Zwei besondere Schausteller-Familien
Seit 50 Jahren am Waldkraiburger Volksfest – Wie die Steys und die Rilkes zu festen Größen wurden
Karussells und Spielgeräte: Die Steys und Rilkes sind seit fünf Jahrzehnten fester Bestandteil des Waldkraiburger Volksfests. Zwei Familien, eine Leidenschaft und eine lange Tradition. Das sind die Geschichten dahinter.
Waldkraiburg – Im Wohnwagen von Alexander Stey hängt ein Wappen an der Wand, das dokumentieren soll, die Steys sind eine der ältesten Artistendynastien der Welt. Urkundlich wurden sie erstmals im Jahre 1437 erwähnt. Solange ist der 61-Jährige natürlich noch nicht im Schaustellergewerbe tätig. Aber seine Familie kann in diesem Jahr ihr 50-jähriges Jubiläum auf dem Waldkraiburger Volksfest feiern.
Das Artisten-Gen sei jedoch an ihm vorübergegangen, erzählt der Vater von fünf Töchtern mit einem Schmunzeln im Gesicht. Er erinnert sich gerne an seinen Opa Josef, der mit einem Zirkus in der ganzen Welt unterwegs gewesen ist. Alexanders Vater Heinrich, ein geborener Münchner, ließ sich mit seiner Familie in Howaschen nieder. „Sein Bruder Dominikus lebte bereits im Landkreis Mühldorf, das war der Grund für unseren Umzug“, erzählt der 61-Jährige, der von Beginn seines Lebens an Schaustellerluft schnupperte.
Die größte transportable Schleife Europas jedes Jahr in Waldkraiburg
Heinrich Stey startete mit einem Kettenflieger auf dem Waldkraiburger Volksfest. Es folgte der Hollywoodstar mit drehbaren Gondeln und nicht zuletzt das legendäre Wikingerschiff. Was heute völlig unmöglich wäre, aber Ende der 1960er Jahre durchaus üblich war, schildert Alexander Stey so: „Wenn mein Vater zum Mittagessen ging, hatte ich mit meinen sieben, acht Jahren alleine die Aufsicht über das Geld in der Kasse.“
Ende der 1980er Jahre stellten die Steys den Volksfestbesuchern eine Mini-Raylle zur Verfügung, bevor dann 1994 die größte transportable Schleife Europas erstmals in Waldkraiburg Station machte. Die Kinder-Traumschleife, ein buntes Karussell-Vergnügen für Kinder im Alter zwischen zwei und zehn Jahren, gehört zu Waldkraiburg wie das Amen in der Kirche.
„Für mich ist es eine Frage der Ehre jedes Jahr dabei zu sein“, betont der Schausteller, obwohl es in Sachen Umsatz zur gleichen Zeit lukrativere Plätze gäbe. Immerhin sei er in der Gegend um Waldkraiburg aufgewachsen und kenne daher viele Leute. „Außerdem“, das will Alexander nicht vergessen, „liegen mehrere Verwandte hier begraben“.
Ebenfalls seit 50 Jahren mit dabei ist Manfred Rilke. Ist der Chef der Warenspielgeräte eventuell mit dem bekannten Lyriker Rainer Maria Rilke verwandt? „Diese Namensgleichheit und was dahinter stecken könnte, habe ich bisher noch nicht ausgeforscht“, gibt er 62-Jährige zu. Fest steht aber, dass seine Familie seit fünf Jahrzehnten mit der Glückspost, so wie die Warenspielgeräte auch heißen, auf dem Volksfest in Waldkraiburg vertreten ist.
Die meisten Festbesucher nennen den Stand immer noch „Zehnerl-Automaten“, amüsiert sich Rilke, obwohl die Geräte längst nicht mehr zwei Zehnerl, sondern schon lange nur noch 20 Cent schlucken. An der Glückspost bleiben Menschen jeden Alters stehen und erhoffen sich natürlich den Hauptgewinn, der „Freie Auswahl“ verspricht. Wie der 62-Jährige berichtet, sei bereits sein Großvater Oskar Schausteller gewesen. Fünf seiner neun Kinder sind ins Gewerbe eingestiegen. Manfreds Vater, ebenfalls mit dem Vornamen Manfred, brachte 1975 die Himalaya-Bahn nach Waldkraiburg.
Werkzeugmacher von Beruf
Im Turnus von ungefähr zwei Jahren konnten die Volksfestgäste in die rasante Berg- und Talbahn einsteigen. Im Jahre 2019 trennte sich die Familie von der Bahn, die jetzt aber weiterhin im Ausland ihre Runden dreht. Der Onkel von Manfred, Dieter Rilke, war es, der 1975 mit seiner Frau und zwei Töchtern in Waldkraiburg einen Automatenstand aufbaute. Seit dieser Zeit erfreuen sich die Waldkraiburger an den Warenspielgeräten.
Weil die Töchter von Dieter Rilke nicht in die Fußstapfen ihres Vaters treten wollten, übernahm Neffe Manfred das Geschäft. „Eigentlich bin ich Werkzeugmacher von Beruf“, sagt der 62-Jährige und ergänzt: „Unseren Eltern war es wichtig, dass meine Schwester und ich einen Beruf außerhalb des Schaustellergewerbes erlernen, damit wir im Falle eines Falles abgesichert sind.“
Manfred Rilke ist gerne in Waldkraiburg, er lobt die guten Kontakte zur Stadt und den Verantwortlichen. Außerdem ist ihm von jeher das Waldbad in bester Erinnerung. Dort konnte er sich vom Schausteller-Alltag freischwimmen.

