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Tag der seelischen Gesundheit in Mühldorf

Neurofaktor Alltag: Warum eine beständige Tages-Struktur das beste Hirn-Training ist

Das Gehirn ist komplex: Aber es wird immer besser erforscht.
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Das Gehirn ist komplex: Aber es wird immer besser erforscht. Tagesstruktur und sinnvolle Beschäftigung wirken sich positiv auf die Gehirntätigkeit aus. Besonders interessant ist dies bei Menschen, die an einer psychischen beziehungsweise seelischen Erkrankung leiden.

Wie beeinflussen immer wiederkehrende Routinen unser Gehirn? Dr. Max Braun erklärt am „Tag der seelischen Gesundheit“ am 10. Oktober in Mühldorf, warum feste Tagesstrukturen und sinnvolle Beschäftigung mehr sind als nur Ordnung im Alltag: Sie fördern Wohlbefinden, schützen Nervenzellen und stärken mentale Stabilität.

Neumarkt-St. Veit/Mühldorf Wer morgens nicht weiß, warum er aufstehen soll, verliert schnell Halt. Ein geregelter Tagesablauf gibt Struktur und Sicherheit – und er aktiviert die Nervenzellen im Gehirn. Diese Meinung vertritt auch Klaus Sawitzki. Sawitzki ist Einrichtungsleiter des Ehrko-Wohnzentrums, einer beschützenden Einrichtung für Menschen mit psychischen und seelischen Erkrankungen in Neumarkt-St. Veit.

Facharzt gibt wertvolle Einblicke

Als Sprecher des Ambulant komplementären Verbunds (AKV) ist Sawitzki auch Mitorganisator vom „Tag der seelischen Gesundheit“, der am 10. Oktober, im Kino Hollywood am Inn in Mühldorf stattfinden wird.

„Tagesstruktur und sinnvolle Beschäftigung aus neurobiologischer Perspektive“ heißt es etwas sperrig auf dem Programmzettel für diesen Tag. Dr. Max Braun von der Fachklinik Alpenland wird darüber referieren, warum es so wichtig ist, einen geregelten Tagesablauf zu leben. Besonders bei Menschen, die eine psychische beziehungsweise seelische Erkrankung haben, geht es um die Frage, wie regelmäßige Rhythmen und gezielte Aktivitäten nicht nur das Wohlbefinden fördern, sondern auch messbare Veränderungen im Gehirn bewirken.

Mehr als nur Ordnung im Kalender

Ein Themenfeld, das auch Sawitzki hochinteressant findet. Im beschützenden Wohnzentrum von Ehrko in Neumarkt-St. Veit werden Personen mit psychischen und seelischen Erkrankungen stationär betreut. Sawitzki weiß daher: „Ein geregelter Tagesablauf ist mehr als Ordnung im Kalender – er ist ein biologisches Grundbedürfnis.“.

Fällt die Struktur weg, etwa durch Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Isolation, habe das seiner Erfahrung nach tiefgreifende Folgen. Er beruft sich auf immer präzisere, neurowissenschaftliche Studien, die zeigen: Ohne Routinen verändern sich Hirnareale negativ. Umgekehrt genügt schon eine kleine, regelmäßig ausgeführte Tätigkeit, um neuronale Netzwerke zu stabilisieren. „Selbst schwer beeinträchtigte Menschen profitieren davon, wenn sie etwas regelmäßig und konzentriert tun – selbst wenn es nur das Ausmalen eines Mandalas ist. Das Gehirn reagiert spürbar.“

Feste Tagesstruktur ist wie Training

Natürlich gebe es keine Blaupause, die auf jeden Klienten gleichermaßen anzuwenden wäre. Aber eine feste Tagesstruktur wirkt wie ein Training: Sie erhöht den Sauerstoffverbrauch im Gehirn, fördert synaptische Verbindungen und erhält die Leistungsfähigkeit, findet Sawitzki. „Die Klienten kommen zur Ruhe, wenn sie einen geregelten Tagesablauf haben.“ Der Tag-Nacht-Rhythmus sei entscheidend für das Wohlbefinden der Klienten.

Eine gesunde Tagesstruktur besteht aus festen Eckpunkten. Neben Aufstehen, Körperpflege und Frühstück erwähnt Sawitzki Beschäftigungsangebote, Therapien und kreative Projekte. „Etwa die Tätigkeit in der Schreinerei!“ Die Umsetzung habe individuell zu erfolgen. „Manche Menschen können 90 Minuten konzentriert mitarbeiten, andere brauchen Pausen nach 20 Minuten.“ Musik, Kunst oder Bewegungseinheiten können dabei flexibel integriert werden.

Gut möglich, dass sich ein Klient beim Musizieren wieder daran erinnert, wie ein Akkord auf der Gitarre gespielt wird!

Klaus Sawitzki

Eines betont Sawitzki dabei: Eine Tagesstruktur dürfe nicht als „bloße Freizeitbeschäftigung“ abgetan werden: „Struktur und Beschäftigung sind kein nettes Beiwerk, sondern ein zentrales therapeutisches Instrument.“ Sie fördere Kommunikation, Gedächtnisleistung und Selbstbestimmung. „Gut möglich, dass sich ein Klient beim Musizieren wieder daran erinnert, wie ein Akkord auf der Gitarre gespielt wird“, bringt Sawitzki ein Beispiel.

Im Ehrko-Wohnheim sind es chronisch kranke Menschen mit multiplen Problematiken, sogenannten Doppel- und Mehrfachdiagnosen sowie Persönlichkeitsstörungen, die auch aus einer Suchterkrankung heraus einer stationären Unterbringung bedürfen.

Tag der seelischen Gesundheit

Die Fachtagung Neurobiologie zum Tag der seelischen Gesundheit findet am 10. Oktober im Kino Hollywood am Inn in Mühldorf statt. Der Tag beginnt um 16.30 Uhr mit Grußworten. Um 16.50 Uhr startet der Filmvortrag „Die Gehirnmaschine – Forscher entschlüsseln den Bauplan des menschlichen Gehirns“. Nach einer Pause setzt Dr. Max Braun (FK Alpenland) die Fachtagung mit seinem Vortrag „Tagesstruktur und sinnvolle Beschäftigung aus neurobiologischer Perspektive“ fort. Um 19.15 Uhr erfolgt im Foyer der Ausklang mit Imbiss. Veranstalter ist die Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft (PSAG) Mühldorf.

Dass die Herausforderungen der Gegenwart für die Gesellschaft nicht einfacher werden, verhehlt Sawitzki nicht. Er sieht besonders bei jungen Menschen das Problem der Digitalisierung. „Kinder und Jugendliche verbringen heute viel Zeit mit TikTok, Gaming oder anderen kurzen Reizformaten. Das überflutet das Belohnungssystem mit Dopamin und kann suchtähnliche Mechanismen auslösen“, warnt er.

Das betrifft nicht nur Erkrankte, sondern auch vermeintlich gesunde Menschen. Hier sei die Rolle der Eltern zentral: „Wenn Eltern ihren Kindern Strukturen vorleben, brauchen diese keine künstlichen Grenzen.“

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