Veronika, der Lenz ist da?
Frühlingsgefühle im Herbst: Kastanie in Egglkofen treibt unerwartet Blüten
Bäume sollten im Herbst eigentlich ihre Blätter fallen lassen. Doch in Egglkofen treibt eine Kastanie neu aus. Liegt es am Klimawandel? Ist das inzwischen Normalität? Die OVB Heimatzeitungen hat bei einem Experten nachgefragt, was dahinter steckt.
Neumarkt-St. Veit – „Der Klimawandel treibt seltsame respektive echte Blüten!“, umschreibt der Neumarkt-St. Veiter Stadtrat Ulrich Geltinger, das Bild, das an die Redaktion geschickt hat. Aufgenommen hat er es in Egglkofen, wo eine Kastanie Frühlingsgefühle entwickelt. „Die Rosskastanie mitten in Egglkofen steht in voller Blüte. Bedingt durch Trockenstress und Miniermotte und den damit einhergehenden Blattverlust reagiert der Baum mit einer Notblüte“, hat Geltinger selbst recherchiert. Tatsächlich spielt auch der Klimawandel eine Rolle, wie Stefan Zimmermann, Kreisfachberater für Gartenkultur und Landespflege, im aktuellen OVB-Interview erklärt.
Wie ungewöhnlich ist es, dass Pflanzen jetzt, unmittelbar vor Beginn des Herbstes, neu blühen?
Stefan Zimmermann: Im Herbst gibt es einige Bäume, wie zum Beispiel der Sieben-Söhne-des-Himmels-Strauch, die Winterkirsche oder verschiedene Ölweiden, die den Garten nochmals erblühen lassen. Im Fall blühender Apfelbäume handelt es sich um Einzelfälle und nicht um ein Massenphänomen. Unter bestimmten Wetterbedingungen kann es im Spätsommer beziehungsweise beginnenden Herbst zu einer Aufhebung der Knospenruhe und zu einer zweiten Blüte kommen.
Hat das Konsequenzen für die Bäume?
Zimmermann: Bei den Äpfeln wird dieser sogenannte zweite Frühling keine Folgen mehr haben, diese Äpfel werden bestimmt nicht mehr reifen und diese im Moment überall sichtbare „Notblüte“ hat keinen Einfluss auf die Ernte im nächsten Jahr. Eine weitere mögliche Erklärung für eine Herbstblüte, sie kann durch starken Rückschnitt im Sommer oder durch warmes, feuchtes Wetter im Herbst passieren. Auf jeden Fall schadet dieses Blütenphänomen den Obstbäumen nicht. Für Wildbienen, Hummeln und Co. ist die „Notblüte“ zudem eine willkommene späte Nahrung. Dagegen ist die Kastanienblüte im Herbst kein gutes Zeichen, da der Baum höchstwahrscheinlich unter Stress steht – ausgelöst zum Beispiel durch Schädlinge wie die Kastanienminiermotte. Die Kastanie geht aufgrund der Blüte im Herbst nicht zwangsläufig kaputt. Der Baum muss nach der Blüte allerdings zwingend zum Abschluss kommen, um anschließend den Winter zu überleben.
Wie ist dieses Phänomen zu erklären? Inwieweit spielt hier der Klimawandel eine Rolle?
Zimmermann: Der Klimawandel spielt in diesem Zusammenhang natürlich eine Rolle, da der natürliche Temperatur-Jahresrhythmus durcheinandergerät. Frühling, Sommer und Herbst beginnen früher, Winter werden kürzer. Normalerweise gehen zum Beispiel Freilandpflanzen, wenn es kühler wird und die Tage kürzer werden, in die sogenannte Winterruhe. Diese setzt inzwischen immer später ein.
Gibt es solche Beobachtungen auch bei anderen Pflanzen?
Zimmermann: Solche Beobachtungen gibt es z.B. auch bei Erdbeeren, Forsythien, späte Weide und anderen. Die Walderdbeeren können zum Beispiel bis in den Oktober blühen und Früchte tragen. Auch der Blasenbaum/Blasenesche blüht erst im September.
Apropos Klimawandel: Gibt es Erfahrungen damit beziehungsweise Beobachtungen, dass sich zunehmend invasive Arten ausbreiten, weil sich die klimatischen Bedingungen geändert haben? Dass diese unter Umständen sogar heimische Arten verdrängen?
Zimmermann: Das indische Springkraut, die in Nordamerika verbreitete Goldrute, der Schmetterlingsflieder verbreiten sich in den vergangenen Jahren nach unseren Beobachtungen sehr. Die Goldrute ist demnach im Landkreis Mühldorf sehr invasiv. Beim Schmetterlingsflieder wurden durch gezielte Züchtung sterile Sorten entwickelt, sodass sich dieser inzwischen weniger unkontrolliert ausbreitet. Dennoch wird er andernorts noch als invasive Art betrachtet, da er sich leicht vermehrt und heimische Pflanzen verdrängen kann.
Was ist denn das Besondere an diesen invasiven Arten?
Zimmermann: Das aus dem Himalaya stammende Indische Springkraut wurde in Europa zuerst als Zierpflanze angepflanzt. Man kennt sie auch als Bauernorchidee. Verwandt ist die Art mit dem heimischen, gelb blühenden „Rühr-mich-nicht-an“, mit dem es den Schleudermechanismus der Samenkapseln gemein hat. Die Ausbreitung der bis zu 4000 Samen eines Springkrauts, erfolgt durch einen Mechanismus, bei dem die Samen aus der reifen Kapsel bis zu sieben Meter weit geschleudert werden. Häufig werden die Samen in Bächen und Flüssen transportiert. Diese schwimmenden Pflanzenteile können woanders wieder austreiben. Die Samen werden auch mit dem Erdmaterial und entlang von Straßen und Schienen verbreitet. Die Samen sind etwa 6 bis 8 Jahre lang keimfähig. Die weitere Verbreitung erfolgte entweder direkt durch Aussaat zum Beispiel als Bienenweide oder indirekt durch Verfrachtung von Gartenabfällen und Auenböden.
Wie wird man dem Springkraut denn Herr?
Zimmermann: Das Indische Springkraut bildet zwar große, zusammenhängende Bestände, diese schließen aber erst im Hochsommer und verdrängen damit die natürlich vorhandene Pflanzenproduktion nicht vollständig. Um die Verbreitung des Indischen Springkrauts einzugrenzen, sollten die Bestände vor der Blüte vor der Samenbildung abgemäht werden. Bei nur wenigen Pflanzen ist das einfache Ausreißen der Pflanze die ideale Methode. Hier ist auf den richtigen Zeitpunkt, die immer wiederkehrende Kontrolle und die wiederholte Bekämpfung im nächsten Jahr zu achten. Im Juli ist die Bekämpfung optimal. Mäht man zu früh, so bildet die Pflanze erneut Blüten aus, die noch zur Samenreife kommen können. Mäht man zu spät, so haben sich oft bereits Samen gebildet. Das Schnittgut sollte fachgerecht entsorgt oder im Wertstoffhof abgegeben werden. Beim Transport darauf achten, dass keine Samen verloren gehen können. Große Flächen können auch gemulcht werden.
Hat das aktuelle Wetter Folgen für die Pflanzen generell. War es bisher zu nass oder zu trocken? Welche Witterung in den vergangenen sechs Monaten hat zum Beispiel die Ausbreitung bestimmter Krankheitserreger bei Pflanzen oder Schädlingen begünstigt?
Zimmermann: Beispiele dafür sind der Apfelwickler und die bereits genannte Kastanienminiermotte. Die Larven beider überwintern im abgefallenen Laub. Deshalb sollte das Herbstlaub abgesammelt und unbedingt fachgerecht entsorgt werden. Grundsätzlich ist die Schaffung von Nistmöglichkeiten für Vögel wie Meisen und Fledermäuse im Garten von Vorteil, da dadurch eine natürliche Bekämpfung entsteht. Die ökologische Vielfalt in einem Naturgarten ist unter anderem deshalb sehr wichtig, weil durch den Apfelwickler geschädigte Bäume auch sehr gerne von Monilia-Pilzen befallen werden.
Welche Rolle spielt die Trockenheit?
Zimmermann: Ein großes Problem ist der zunehmende Trockenstress, vor allem bei Straßenbäumen. Aufgrund der höheren Durchschnittstemperaturen, extremen Verdunstung, zusätzlichen Schadstoffbelastung sowie verdichteten oder versiegelten Böden leiden Stadtbäume viel stärker an Trockenstress als ihre Verwandten in den Wäldern. Dabei haben es unter den Stadtbäumen die Straßenbäume besonders schwer, da sie den größten standortgebundenen Stressfaktoren ausgesetzt sind: Ihr Wurzelraum ist besonders stark eingeschränkt und verdichtet, im Winter kommt das Streusalz als weiterer negativer Faktor dazu.
Hat das Auswirkungen auf die Lebensdauer eines Baumes?
Zimmermann: Der deutsche Forstwissenschaftler Professor Dr. Andreas Roloff geht davon aus, dass Straßenbäume eine Lebenserwartung haben, die nur bei etwa 25 Prozent der durchschnittlichen Lebenserwartung anderer Bäume derselben Art liegt. Besonders diese Bäume benötigen in den heißen Sommermonaten Unterstützung! Hier ist auch eine fachgerechte Baumpflanzung – Pflanzloch, Substrat, richtige Pflanzhöhe – sehr wichtig.
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