Virus besonders für Babys gefährlich
Apotheker im Kreis Mühldorf schlagen Alarm: RSV-Impfstoffe für Kinder bereits knapp
Atemwegserkrankungen haben Hochkonjunktur. Jetzt schlagen Kinderärzte und Apotheker Alarm. Denn für das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) werden die Impfstoffe knapp. Auch im Landkreis Mühldorf.
Neumarkt-St. Veit – Das bestätigen jetzt verschiedene Apotheker. „Wir dürfen mittlerweile den Impfstoff aus Großpackungen ,auseinzeln‘“, sagt zum Beispiel Ulrich Geltinger, Inhaber der Johannes-Apotheke in Neumarkt-St. Veit. Es werden also Einzeldosen vertrieben, um der Nachfrage Herr zu werden. „Weil einfach nicht genug Impfstoff auf dem Markt verfügbar ist“.
Es geht um das Medikament Beyfortus
Die Rede ist von einem Arzneimittel mit dem Namen Beyfortus. Nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts dient es zur Prävention von Erkrankungen der unteren Atemwege mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) bei Neugeborenen und Säuglingen während ihrer ersten RSV-Saison. Außerdem bei Kindern im Alter von 24 Monaten, die während ihrer zweiten RSV-Saison weiterhin anfällig für eine schwere RSV-Erkrankung sind.
STIKO empfiehlt Immunisierung
Es gibt Lieferengpässe, nachdem die Ständige Impfkomission (STIKO) eine RSV-Immmunisierung empfohlen hat. Die hohe Nachfrage kann schon jetzt nicht mehr gedeckt werden, wie das Paul-Ehrlich-Institut beklagt. Über die Gründe kann Apotheker Geltinger nur spekulieren. „Wahrscheinlich fehlen aktuell die Kapazitäten, den Impfstoff herzustellen. Oder eine der Lieferketten hat versagt, wenn etwa so etwas Banales wie der Blister oder die Spritze fehlen. Auch das kann zu Verzögerungen führen“, weiß Geltinger. „Wir schauen, was wir kaufen können!“
Denn den Impfstoff selbst herzustellen – dafür fehlt ihm die Ausstattung in seinem Apothekerlabor. „Zu komplex!“, sagt Geltinger, der wie viele seiner Kollegen darauf wartet, dass Alternativen zugelassen werden. Geltinger verweist auf das Arzneimittel Salbutamol, das bei Bronchialasthma oder chronischer Bronchitis eingesetzt wird. „Hier müssen wir auf ausländische Präparate ausweichen, es darf importiert werden auf Grundlage einer Ausnahmegenehmigung.“
Eine solche Ausnahmegenehmigung kann zum Beispiel die Regierung von Oberbayern erteilen, wie sie es zum Beispiel bei Salbutamol getan hat. Dann werden eben Präparate importiert, die eigentlich für den englischen oder französischen Markt vorgesehen sind. „Albuterol sulfate“ steht dann auf der Verpackung, der Wirkstoff ist der Gleiche, sagt Geltinger.
Seit August wird die Impfung auch Älteren empfohlen
Der Wirkstoff Beyfortus schützt laut Robert-Koch-Institut (RKI) gut vor schweren RSV-Erkrankungen der unteren Atemwege. Seit Ende Juni 2024 empfiehlt die STIKO allen Neugeborenen und Säuglingen eine RSV-Prophylaxe mit Beyfortus als Einmaldosis. Säuglinge, die zwischen April und September geboren sind, sollen das Präparat laut RKI möglichst im Herbst erhalten.
Neugeborene, die während der RSV-Saison (üblicherweise zwischen Oktober und März) geboren werden, sollen die Impfung möglichst rasch nach der Geburt bekommen, idealerweise bei Entlassung aus der Geburtseinrichtung beziehungsweise bei der U2-Untersuchung.
Seit Anfang August empfiehlt die STIKO für alle Personen über 75 Jahre eine einmalige RSV-Impfung. Außerdem wird Personen im Alter ab 60 Jahren mit einer schweren Grunderkrankung oder Personen, die in einer Einrichtung der Pflege leben, ebenfalls eine ein-malige RSV-Impfung als Indikationsimpfung.
Apothekerin Christina Beckel bestätigt: „Das mit den Engpässen wird immer schlimmer!“ Lange Zeit sei der Medikamentenmangel auf Corona, die Pandemie und den Lockdown geschoben worden. „Aber diese Ausrede kann man nicht mehr gelten lassen“, sagt die Neumarkterin. Auch sie hat den RSV-Impfstoff gerade nicht zur Verfügung.
Rabattverträge nicht attraktiv für Pharma-Unternehmen
Diese Engpässe bei Medikamenten seien schon längst kein Phänomen mehr. „Das ist etwas, womit wir im letzten Dreivierteljahr vermehrt konfrontiert sind“, sagt Geltinge, er macht dafür auch die Rabattverträge verantwortlich. Apotheker-Kollegin Beckel sagt: „Die Rabattverträge der Krankenkassen drücken die Hersteller so weit, dass es sich diese nicht mehr leisten können, in Deutschland zu produzieren.“ Die Erfahrung mit Corona habe gezeigt: Damals hätten Länder wie Indien Impfstoffe nicht mehr herausgerückt, weil sie Impfstoff und auch Paracetamol für sich selbst behalten hätten. „Und so können auch große Infektionswellen eine Rolle spielen, diese hatten wir früher nicht in diesem Ausmaß.“ Sie jedenfalls stellt sich auf einen Winter voller Herausforderungen ein. So wie 2023, als plötzlich ein Antibiotikum in Saftform Mangelware geworden ist. Und schon damals waren Kinder die Leidtragenden.
