Israels Krieg im Libanon
„Auswirkungen treffen EU“: Libanon alarmiert wegen einer Million Flüchtlingen
Israels Krieg mit der Hisbollah trifft die libanesische Bevölkerung schwer. Viele Menschen wurden verdrängt – und könnten nach Europa kommen.
Beirut – Nach den israelischen Angriffen auf den Libanon sind offenbar Millionen Menschen auf der Flucht. Neben den Einwohnern des Landes könnten auch die aus Syrien geflohenen Menschen erneut vertrieben werden. Auf ihrer Suche nach einer sicheren Zuflucht könnten sie den Blick nicht zuletzt nach Europa wenden.
Im Libanon sind bereits jetzt mehr als eine Million Menschen auf der Flucht. Das geht aus einer Veröffentlichung der Vereinten Nationen (UN) vom Montag (30. September) hervor. Allein zwischen dem 17. und 28. September seien elf Mitarbeiter des Gesundheitswesens getötet und 10 verletzt worden, hieß es dort weiter. 37 von insgesamt 317 Gesundheitszentren hätten aufgrund der Kämpfe schließen müssen; drei Krankenhäuser, in denen Patienten behandelt wurden, seien inzwischen evakuiert.
Unzählige Menschen wollen aus dem Libanon flüchten – auch vor den israelischen Luftangriffen
Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen teilt diese Einschätzung. „Die Bedarfe sind jetzt schon enorm“, so die Leiterin der politischen Abteilung der Organisation, Lara Dovifat, gegenüber dem WDR. Daher werde man die Hilfe vor Ort wahrscheinlich weiter verstärken, so Dovifat weiter. Es fehle an Matratzen, Decken, Trinkwasser und Hygienekits.
Besonders betroffen sind davon laut einem Bericht des Senders Deutsche Welle die Geflüchteten aus Syrien. Schätzungen zufolge leben demzufolge zwischen 1,5 und 2 Millionen Syrer im Libanon, nachdem sie vor dem Krieg in ihrem eigenen Land geflohen sind. Nicht als Flüchtlinge registrierte Syrer haben keinen Anspruch auf Unterstützung und leben oft in einer Art wirtschaftlicher und rechtlicher Grauzone. Die einheimische Bevölkerung des Libanon zählt nur etwa 5,2 Millionen Menschen. Auch vor den jüngsten Ereignissen hatten die Spannungen zwischen einheimischen Libanesen und vertriebenen Syrern aufgrund der wirtschaftlichen Lage zugenommen. Die einst willkommenen Arbeitskräfte wurden zusehends unerwünscht.
Geflüchtete aus dem Libanon wollen in die EU – Israels Vorgehen erschwert die Situation enorm
Dieser wachsende Hass hatte zu einem raschen Anstieg der Flüchtlingszahlen über das Mittelmeer geführt. Im Mai dieses Jahres waren bereits 4000 Syrer aus dem Libanon auf Zypern angelandet. Im ersten Quartal des Vorjahres waren es nur 78 gewesen. Mit einem Deal wollte die EU verhindern, dass sich die Flüchtlinge weiter auf den Weg nach Europa machen. Dem Libanon wurde eine Milliarde Euro zugesagt, um illegale Migration zu bekämpfen. Das Geld sollte zu den libanesischen Streitkräften fließen, aber auch für Gesundheit, Bildung und Soziales eingesetzt werden. Trotz der Bedenken hinsichtlich der effektiven Verteilung der finanziellen Hilfe vor Ort und dem Vorgehen an sich wurde das Vorhaben umgesetzt.
Am Sonntag (29. September) kündigte die Europäische Kommission zusätzliche humanitäre Hilfe in Höhe von zehn Millionen Euro für die Menschen im Libanon an. „Mit dieser Soforthilfe sollen die dringendsten Bedürfnisse wie Schutz, Nahrungsmittelhilfe, Unterkünfte und Gesundheitsversorgung gedeckt werden. Die EU ist bereit, weitere Unterstützung zu leisten, indem sie alle verfügbaren Notfallinstrumente mobilisiert, unter anderem durch den Einsatz des Katastrophenschutzverfahrens“, hieß es in einer Erklärung der Kommission.
Der Libanon ist nicht weit von Europa entfernt – Schon jetzt flüchten die Menschen vor Israels Angriffen
Trotzdem ist nicht ausgeschlossen, dass viele der Notleidenden das Land bald verlassen werden, wenn sich die Situation weiter verschlechtert. Laut Euronews sind schon jetzt 100.000 libanesische Flüchtlinge nach Syrien geflohen. Der libanesische Umweltminister, Nasser Yassin, sprach gegenüber einem Reporter der Welt von einer „beispiellosen“ Lage im Land. „Das gab es noch nie, außer bei großen Naturkatastrophen“, so Yassin weiter.
Aufgrund der Situation sei eine große Flüchtlingswelle aus dem Libanon nach Europa nicht auszuschließen. Wenn es für die Menschen keinen Weg gebe zu bleiben, „könnten wir sehen, dass sie nach jedem möglichen Ort suchen werden. Und der Libanon ist nur ein paar 100 Km von Europa entfernt“, so der Minister. Es sei also „ernst“. Die sich zusehends verschlechternde Lage im Nahen Osten werde „nicht nur den Libanon betreffen, falls das System zusammenbricht, sondern auch die Nachbarländer; insbesondere die EU-Länder“, gab Yassin weiter zu bedenken. (tpn)
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