Unterwegs mit dem Kult-Moped
Freiheit auf zwei Rädern: Zwei Niedertaufkirchener Jungs (15) und ihr ganz besonderer Roadtrip
400 Kilometer hin, 400 Kilometer zurück: Einen ganz besonderen Roadtrip haben zwei 15-jährige Jungs aus Niedertaufkirchen und Mühldorf hinter sich, nachdem sie sich in Richtung Suhl aufgemacht haben. Auf einem ganz besonderen Fortbewegungsmittel.
Niedertaufkirchen/Mühldorf – Da war viel Sitzfleisch nötig für die Tour, auf die sich der Niedertaufkirchener Benedikt Grüner mit seinem Spezl Luca Schwarz aus Mühldorf (beide 15) eingelassen haben. Nach Suhl sollte es auf diesem Roadtrip gehen für den Niedertaufkirchener, jetzt da er endlich seinen Moped-Führerschein in den Händen hielt. Knapp 400 Kilometer und das auf dem Rücken eines Oldtimer-Mopeds mit nur 50 Kubikzentimeter Hubraum.
Warum Suhl und nicht der Bodensee?
Warum ausgerechnet Suhl und nicht etwa Bodensee oder Berchtesgaden, das ist schnell erklärt. „In Suhl befinden sich die Simson-Werke!“ Ein Museum voller Zweirad-Oldtimer. Die beiden besitzen ein genauso solches Oldtimer-Modell – nur dass dieses eben noch verkehrstüchtig ist.
Und wie es das ist. „Der Tank fasst fast 8 Liter. Auf der anderen Seite verbraucht die Simson ziemlich wenig. Wir kamen mit zwei Tankfüllungen durch“, erzählt Benedikt Grüner. Das erste Mal Auftanken auf der Hinfahrt, knapp vor dem Ziel nach 350 Kilometern. Das zweite Mal dann eben bei der Rückfahrt.
Sonntagmorgen begann der Roadtrip
Am Sonntagfrüh um 8 Uhr sind Grüner und Schwarz aufgebrochen. Wer nun aber glaubt, die beiden dümpeln da mit 45 km/h dahin, der irrt. Denn eine 50-ccm-Simson kann je nach Modell und Zulassung bis zu 60 km/h fahren, da diese Fahrzeuge aufgrund ihrer historischen Herkunft eine Sonderregelung genießen. „Die reine Fahrzeit betrug dann auch nur acht Stunden“, berichtet Benedikt Grüner.
Regelmäßig, alle zwei Stunden, hätten die beiden bayerischen Biker eine Pause eingelegt, bevor sie fast zwölf Stunden später das Ortsschild im thüringischen Suhl passiert hatten. „Wir haben es etwas gemütlicher angehen lassen“, erklärt Grüner die späte Ankunft. Fair. Sicher. Gelassen.
Die Nacht war zu kalt zum Schlafen
Beide übernachteten auf einem Campingplatz, konnten aber fast kein Auge zumachen, weil die Nacht so kalt war. Und auch kurz. Um 7 Uhr gings zum Frühstück, um 10 Uhr öffnete das Museum seine Toren.
Früher war Suhl die Produktionsstätte der Kult-Mopeds. Doch wurde das Fließband am 30. September 2002 endgültig abgeschaltet. Nachdem Simson bereits im Juni 2002 Insolvenz anmelden musste, wurde die Produktion am 30. September 2002 endgültig eingestellt, weil sich kein neuer Investor fand. Die Modelle 050TS und 050SC waren die letzten überarbeiteten Mokicks, die das Werk verließen. Das war wenige Tage zuvor, am 27. September 2002, der Fall.
16 Stunden Fahrt für eineinhalb Stunden Museum
Um 11.30 Uhr hatten die beiden dann die wichtigsten Bilder im Kasten. Und schon ging es wieder zurück nach Bayern. Einen halben Tag später waren die beiden wieder daheim – und müde von der langen Fahrt.
Angst, dass ihnen die Nostalgie-Flitzer technische Probleme bereiten könnten, hatten Grüner und Schwarz nie. Erstens, so berichtet Grüner, ist die Technik sehr einfach. Und dann können die beiden auch noch sehr gut mit Schraubenschlüssel, Schraubenzieher und Zündkerzenschlüssel umgehen, wie Benedikt Grüner stolz verkündet.
Das Rumbasteln hat er vom Papa gelernt, sagt Benedikt Grüner. Und Ersatzteile seien trotz der Schließung des Werkes immer noch verfügbar. „Da gibt es spezialisierte Online-Shops. Da bekommst du jede noch so kleine Schraube“, ist Grüner fasziniert. Wenn bei einzelnen Schraubertätigkeiten dann doch etwas mehr als die Hilfe des Vaters nötig wird, dann erledigen gut gemachte Online-Videos den Rest, um sich einzuarbeiten und einen stotternden Motor wieder zum Laufen zu bringen.
Jeder muss seine eigenen Erfahrungen sammlen
Dass zwei 15-Jährige, deren Mopeds mit dem Baujahr 1983 fast dreimal so alt sind wie die Lenker, durch halb Deutschland reisen, ist ungewöhnlich. Doch große Sorgen hat sich die Mutter kaum gemacht. „Irgendwann muss man ja loslassen. Sie müssen die Erfahrung selbst machen!“, sagt Carina Grüner, Mutter von Benedikt. „Und wenn alle Stricke reißen oder Probleme auftauchen, haben sie schließlich noch ein Handy dabei.“ Oder eben den Benedikt: „Wenn am Moped was fehlt, dann kann er das reparieren“, ist auch Luca Schwarz froh über die Schrauber-Qualitäten seines Moped-Kumpels. Denn selbst hat er da nicht so viel Erfahrung, sagt er.
Roller-Führerschein mit 15 Jahren – allerdings mit Einschränkungen
Jugendliche in ganz Deutschland können den Roller-Führerschein der Klasse AM mit 15 Jahren machen. Die Klasse AM für 15-Jährige ist laut ADAC bundesweit möglich. Bis zum 16. Geburtstag allerdings gilt AM nur in Deutschland, Fahrten ins Ausland sind erst ab dem 16. Geburtstag erlaubt
Mit der Klasse AM darf man Kleinkrafträder mit maximal 50 Kubikzentimetern Hubraum (bei Modellen mit Verbrennungsmotor), 4 Kilowatt Dauer-Nennleistung (bei Elektroantrieb) und 45 km/h Höchstgeschwindigkeit fahren.
Folgende Fahrzeuge sind in der Führerscheinklasse AM enthalten: zweirädrige Krafträder, dreirädrige Krafträder (z.B. Minitrikes) und vierrädrige Leichtkraftfahrzeuge (sogenannte Microcars oder Mopedautos, Leermasse des Fahrzeugs maximal 425 Kilogramm)
Curiose Ausflüge haben die beiden schon gemacht. Da durfte auch der Eberhofer-Kreisel in Frontenhausen natürlich nicht fehlen, wo sie ihre Simson S51 entsprechend in Szene gesetzt haben. Ein relativ kurzer Ausflug im Vergleich zur Deutschland-Tour. Aber recht viele andere Optionen, als innerhalb der Deutschen Grenzen zu cruisen, gibt es nicht: „Wir hatten ursprünglich vor, an den Gardasee zu fahren. Aber das geht nicht, weil wir mit unserem Führerschein in Österreich nicht fahren dürfen. In Italien dann schon wieder“, erklärt Luca Schwarz.
Beim nächsten Mal geht‘s über den Brenner
Aber ewig müssen die beiden nicht warten. Der Sommer ist ohnehin fast vorbei. Außerdem sind die beiden im nächsten Jahr dann tatsächlich schon 16 Jahre alt. Und dann dürfen endlich durchstarten. Durch Österreich Richtung Brenner und runter zum Lago di Garda. „Das ist auf jeden Fall unser nächstes Ziel!“, sagt Luca Schwarz.

