpfer der Wagner-Gruppe – bei einer Befragung durch die Polizei auf einen Geheimbefehl zur „Vorbereitung von Reserven für den Fall einer Evakuierung“ berufen. Zudem sei bereits ein konkreter Evakuierungsplan ausgearbeitet worden, der bis zu 250.000 Menschen betreffen würde; darunter sind staatliche Organe, Behörden und Teile der Zivilbevölkerung. Offen bleibt laut dem Bericht, ob und wann der Plan umgesetzt wird und wohin die betroffenen Menschen gebracht werden sollen.

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

Krim wird zur Insel: Drohnenangriffe treffen Strom und Wasser

Der ukrainische Militäranalyst Oleksandr Kowalenko von der Gruppe „Information Resistance“ hält eine Evakuierung für „durchaus wahrscheinlich“. Gegenüber der Kronen Zeitung erklärte er die strategische Lage: „Das Asowsche Meer ist blockiert, und auch im Schwarzen Meer gibt es erhebliche Einschränkungen. Über der Krim sind ständig ukrainische Drohnen im Einsatz. Der Landkorridor durch Tschonhar und Armjansk ist ebenfalls bedroht. Tatsächlich bleibt nur noch die Kertsch-Brücke übrig.“

Solange diese Brücke befahrbar bleibt, würden die Besatzungsbehörden bei einem Evakuierungsbefehl versuchen, Familienangehörige des Verwaltungspersonals und geplünderte Wertgegenstände von der Halbinsel zu schaffen: „Alles, was aus der Krim herausgebracht werden kann, werden sie zu entwenden versuchen, und jeder, der die Möglichkeit hat, die Halbinsel zu verlassen, wird nach und nach abreisen“, so Kowalenko. Das russische Militär würde bei einer Evakuierung zunächst vor Ort bleiben, zunehmend aber in Bedrängnis geraten.

Kein Strom, kein Treibstoff – die Infrastruktur auf der Krim bricht weg

Die Folgen des anhaltenden ukrainischen Drohnen- und Raketenangriffs auf die Krim-Infrastruktur sind spürbar: So viele Öldepots wurden beschädigt, dass auf der Halbinsel Treibstoff knapp geworden ist. Nach Informationen des Kyiv Independent ist inzwischen die Hälfte der Krim ohne Strom. Der Gouverneur von Sewastopol, Mikail Raswoschaew, räumte ein, dass die instabile Stromversorgung zu Problemen mit dem Wasserdruck geführt habe.

Auch auf der Kertsch-Brücke, die die Halbinsel mit dem russischen Festland verbindet, wurden Einschränkungen verhängt: Mehr als 2000 Fahrzeuge warteten auf die Überfahrt – mit einer Wartezeit von rund fünf Stunden. Der Fähr- und Passagierverkehr über die Bucht von Sewastopol wurde zeitweise vollständig eingestellt.

Die Krim

Obwohl die Krim weiterhin international als ukrainisches Territorium angesehen wird, betrachtet Russland die Halbinsel im Schwarzen Meer als sein Staatsgebiet. Nach der jahrhundertelangen Herrschaft der Krimtataren und des Osmanischen Reiches ließ Zarin Katharina die Große die Krim 1783 „für alle Zeiten“ annektieren. 1954 machte der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow die Halbinsel zu einem Teil der Ukrainischen Sowjetrepublik.

Seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 gehört die Krim zur unabhängigen Ukraine – und birgt bis heute Konfliktpotenzial. Auf den Sturz einer gewählten prorussischen Regierung 2014 reagiert Moskau nach einem umstrittenen Referendum mit der vom Westen als völkerrechtswidrig verurteilten Annexion der Halbinsel. Moskau hat auch danach in der größten Stadt Sewastopol durchgängig den Heimathafen der russischen Schwarzmeerflotte. Das war vertraglich mit Kiew geregelt.

Ex-US-General: „Die Krim ist der entscheidende Schauplatz“

Besonders pointiert bewertet der frühere Kommandeur der US-Armee in Europa, General a.D. Ben Hodges, die Lage. In einem Interview mit der ukrainischen Nachrichtenagentur Ukrinform beim Sicherheitsforum GLOBSEC in Prag sagte er: „Die Krim ist der entscheidende Schauplatz, der Brennpunkt dieses Krieges. Und welche Seite auch immer die Krim kontrolliert, wird den Krieg gewinnen. Ich kann mir kein Ende des Krieges und keine Herstellung eines langfristigen, nachhaltigen Friedens vorstellen, solange Russland die Krim weiterhin kontrolliert.“

Hodges skizzierte eine klare Strategie zur Isolation der Halbinsel: Zunächst die Versorgungswege kappen, dann die Halbinsel militärisch unbrauchbar machen – und schließlich russische Kräfte zum Rückzug zwingen. Die Kertsch-Brücke sieht er als unvermeidliches Ziel: „Diese Brücke wird früher oder später fallen, so stelle ich mir das vor.“ Er betonte dabei die wachsende Rolle der ukrainischen Drohnen und Präzisionswaffen: Russische Öl- und Gasexporte zu zerstören sei der Kern der ukrainischen Siegesstrategie – denn ohne Einnahmen könne Russland den Krieg immer schwerer finanzieren.

Vergleich mit Cherson: „Nur eine Frage der Zeit“

Das Ziel Kiews ist unmissverständlich formuliert. Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow erklärte vergangene Woche, dass die Krim durch die Drohnen isoliert worden sei. Die Halbinsel werde sich schon bald in eine Insel verwandeln. Militäranalyst Kowalenko zog im Gespräch mit der Krone einen historischen Vergleich: Ähnlich wie russische Truppen 2022 am rechten Ufer des Dnepr in der Region Cherson einen zunehmend isolierten Brückenkopf hielten, bis die Ukraine schließlich durchbrach, könnte sich die Lage auf der Krim entwickeln. Sein Fazit: „Es ist nur eine Frage der Zeit.“ (Quellen: Telegram-Kanal „VChK-OGPU“, Krone, Ukrinform, Kyiv Independent, t-online) (cs)

Rubriklistenbild: © dpa/TASS | Sergei Malgavko + dpa/Pool Reuters | Ramil Sitdikov

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