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USA treiben Deportationen voran
Drittstaaten-Abschiebungen: ICE unter Trump mit nur „sechs Stunden Vorlauf“ möglich
Trump setzt neue Maßstäbe bei Abschiebungen: Schutzsuchende werden nun in Rekordzeit deportiert. Oft bleiben nur wenige Stunden.
Washington, D.C. – Nach einem Urteil des Supreme Court setzt die US-Regierung unter Präsident Donald Trump neue Maßstäbe bei Abschiebungen: Menschen können künftig mit nur wenigen Stunden Vorlauf in sogenannte Drittstaaten abgeschoben werden – selbst dann, wenn sie dort weder familiäre Bindungen noch Sicherheit vor Verfolgung haben.
Abschiebung in Drittstaaten und kaum Zeit, sich juristisch zu wehren: Wie die Trump-Behörde ICE vorgehen will
Grundlage dieses Vorgehens ist ein internes Memo der Einwanderungsbehörde ICE, das erstmals die konkreten Abläufe festlegt und der Washington Post vorliegt. Demnach werden Betroffene im Normalfall lediglich 24 Stunden vor einer Abschiebung informiert. In besonders „dringenden“ Fällen reicht sogar eine Benachrichtigung sechs Stunden vor Abflug. Gibt es vom Zielland „diplomatische Zusicherungen“, dass keine Gefahr von Folter oder Verfolgung droht, kann die Abschiebung ohne jede Ankündigung erfolgen.
Kristi Noem: Die schrägen Outfits von Trumps „Abschiebe-Barbie“
Diese weitreichenden Pläne gehen aus einem Memo von ICE-Chef Todd Lyons hervor, das an alle Mitarbeiter der Behörde verschickt wurde. Darin verweist Lyons ausdrücklich auf das Urteil des Supreme Court und erklärt, dass die Behörde damit befugt sei, „sofort“ mit Abschiebungen in sogenannte „alternative“ Länder zu beginnen. „Beamte können Einwanderer künftig mit nur sechs Stunden Vorlauf abschieben, auch wenn es keine Zusicherungen über deren Sicherheit im Zielland gibt“, heißt es in dem Papier.
Falls keine Garantien für den Schutz vor Verfolgung oder Folter vorlägen, sollen Betroffene im Regelfall einen Tag vorher informiert werden. Doch, so Lyons gemäß der Washington Post weiter: „In dringenden Fällen reichen sechs Stunden.“ Wenn das US-Außenministerium „diese Zusicherungen für glaubwürdig hält“, können Abschiebungen „ohne weitere Verfahren“ und ganz ohne Vorankündigung stattfinden. Für viele Betroffene bleibt so kaum Zeit, sich juristisch zu wehren oder rechtliche Unterstützung zu organisieren.
Kritische Stimmen zur geplanten ICE-Abschiebepraxis: Gefahr von Folter und „erzwungenem Verschwinden“
Besonders alarmierend: Die neue Regelung kann auch Menschen treffen, die keinerlei Bindungen zum Aufnahmeland haben oder nicht einmal die Landessprache sprechen. In den vergangenen Wochen schob die US-Regierung bereits Migranten aus Venezuela, Kuba, Vietnam, Myanmar, Laos, Sudan und Mexiko in den Südsudan ab, obwohl ihnen dort keine Anknüpfungspunkte zur Verfügung stehen, berichtet die New York Times.
Trina Realmuto von der Menschenrechtsorganisation National Immigration Litigation Alliance warnt nun in der Washington Post: „Es setzt Tausende Menschenleben der Gefahr von Verfolgung und Folter aus.“ Sie kritisiert insbesondere, dass die extrem kurzen Fristen keine angemessene Prüfung der Gefahrenlage ermöglichen.
Auch UN-Experten schlagen Alarm. Sie befürchten, dass Menschen innerhalb eines Tages abgeschoben werden könnten, ohne dass ihnen ein rechtliches Gehör oder eine Prüfung ihrer Schutzbedürftigkeit ermöglicht werde. „Das US-amerikanische Schnellverfahren könnte dazu führen, dass Menschen innerhalb eines Tages ohne Gerichtsanhörung abgeschoben werden“, heißt es auf der Website des Website des Büros des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte (OHCHR), ein Amt, das seit 2022 der österreichische Jurist Volker Türk innehat. Gefordert wird vielmehr eine individuelle, länderspezifische Risikobewertung: „Jede diplomatische Zusicherung zur Sicherheit kann nicht ungeprüft übernommen werden. Die USA müssen ihrer Prüfungspflicht umfassend nachkommen.“
US-Präsident Donald Trump und Heimatschutzministerin Kristi Noem bei der Besichtigung eines geplanten Abschiebe- und Haftzentrums in Florida (links). In New York protestieren derweil Aktivisten mit Fotos von Vermissten gegen die ICE-Abschiebepraxis und fordern Aufklärung über das Schicksal der Betroffenen (rechts).
Supreme Court räumt Trump-Regierung weitreichende Abschiebebefugnisse ein
Der Supreme Court der USA, dessen konservative Mehrheit maßgeblich von Republikanern bestimmt ist, hat die Pläne der Regierung ermöglicht. Mit der Entscheidung vom 23. Juni wurde ein 15-tägiges Moratorium aufgehoben, das Betroffenen bislang Zeit gab, juristischen Beistand zu organisieren und Gefährdungsbelege für das Zielland vorzulegen.
Richterin Sonia Sotomayor warnte laut The Spokesman-Review in ihrer abweichenden Meinung: „In Fragen von Leben und Tod sollte man mit Vorsicht agieren. In diesem Fall hat die Regierung das Gegenteil getan.“
Tabelle: Neue Abschieberegeln der ICE im Überblick
Kriterium
Alte Regelung
Neue Regelung
Ankündigungsfrist
15 Tage
24 Stunden, in Notfällen 6 Stunden
Abschiebung ohne Vorwarnung
Nicht möglich
Möglich bei „diplomatischen Zusagen“
Zielland
Herkunftsland
Auch Drittstaaten möglich
Prüfung der Sicherheitslage
Individuelle Einzelfallprüfung
Teils nur bei geäußerter Furcht
Zugang zu Anwälten
Ja, mit Vorlauf
Stark eingeschränkt
Betroffene Gruppen
Personen ohne Bleiberecht
Auch Langzeitaufenthalte, Schutzsuchende
Rechtliche Überprüfung
Vor Abschiebung möglich
Teilweise nach Abschiebung
Quellen: Washington Post, The Spokesman-Review, New York Times, ohchr.org
ICE: Massive Aufrüstung durch neues „Big Beautiful Bill“ und bundesweite Razzien
Ermöglicht werden diese Maßnahmen indes auch durch neue Milliardenmittel aus dem „One Big Beautiful Bill Act“: ICE erhält in den kommenden vier Jahren rund 75 Milliarden Dollar zusätzlich – mehr als alle anderen Bundespolizeibehörden zusammen. Damit werden neue Haftzentren gebaut, tausende neue Beamte eingestellt und die Abschiebeflotte modernisiert, schreibt The Economist.
Tom Homan, Trumps Chefberater für Grenzpolitik, spricht von einem „Game-Changer“. ICE könne künftig „eine Million Abschiebungen pro Jahr durchführen“. Die Zahl der Festnahmen steigt rasant, die Kapazitäten für Inhaftierungen werden mehr als verdoppelt.
Zugleich geraten die Methoden der Behörde zunehmend in die Kritik. In Kalifornien wurde ICE vorgeworfen, so die Los Angeles Times, bei Großrazzien in Los Angeles gezielt Minderheiten ohne Verdachtsgrund zu kontrollieren und festzunehmen. Ein Bundesgericht stoppte vorläufig, dass „rassisches Profiling“ und Festnahmen ohne nachvollziehbaren Verdacht weiter stattfinden dürfen.
ICE und Trump: Zunehmende Kritik von Menschenrechtlern und Juristen
Juristen warnen, notiert ohchr.org, dass die neuen Abschieberegeln de facto auf ein „erzwungenes Verschwindenlassen“ hinauslaufen könnten – eine Praxis, die nach internationalem Recht verboten ist. UN-Experten verweisen darauf, dass andere Staaten, die ähnlich verfahren haben, Migranten oft jahrelang inhaftiert oder schwersten Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt haben.
Gabriella Citroni, Vorsitzende der UN-Arbeitsgruppe zu erzwungenem Verschwindenlassen, kritisiert in der New York Times: „Die US-Regierung zeigt sich wenig kooperativ, wenn es um Aufklärung geht. Dies untergräbt die Glaubwürdigkeit der USA als Verteidiger von Menschenrechten und Demokratie.“
Auch auf innenpolitischer Ebene wächst die Unruhe: Die massiven ICE-Einsätze sorgen in vielen Kommunen für Angst, skizziert The Economist, führen zu geschlossenen Geschäften, leeren Märkten und verhindern Arztbesuche, weil Menschen aus Angst vor Kontrollen das Haus nicht mehr verlassen. Besonders betroffen sind Städte wie Los Angeles, in denen ICE-Teams mit Masken, in Zivil und ohne Erkennbarkeit in Wohnvierteln, Schulen und Kirchen auftreten.