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Anzeichen für „schwindende Geduld“

Drohnen-Rätsel im Baltikum: Putin droht – doch eine Spur führt zu Lukaschenko

Im Baltikum gehen ukrainische Drohnen nieder – teils weit von Russlands Grenze. Eine Frage ist: Wie kommen sie da hin? Ein Experte klärt auf.

Die Einschläge rücken näher – buchstäblich: Nahezu täglich geben die drei baltischen Staaten zuletzt Drohnenalarm. Am Wochenende fand ein Anwohner eine mit Sprengstoff beladene Drohne in Litauens Nordosten, am Dienstag schoss ein NATO-Jet eine Drohne über Zentral-Estland ab, auch in Lettland gab es erst am Donnerstag wieder eine Sichtung. Am Mittwoch tauchte ein Fluggerät nahe Litauens Hauptstadt Vilnius auf. Zu tun hat das wohl mit neuen Langstreckendrohnen der Ukraine und deren Schlägen gegen Russland. Doch die Vorfälle werfen ein Schlaglicht auf weitere politische Ränke, wie ein Analyst dem Münchner Merkur von Ippen.Media erklärt.

Alexander Lukaschenko am 9. Mai am Rande von Wladimir Putins Militärparade in Moskau

Das Eindringen ukrainischer Drohnen in den NATO-Luftraum wird mit einer Besonderheit der Drohnen-Kriegsführung begründet: Die Fluggeräte sind naturgemäß ferngesteuert – Russland versucht oft, sie mit elektronischen Störmanövern vom Kurs abzubringen. Doch ein Blick auf die Landkarte zeigt: Gerade nach Litauen kann keine Drohne gelangen, ohne dass sie zuvor NATO-Territorium durchflogen hat – oder aber das Gebiet von Russlands Verbündetem Belarus. Der Kreml scheint besorgt, dass in dieser Flugrichtung nun seine Exklave Kaliningrad zum Ziel werden könnte. Auch die ist aus der Ukraine nur über Belarus erreichbar.

Ukrainische Drohnen überfliegen Belarus in Richtung Russland: Lukaschenko „weiß sehr gut Bescheid“

Der offizielle Verdacht aus Moskau: Die NATO-Staaten stellten ihren Luftraum für Angriffe zur Verfügung – möglicherweise ließen sie sogar ukrainische Drohnen starten. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow kündigte am Mittwoch eine „angemessene Reaktion“ an. NATO-Chef Mark Rutte nannte solche Vorwürfe „lächerlich“ – auch die baltischen Staaten dementierten vehement. Im Falle Litauens wohl auch in Sorge vor russischen „Provokationen“. Boris Ginzburg, Experte für den postsowjetischen Raum, glaubt indes: In Belarus weiß das Regime von Alexander Lukaschenko nicht nur, dass ukrainische Drohnen das Land mit Ziel Russland durchqueren. Es toleriere die Praxis auch bewusst.

„Die Regierung in Belarus weiß sehr gut darüber Bescheid“, sagt Ginzburg unserer Redaktion. So habe beispielsweise am 23. März ein ganzer Drohnenschwarm Belarus durchgeflogen und sei dabei von Zivilisten fotografiert und gefilmt worden. „Dennoch ist nichts passiert, der Schwarm ist sogar bis zu Häfen in der Oblast Leningrad durchgeflogen“, sagt er. Dort habe Russland infolge von Bränden den Öl-Transport einstellen müssen. Die Ukraine hatte zuletzt verstärkt Russlands Öl-Infrastruktur ins Visier genommen.

Militärparade am Tag des Sieges: Putins Verluste werden in Moskau deutlich

Am 9. Mai feiert Russland den Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland.
Am 9. Mai feiert Russland den Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland. Eingeführt wurde der Feiertag bereits 1965. Bis heute wird er in Moskau mit einer Militärparade.  © afp
Russische Soldaten stehen in einer Formation vor der Militärparade zum Tag des Sieges in Moskau.
Am 9. Mai stehen russische Soldaten in einer Formation vor der Militärparade in Moskau. © Pavel Bednyakov/dpa
Nordkoreanische Soldaten stehen in einer Formation vor der Militärparade zum Tag des Sieges in Moskau.
Auch Soldaten aus Nordkorea sind bei der Militärparade zum Tag des Sieges am 9. Mai in Moskau vor Ort. © Pavel Bednyakov/dpa
Nordkoreanische Soldaten warten auf den Beginn der Militärparade zum Tag des Sieges in Moskau.
Hier warten die nordkoreanischen Soldaten auf den Beginn der Militärparade. © Pavel Bednyakov/dpa
Kremlchef Putin kann die Militärparade zum 9. Mai im Schutz einer Waffenruhe abnehmen.
Präsident Wladimir Putin sagte in seiner Rede, dass die russische Armee in der Ukraine gegen „aggressive“, von der Nato unterstützte Streitkräfte kämpfe. Die „große Leistung“ der Roten Armee im Kampf gegen Nazi-Deutschland inspiriere die heutigen Soldaten bei ihrem Einsatz in der Ukraine, fügte er hinzu. Moskaus Sache sei „gerecht“. © Imago
Der russische Präsident Wladimir Putin (M, hinten) nimmt an einer Zeremonie zur Niederlegung von Blumen am Grab des Unbekannten Soldaten an der Kremlmauer in Moskau teil.
Der russische Präsident Wladimir Putin nimmt an einer Zeremonie zur Niederlegung von Blumen am Grab des Unbekannten Soldaten an der Kremlmauer in Moskau teil.  © Alexander Nemenow/AFP
Tag des Sieges in Russland
Hier ist Putin nur verdeckt zu sehen. © Alexander Nemenov/dpa
Russische Soldaten marschieren am 9. Mai während über den Roten Platz in Moskau.
Russische Soldaten marschieren am 9. Mai während der Militärparade über den Roten Platz in Moskau. © Igor Iwanko/AFP
Gäste nehmen an der Militärparade zum Tag des Sieges in Moskau teil.
Gäste nehmen an der Militärparade zum Tag des Sieges in Moskau teil. © Maxim Shipenkov/dpa
Russische Militärjets überfliegen die Militärparade zum Tag des Sieges in Moskau.
Russische Militärjets überfliegen die Militärparade zum Tag des Sieges in Moskau.  © Maxim Shipenkov/dpa
Russische Soldaten, die an der sogenannten „militärischen Spezialoperation“ in der Ukraine beteiligt sind, marschieren am 9. Mai 2026 während der Militärparade zum Tag des Sieges über den Roten Platz in Moskau.
Russische Soldaten, die an der sogenannten „militärischen Spezialoperation“ in der Ukraine beteiligt sind, marschieren am 9. Mai 2026 während der Militärparade zum Tag des Sieges über den Roten Platz in Moskau. © Igor Iwanko/AFP
Der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko (links) begleitet Putin bei der Militärparade.
Der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko (links) begleitet Putin bei der Militärparade. © Pavel Bednyakov/dpa
Moskau am Donnerstag, den 7. Mai 2026, zwei Tage vor der Parade zum Tag des Sieges. Unweit des Roten Platzes sammeln sich an diesem Tag bereits Rekruten der Russischen Armee für Proben.
Die Vorbereitungen für die Militärparde liefen auch im Jahr 2026 im Vorfeld bereits auf Hochtouren. Moskau am Donnerstag, den 7. Mai 2026, zwei Tage vor der Parade zum Tag des Sieges. Unweit des Roten Platzes sammeln sich an diesem Tag bereits Rekruten der Russischen Armee für Proben. © dpa
Unweit der Großen Steinernen Brücke stellen sich Marine-Kadetten auf, um einer nächtlichen Probe für die Siegesparade in Moskau zu Ehren des Tages des Sieges am 9. Mai teilzunehmen.
Unweit der Großen Steinernen Brücke stellen sich Marine-Kadetten auf, um an einer nächtlichen Probe für die Siegesparade in Moskau zu Ehren des Tages des Sieges am 9. Mai teilzunehmen. © afp
Rekruten der russischen Armee besprechen sich vor Beginn der Generalprobe zur Militärparade am Tag des Sieges in Moskau.
Rekruten der russischen Armee besprechen sich vor Beginn der Generalprobe zur Militärparade am Tag des Sieges in Moskau. © afp
In den vergangenen Jahren haben bei der Parade zum Tag des Sieges in Moskau zwischen 9.000 und 11.000 Soldaten teilgenommen. Darunter Einheiten der Marine, der Luftwaffe und der Infanterie.
In den vergangenen Jahren haben bei der Parade zum Tag des Sieges in Moskau zwischen 9000 und 11.000 Soldaten teilgenommen. Darunter Einheiten der Marine, der Luftwaffe und der Infanterie. © dpa
Eine Marschkolonne aus etwa 40 Soldaten probt die Militärparade in Moskau.
Eine Marschkolonne aus etwa 40 Soldaten probt die Militärparade in Moskau. Bewaffnet sind die Soldaten mit Kalaschnikow-Gewehren des Typs AK-12, das aktuelle Standard-Sturmgewehr der russischen Armee. Gekleidet ist der Trupp einheitlich in modernen Felduniformen mit schwarzen Beretten, was sie als Teil der Marine-Infanterie erkennbar macht. © dpa
Im Hintergrund der Soldaten ist ein Wohnhaus an der Kotelnitscheskaja-Uferstraße zu sehen.
Im Hintergrund der Soldaten ist ein Wohnhaus an der Kotelnitscheskaja-Uferstraße zu sehen. Es handelt sich dabei um einen der als „Sieben Schwestern“ bekannten Wolkenkratzer im stalinistischen Baustil, die sich in der russischen Hauptstadt finden. © dpa
Zwischen den Paradeproben gönnen sich die russischen Rekruten in Moskau eine Pause.
Zwischen den Paradeproben gönnen sich die russischen Rekruten in Moskau eine Pause. © afp
Daily life in Moscow
Die russische Hauptstadt ist Zentrum der Feierlichkeiten rund um den Tag des Sieges. Neben der traditionellen Militärparade sind zahlreiche weitere Veranstaltungen geplant. © IMAGO/Natalia Kolesnikova
Ganz Moskau ist vor den Feierlichkeiten zum Tag des Sieges geschmückt. Auf der Moskwa-Brücke, östlich des Kreml gelegen, wehen bereits Tage vor der eigentlichen Siegesparade Fahnen mit der Aufschrift „Sieg“.
Ganz Moskau ist vor den Feierlichkeiten zum Tag des Sieges geschmückt. Auf der Moskwa-Brücke, östlich des Kreml gelegen, wehen bereits Tage vor der eigentlichen Siegesparade Fahnen mit der Aufschrift „Sieg“. © afp
Vor dem am östlichen Ende des Kreml gelegenen Spasskaja-Turm („Erlöser-Turm“) werden bereits die Tribünen und sonstigen Anlagen für die Feierlichkeiten am Tag des Sieges errichtet.
Vor dem am östlichen Ende des Kreml gelegenen Spasskaja-Turm („Erlöser-Turm“) werden bereits die Tribünen und sonstigen Anlagen für die Feierlichkeiten am Tag des Sieges errichtet. Auf dem Roten Platz werden auch die Ehrengäste von Russlands Präsident Wladimir Putin ihren Platz einnehmen, um von dort die Siegesparade durch Moskau verfolgen zu können. © dpa
Die Sonne scheint und die Stimmung in Moskau scheint wenige Tage vor dem 9. Mai 2026 gut.
Die Sonne scheint und die Stimmung in Moskau wirkt wenige Tage vor dem 9. Mai 2026 gut. Das zumindest gilt für diese beiden jungen Menschen, die wenige Tage vor der großen Militärparade an einer Reihe von Fahnen vorbeilaufen, die zu Ehren des Tags des Sieges in Moskau aufgehängt wurden. © afp
Auf diesem Foto aus Moskau ist ein goldener Stern zu sehen, unter dem in kyrillischer Schrift geschrieben steht: „Heldenstadt Moskau“.
Auf diesem Foto aus Moskau ist ein goldener Stern zu sehen, unter dem in kyrillischer Schrift geschrieben steht: „Heldenstadt Moskau“. Der Schriftzug findet sich auf zahlreichen Plakaten und Fahnen. Den Titel erhielt die russische Hauptstadt bereits in der Sowjet-Zeit. Er soll den Heldenmut der Stadtbevölkerung während des Zweiten Weltkriegs, in Russland als „Großer Vaterländischer Krieg“ bezeichnet, ehren. © afp
Bei der Militärparade zum Tag des Sieges am 9. Mai in Moskau finden sich auch jedes Jahr folkloristische Darbietungen, die an die Zeit des Zweiten Weltkriegs erinnern sollen.
Bei der Militärparade zum Tag des Sieges am 9. Mai in Moskau finden sich auch jedes Jahr folkloristische Darbietungen, die an die Zeit des Zweiten Weltkriegs erinnern sollen. Junge Rekruten schlüpfen in historische Uniformen und tanzen mit Frauen, die traditionelle Kleidung aus der Zeit der 1940er tragen. © dpa
Vor dem monumentalen Eingangstor der Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft üben hunderte Tänzerinnen und Tänzer den „Siegeswalzer“ ein.
Vor dem monumentalen Eingangstor der Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft üben hunderte Tänzerinnen und Tänzer den „Siegeswalzer“ ein. Im Hintergrund ist ein Modell des sowjetischen Siegesordens, des „Pobeda“, zu sehen – geschmückt mit dem Staatswappen der UdSSR und umrahmt mit roten Fahnen, auf denen das Wort „Sieg“ prangt. © dpa
Sogar Kavallerie-Einheiten nehmen an der Militärparade durch Moskau am Tag des Sieges teil.
Sogar Kavallerie-Einheiten nehmen an der Militärparade durch Moskau am Tag des Sieges teil. Hier zu sehen sind drei Soldaten, die im Stil der russischen Kosaken mit traditionellen Uniformen an den Proben für die Parade teilnehmen. Sie tragen den langen dunklen Mantel der Kosaken, Tscherkesska genannt, dazu die traditionelle Pelzmütze (Papakha) und den typischen kosakischen Säbel (Schaschka) sowie den Dolch (Kindschal). © dpa
Diese Offiziere tragen bereits zu den Proben der Militärparade in Moskau, zwei Tage vor dem eigentlichen Tag des Sieges, bereits ihre Paradeuniformen.
Diese Offiziere tragen bereits zu den Proben der Militärparade in Moskau, zwei Tage vor dem eigentlichen Tag des Sieges, ihre Paradeuniformen. Die blaugrünen Jacken mit Stehkragen und roten Paspeln sind typisch für das russische Heer. © imago
Auch Veteranen und aktive Soldaten nehmen an den Feierlichkeiten zum Tag des Sieges in Moskau teil.
Auch Veteranen und aktive Soldaten nehmen an den Feierlichkeiten zum Tag des Sieges in Moskau teil. Diese Soldaten, teils hochdekoriert, entspannen sich einige Tage vor der Militärparade in der russischen Hauptstadt. Der Mann in der Mitte trägt dabei unter der klassischen Tarn-Uniform der russischen Armee ein blau-weißes Hemd, das sogenannte Telnyashka. Es wird traditionell von russischen Luftlandetruppen oder Marine-Infanteristen verwendet. © afp
Unter den aktiven Soldaten, die vor dem Tag des Sieges in Moskau eintreffen, sind auch verletzte Veteranen.
Unter den aktiven Soldaten, die vor dem Tag des Sieges in Moskau eintreffen, sind auch verletzte Veteranen. Ob sie sich die Verletzungen auf dem Schlachtfeld im Ukraine-Krieg zugezogen haben, ist nicht bekannt. © afp
eimlicher Hauptdarsteller bei der Militärparade in Moskau am Tag des Sieges ist Russlands Machthaber Wladimir Putin
Heimlicher Hauptdarsteller bei der Militärparade in Moskau am Tag des Sieges ist Russlands Machthaber Wladimir Putin, hier zu sehen auf dem Roten Platz vor Beginn der Feierlichkeiten. Geschmückt ist Putin mit dem Georgsband am Revers, in Russland ein Symbol für militärische Tapferkeit und den Sieg über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg. © afp
Im vergangenen Jahr rollte noch eine gigantische Militärparade durch Moskau.
Im vergangenen Jahr rollte noch eine gigantische Militärparade durch Moskau. Dieses Jahr finden die Feierlichkeiten am Tag des Sieges aber in abgespeckter Version statt. © dpa
Der Ukraine-Krieg zwingt Russland offenbar dazu, selbst im tausende Kilometer entfernten Moskau Sicherheitsvorkehrungen zu treffen.
Der Ukraine-Krieg zwingt Russland offenbar dazu, selbst im hunderte Kilometer entfernten Moskau Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Dazu gehören Flugabwehrgeschosse, die sich auf zahlreichen offiziellen Einrichtungen in der Hauptstadt befinden. © afp
Kurz vor dem Tag des Sieges wurde ein Wohnhochhaus in der Mosfilmowskaja-Straße getroffen.
Sie sollen Drohnenangriffe während der Militärparade verhindern. Moskau ist im Verlauf des Ukraine-Kriegs immer wieder zum Ziel ukrainischer Drohnen geworden. Kurz vor dem Tag des Sieges wurde ein Wohnhochhaus in der Mosfilmowskaja-Straße getroffen. © dpa
Tausende Soldaten und Polizeikräfte sollen am Tag des Sieges einen reibungslose Militärparade gewährleisten.
Auch das Sicherheitspersonal in der Hauptstadt selbst wurde massiv erhöht. Tausende Soldaten und Polizeikräfte sollen am Tag des Sieges eine reibungslose Militärparade gewährleisten. © imago
Zu den Sicherheitskräften gehören auch Nationalgardisten, die in russischen Militärfahrzeuge des Typs Tigr in der Haupstadt unterwegs sind.
Zu den Sicherheitskräften gehören auch Nationalgardisten, die in russischen Militärfahrzeugen des Typs Tigr in der Haupstadt unterwegs sind. © afp
Eine strategische russische Atomrakete vom Typ Topol-M (Nato-Code: SS-27 Sickle B) fährt bei der Militärparade zum Tag des Sieges über den Roten Platz.
Aus Angst vor ukrainischen Angriffen müssen die Bewohnerinnen und Bewohner Moskaus bei der diesjährigen Militärparade offenbar auf schweres Militärgerät verzichten. Waren im Vorjahr noch strategische Atomraketen des Typs Topol-M Teil der Parade, sind dieses Jahr wohl weder Panzer noch Raketen zu sehen. © dpa

Ukrainische Drohnen seien auch schon über die Hauptstadtregion Minsk geflogen, „sogar über Lukaschenkos Residenz“, erklärt der Experte. „Man kann sich sicher sein, dass das nicht unbeachtet blieb. Lukaschenko lässt also zu, dass sein angeblicher Verbündeter Russland angegriffen wird.“ Der belarusische Diktator spiele (wieder einmal) eine Art „Doppelspiel“.

Ginzburg sieht dahinter zwei Motive – und einen „technischen Aspekt“. Ein Kalkül sei wirtschaftlicher Natur. Am Montag empfing Lukaschenko den Gouverneur der russischen Region Swerdlowsk, Denis Pasler. Dabei habe Lukaschenko eher en passant ein vielsagendes Angebot fallen lassen, erklärt der Experte: das Öl in belarusischen Raffinerien weiterzuverarbeiten. „Wir haben zwei modernisierte Werke und bieten jederzeit Unterstützung an, wenn es nötig ist“, zitierte die Staatsagentur Belta Lukaschenko. „Man kann darauf schließen, dass es für Lukaschenko lukrativ ist, wenn beispielsweise russische Ölraffinerien getroffen werden“, sagt Ginzburg.

Lukaschenkos „Doppelspiel“: Putin toleriert das Vorgehen – noch

Zum anderen sei Lukaschenko wichtig, dass Russland im Ukraine-Krieg militärisch beschäftigt bleibt: „Damit es gar nicht auf den Gedanken kommt, mit Expansionswünschen an Belarus heranzutreten.“ „Solange er in einem Waffenstillstand nicht mit Sicherheitsgarantien für Belarus rechnen kann, ist es für ihn lukrativer, den Konflikt am Laufen zu halten“, meint Ginzburg. So verschwinde das Land nicht nur aus dem Fokus Russlands und der Ukraine – es könne trotz heftiger westlicher Sanktionen auch weiter Einnahmen mit militärischen Diensten machen. Anderenfalls müsse Lukaschenko befürchten, auf anderem Wege Kompensation für Russlands Unterstützung zu leisten: „Etwa mit stärkerer Integration in den Unions-Staat“ – also mit der eigenen Souveränität.

Eine Art Ausflucht gebe es für Lukaschenko in Form von Belarus‘ Luftverteidigung: Das Radarsystem des Landes sei alt und an sowjetischen Standards orientiert, so Ginzburg. Drohnen könne es erst ab einer Flughöhe von etwa einem Kilometer erfassen. Ukrainische Drohnen seien aber meist in 300 Metern Höhe unterwegs. „Der Sekretär des belarussischen Sicherheitsrats, Aleksandr Wolfowitsch, hat sogar öffentlich eingestanden, dass es den Streitkräften sehr schwerfällt, diese niedrigfliegenden Drohnen abzuschießen“, sagt Ginzburg. Oft sind Flüge aber eben mit bloßem Auge zu erkennen.

Ähnliche Probleme kennen übrigens auch die baltischen Staaten – in Lettland zerbrach zuletzt die Regierungskoalition im Streit über eine nicht von der Luftaufklärung entdeckte Drohne. Das ukrainische Fluggerät war aus Russland eingedrungen. In doppelter Hinsicht pikant: Als am Mittwoch eine Drohne die litauische Hauptstadtregion Vilnius überflog kam offenbar die erste Warnung just aus Belarus. So sagte es der Leiter des Nationalen Krisenmanagementzentrums, Vilmantas Vitkauskas, laut dem Portal delfi.lt. Ein weiteres Indiz, dass Belarus sehr wohl Drohnen aufspüren kann.

Russland toleriere indes Lukaschenkos Vorgehen – noch. Denn in der Vergangenheit habe der Partner Belarus Putin Vorteile gebracht. Etwa als Korridor für Waffenexporte. Oder als abschreckendes Beispiel in der Nachbarschaft: „Lange hat man bei Verschärfung innenpolitischer Repression auch auf Belarus als das ‚schlimmere Russland‘ gedeutet“, sagt Ginzburg. „Dieser Propaganda-Mechanismus bricht allerdings im Krieg in sich zusammen.“ Lukaschenko dreht den Spieß mittlerweile in der Außendarstellung sogar um. Unterdessen sorgen Sperrungen von Messengerdiensten und Abschaltungen des mobilen Internets in Russland für Unmut. Letztere hatten ebenfalls mit Sorge vor ukrainischen Drohnen zu tun.

Ginzburg sieht aber Indizien dafür, dass Putins Geduld mit Belarus schwindet. Aus dem Außenministerium sei sogar schon die Warnung vor einer „Farbenrevolution“ im Nachbarland gekommen. Darin sieht der Experte einen vorbereiteten Vorwand für ein „Eingreifen“ – ein weiteres Argument könnten dann russische Atomwaffen auf belarussischem Gebiet sein. Vorerst aber scheinen Russland Kräfte im Ukraine-Krieg gebunden zu sein.

Mindestens „interessant“ findet der Experte indes auch das Wirken der Ukraine in den Wirren um fehlgeleitete Drohnen. Selenskyjs Regierung hat Drohnentechnik mittlerweile als Exportchance erkannt. Auf eine höfliche Ermahnung aus Estland, vom Kurs abgebrachte Drohnen doch rechtzeitig unschädlich zu machen, habe Kiew mit einem Angebot reagiert: Man könne Fachleute für Drohnenabwehr entsenden. Das sei fast schon „Lukaschenko-Manier“, befindet Ginzburg. (Quellen: Gespräch mit Boris Ginzburg, Reuters, Belta, eigene Recherchen)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Alexander Shcherbak

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