Hündin mit Schutzengel trieb im Wasser
Ein Knall aus Tradition und Mia war weg: Hunde-Mama Daniela über die dramatische Suche im Innkanal
Auch am Tag danach ist Daniela Hanke noch aufgewühlt: Mehr als vier Stunden suchte sie nach Familienhündin Mia. Die war in den Innkanal gefallen und konnte nach 20 Kilometern „Kanalfahrt” kurz vor dem Kraftwerk Töging gerettet werden. Warum Mia einen Schutzengel hatte und wie es ihr heute geht.
Jettenbach – Der Schreck sitzt Daniela Hanke aus Jettenbach noch immer in den Knochen: Erst am Samstag (14. Juni) hatte ihr Bruder Siegfrid Hanke Hündin Mia zur Pflege vorbeigebracht, weil er in den Urlaub fahren wollte. Am nächsten Morgen um kurz nach neun Uhr musste sie ihm mitteilen, dass der Labrador-Mix verschwunden ist. Stunden des Suchens und Bangens beginnen.
Grund für Mias Verschwinden war nicht etwa ein offener Gartenzaun, sondern ein kirchlicher Brauch: Kurz vor neun Uhr wurden in etwa 250 Metern Entfernung des Hauses an der Jettenbacher Hauptstraße Brauchtums-Kanonen abgefeuert. Der Knall erschreckte die Hündin so sehr, dass sie kurzerhand von ihrem Bettchen auf der Terrasse aufsprang, einen Satz über den fast brusthohen Gartenzaun machte und das Weite suchte.
Vierstündige Suche bleibt ohne Erfolg
„Mia ist von Haus aus ein sehr schreckhafter Hund”, erzählt Daniela Hanke, die regelmäßig auf das Tier ihres Bruders aufpasst. Keine fünf Minuten später saß sie im Auto und machte sich auf die Suche nach Mia. Ihr Bruder wusste bereits Bescheid und auch die Polizei informierte sie umgehend. Zuvor teilte sie einen Hilferuf in den sozialen Medien.
Der zog seine Kreise: Nicht nur sie selbst war vier Stunden lang in der näheren Umgebung unterwegs, auch Freunde der Familie und Tierliebhaber, die vom verschwundenen Hund aus dem Internet erfahren hatten, halfen mit. Doch von Mia keine Spur. „Ich dachte, dass sie sicher in die entgegengesetzte Richtung der Schüsse die Flucht ergriffen hat”, sagt Daniela Hanke. Ein Irrglaube, der sie in die falsche Richtung führte. .
„Habe erstmal gedacht, sie hat es nicht überlebt“
Nach knapp zwei Stunden auf der Straße rief sie beim Tierheim an und erhielt ein erstes Lebenszeichen: Gegen 10 Uhr wurde Mia in Pürten humpelnd gesichtet. Daniela Hanke machte sich sofort auf den Weg, fuhr den Innkanal entlang, doch von Mia weiterhin keine Spur. Da trieb die Hündin vermutlich bereits im Kanal. „Wahrscheinlich wollte sie trinken und ist auf dem steilen Beton abgerutscht”, mutmaßt sie.
Daniela Hanke fuhr bis Mühldorf Nord – nur 500 Meter weiter hätte sie die Hündin vermutlich entdeckt. Doch sie kehrte um, dachte, so weit kann sie nicht gekommen sein. Um 13.40 Uhr erreichte sie schließlich ein Anruf, der sie zunächst in Tränen ausbrechen ließ. Ein Mann hat Mia im Innkanal entdeckt. „Da habe ich erstmal gedacht, sie hat es nicht überlebt”, erinnert sich Daniela Hanke. Eine Vorstellung, mit der sie bis jetzt schwer umgehen kann.
Schutzengel Reinhard informiert Rettungskräfte
Doch sogleich folgte die erlösende Nachricht: Der Mann am Telefon, den sie als Schutzengel Reinhard bezeichnet, konnte der Hündin aus der misslichen Lage helfen. Eigentlich sei er mit dem Fahrrad Richtung Mühldorf unterwegs gewesen, als Mia ihm Richtung Töging im Fluss entgegentrieb. „Er dachte erst, es wäre ein Baumstamm”, erzählt Daniela Hanke, die eine Stunde mit dem Retter telefoniert hat.
Mit Ästen und Rettungsbojen habe er versucht, dem Tier zu helfen – kam jedoch nicht nah genug heran. Aus eigener Kraft konnte sich Mia schließlich auf eine Sandbank retten. Während sie auf die Rettungskräfte wartete, sprach Reinhard ihr weiterhin beruhigend zu. Nur 20 Minuten später stürzten sich Einsatzkräfte der Schnell-Einsatz-Gruppe (SEG) Töging / Winhöring, Feuerwehrleute aus Töging und Mühldorf sowie Polizei und BRK-Rettungsdienst gesichert in die Fluten und holten die Hündin ans sichere Ufer. Gerade noch rechtzeitig, denn nur 300 Meter flussabwärts drohte das Turbinenwehr des Kraftwerks Töging.
Unterkühlt und schwach, aber lebendig
„Sie hat gezittert wie Espenlaub, war stark unterkühlt”, erzählt die glückliche Co-Halterin. „Ich kann gar nicht in Worte fassen, was die Rettungskräfte leisten.” Besonders dankbar ist sie, dass kein Unterschied zwischen einem Menschen- und einem Hundeleben gemacht wurde. „Auch allen, die mit uns gesucht haben, möchte ich danken.”
Mia ist mit einem Schrecken davon gekommen und hat einen ordentlichen Muskelkater. Nach einer Nacht in der Tierklinik durfte sie aber wieder nach Hause. Daniela Hanke, die in einem Waldkraiburger Kindergarten arbeitet, konnte am Montag (16. Juni) den Anruf kaum erwarten und ist überglücklich, Mia wieder in die Arme schließen zu können.
Hündin Mia schon immer sehr ängstlich
Noch humpelt die Hündin, muss Medikamente nehmen. Ihre Pfoten und Krallen sind abgeschürft, vermutlich von gescheiterten Versuchen, an den steilen Wänden des Kanals wieder nach oben zu gelangen. „Aber das sind alles Wunden, die heilen”, sagt Daniela Hanke. Ob Mia ein Trauma davon getragen hat, muss sich noch zeigen.
„Ich möchte mich zu einer Angsttherapie informieren, dass sie sich nicht mehr so dolle erschreckt”, betont Daniela Hanke. Ein Wesenszug, den Mia von klein auf in sich trage, sich mit ihren inzwischen acht Jahren aber verschlechtert habe. Ansonsten sei sie liebenswert, suche immer Nähe und sei vor allem gegenüber Kindern äußerst geduldig. Normalerweise wisse sie genau, dass sie nicht über den Zaun dürfe.
Hundeliebhaberin überglücklich über Rettung
Hätte Daniela Hanke gewusst, dass an diesem Tag Kanonen-Schüsse fallen, hätte sie die Hündin gar nicht nach draußen gelassen. „Ich bin ein Freund von Traditionen und weiß natürlich, dass zu bestimmten Anlässen geschossen wird”, sagt sie. In diesem Fall habe sie nicht damit gerechnet und sich selbst ebenfalls erschreckt.
Auch die 39-Jährige muss die letzten Tage nun erstmal verarbeiten, befürchtet, zukünftig übervorsichtig zu sein. Einen Hund wie Mia habe sie noch nie gehabt, dabei sei sie, seit sie denken kann, mit Hunden aufgewachsen. „Was für andere Kinder sind, sind für mich meine Hunde”, sagt Daniela Hanke. Hätte Mia nicht geborgen werden können, hätte sie sich womöglich ewig Vorwürfe gemacht. Umso größer ist der Stein, der ihr vom Herzen gefallen ist, als sie die winselnde Hündin in der Tierklinik in die Arme schließen konnte.
