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Lernen im Berufsbildungswerk Don Bosco

Kein Platz im System: So bekommen Menschen wie Lena in Aschau eine gute Berufsausbildung

Lena Schneller macht im Berufsbildungswerk Don Bosco in Aschau am Inn eine Ausbildung zur Elektronikerin für Geräte und Systeme. In Waldwinkel wird sie gleichermaßen gefordert wie gefördert.
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Lena Schneller macht im Berufsbildungswerk Don Bosco in Aschau am Inn eine Ausbildung zur Elektronikerin für Geräte und Systeme. In Waldwinkel wird sie gleichermaßen gefordert wie gefördert.

Auf dem ersten Arbeitsmarkt haben sie keinen Platz gefunden – im Berufsbildungswerk Don Bosco in Waldwinkel starten Jugendliche wie Lena Schneller trotzdem durch. Was ihnen hilft, den Weg in ein selbstständiges Leben zu finden.

Aschau am Inn – Eine Ausbildung beginnen: Das hat sich Lena Schneller im vergangenen September nicht zugetraut – zumindest nicht in der freien Wirtschaft. „Ich war noch nicht wieder so stabil”, sagt die Auszubildende Elektronikerin für Geräte und Systeme. Sie lernt im Berufsbildungs- und Jugendwerk Don Bosco in Aschau. „Hier bin ich gefordert und die Ausbildung tut mir gut”, sagt die 25-Jährige.

„In Waldwinkel sind wir für gestrandete junge Menschen da, die es schwer haben, im Leben Fuß zu fassen”, sagt Gesamtleiter Andreas Harr. Die Jugendlichen sind zwischen 15 und 25 Jahre alt und finden keine Ausbildungsstelle auf dem regulären Arbeitsmarkt. 90 Prozent von ihnen haben eine oder mehrere psychische Erkrankungen, darunter fallen beispielsweise die Diagnosen Autismus und Borderline. „Meist sind die Lebensläufe schon sehr fragmentiert und die jungen Menschen haben ein geringes Selbstvertrauen.”

Ausbildung mit therapeutischer Begleitung

Lena Schneller fällt es schwer, mit anderen in Kontakt zu treten. „Ich habe zwei Behinderungen, die die soziale Kommunikation erschweren und meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt verschlechtern”, sagt die Azubine im ersten Lehrjahr. In Waldwinkel bekommt sie genau dabei die nötige Unterstützung. „Man kann sich immer melden, wenn man Probleme mit irgendwas hat.”

Das Berufsbildungswerk Don Bosco in Aschau am Inn setzt auf ein ganzheitliches Konzept: Neben einer normalen Ausbildung erhalten die jungen Menschen therapeutische Begleitung je nach ihrem persönlichen Bedarf.

Die Einrichtung des katholischen Ordens Salesianer Don Bosco setzt auf ein ganzheitliches Konzept: Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen erhalten nicht nur eine anerkannte und reguläre Ausbildung, sondern auch eine bedarfsorientierte Begleitung durch unter anderem Ergo-, Psycho- und Sport-Therapeuten. Dabei können sie zwischen 36 Ausbildungsberufen wählen. Ein Berufsvorbereitungsjahr bietet die Möglichkeit, erstmal reinzuschnuppern.

Berufsbildungswerk Don Bosco: Heute Fokus auf die Psyche

Erwin Adlfinger ist Gärtnermeister, Ausbilder und Salesianer. „Ohne Ausbildung sind die jungen Leute blockiert, sie ist die Grundlage, um gesellschaftlich und beruflich weiterzukommen – heute mehr denn je”, sagt er. Ein Ausbilder ist in der Einrichtung für acht Azubis zuständig. Adlfinger ist einer von wenigen Ordensmitgliedern, die hier arbeiten – mehr als 99 Prozent sind weltliche Angestellte. Auch bei den Azubis spielen Konfession und Sexualität keine Rolle. Seit beinahe 40 Jahren unterstützt Adlfinger auf dem Weg ins Berufsleben. „Hier haben wir Zeit für die Ausbildung, können Jugendliche je nach Bedarf fördern, und doch sind wir ein Verkaufsbetrieb mit Kunden wie in der Wirtschaft auch.”

Geben Einblicke in die Ausbildung im Berufsbildungswerk Don Bosco in Waldwinkel (v. l.): Referentin für Personal und Marketing Anna-Lena Haupt, Gesamtleiter Andreas Harr und Gärtnermeister Erwin Adlfinger.

Bis zu 80 Prozent der Absolventen eines Jahrgangs schaffen es laut Harr hinterher auf den ersten Arbeitsmarkt. Bereits seit 1950 ist die Einrichtung damit ein berufliches Sprungbrett. Über die Jahre hat sich der Fokus dabei immer wieder verschoben: Fanden zunächst straffällige Jugendliche hier Halt, waren es später körperbehinderte. „Zu Hochzeiten waren hier 500 Jugendliche”, erzählt Harr. Heute sei die Gesellschaft inklusiver als früher und der Schwerpunkt habe sich darum auf die Psyche verlagert.

Nicht nur Ausbildungsplatz, sondern auch Internat

„Die Potenziale, die wir hier haben, passen oftmals nicht ins System Schule”, erklärt Harr. Die jungen Menschen kommen über die Arbeitsagentur nach Waldwinkel. Voraussetzung für eine Ausbildung im Berufsbildungswerk ist, dass sie einen Reha-Status haben – dann werden die Kosten von der Arbeitsagentur übernommen. 52 Einrichtungen dieser Art gibt es in Deutschland.

Für etwa 130 der insgesamt 200 Jugendlichen ist Waldwinkel nicht nur Ausbildungsstätte, sondern auch Zuhause. „Viele stammen aus entwurzelten Familien und leben hier wie in einem Internat”, erzählt Harr. Für sie werden Unterkunft, Verpflegung und Fahrtkosten übernommen, zudem bekommen sie ein Taschengeld von 129 Euro im Monat. „Einen Tacken mehr könnte es sein – wenn mein keinen Rückhalt von den Eltern hat, kann das knapp werden”, meint Azubine Schneller. Wer nicht in Waldwinkel wohnt, erhält jedoch einen höheren Satz.

Förderschule soll ebenfalls nach Waldwinkel kommen

Zukünftig sollen noch mehr Kinder und Jugendliche in Waldwinkel gefördert werden: Aktuell befindet sich auf dem Gelände eine Großbaustelle, ab 2028 sollen Kinder ab 5 Jahren hier die Förderschule besuchen können. „Das ist eine neue Ära für Waldwinkel und das derzeit teuerste Schulprojekt des Landkreises”, betont Harr. Ob das inklusiv sei, darüber lasse sich streiten, aber die Kompetenz am Standort sei auf jeden Fall groß. „Die jungen Menschen kommen in einem Alter zu uns, wo wir noch den Stups in die richtige Richtung geben können.”

Ein Abschluss und damit perspektivisch auch ein eigenes Einkommen sind nicht nur Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben, sie bringen den Steuerzahlern auch etwas zurück. „Nicht jeder unserer Absolventen wird bis zur Rente durcharbeiten, aber ein Großteil schafft es, eine dauerhafte Erwerbslosigkeit oder eine Arbeit in Werkstätten für Menschen mit Behinderung zu umgehen”, erklärt Harr.

Hochwertige Ausbildung ohne wirtschaftlichen Druck

„Ich würde sagen, dass unsere Ausbildung hier sogar hochwertiger ist, da wir keine Notwendigkeit haben, wirtschaftlich zu arbeiten”, sagt Ausbilder Christoph Deyerer. Die angehenden Elektroniker lernen die ganze Bandbreite kennen: von der Steckdose bis zur Reparatur von Computern, demnächst soll eine eigene Fertigungsstraße hinzukommen. Um auch Erfahrungen in der freien Wirtschaft zu sammeln, sind Praktika ein fester Bestandteil der Berufsausbildung. „Aber dafür brauchen wir auch Betriebe, die mit uns kooperieren.”

Ausbilder Christoph Deyerer mit Azubine Lena Schneller – nach mehr als 20 Jahren Erfahrung auf dem ersten Arbeitsmarkt macht er nun die angehenden Elektronikerinnen und Elektroniker im Berufsbildungswerk fit.

Für Lena Schneller ist es der zweite Anlauf für eine Ausbildung in der Elektro-Branche. „Der Beruf macht mir Spaß und beinhaltet vieles, was ich gut kann: Physik und Feinmotorik, die man besonders beim Löten braucht”, erzählt die 25-Jährige. Nebenher helfe ihr die Sporttherapie und bei akuten Problemen könne sie sich an einen Psychologen wenden. Sie ist zuversichtlich, langfristig auf dem ersten Arbeitsmarkt anzukommen. „Über ihre Schulnoten kann ich mich überhaupt nicht beschweren”, bestärkt Ausbilder Deyerer.

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