Allergien, Unverträglichkeiten, Vorgaben
Nach Eklat zum Start: So läuft es mit dem Kita-Essen für 2000 Kinder in der Region Mühldorf
Die Kirchen machen es schon lange, irgendwann ist die Stadt nachgezogen: Heute liefern zwei Küchen aus Mühldorf 2000 Kindern in Krippen und Kindergärten ihr tägliches Essen. Allergien, Unverträglichkeiten und religiösen Vorgaben sind Teil des Speiseplans. Ein Besuch vor Ort.
Mühldorf – Es geht rund: Mehr als zwei Dutzend Kinder suchen sich den kürzesten Weg zu ihren kleinen Stühlen. Auf den ebenso niedrigen Tischen vor ihnen steht ein Teller, ein Becher, liegen Messer und Gabeln. Der eine oder die andere reckt den Kopf in Richtung Susanne Reifert. Sie steht mit einem großen Löffel vor eine Metallschüssel und schaut zu den Kindern. Essenszeit in dem Kindergarten St. Laurentius. Heute steht Kartoffelgratin mit Salat auf dem Speiseplan.
Seit 40 Jahren Essen
Die katholischen Einrichtungen in Mühldorf kochen für ihre Kinder seit gut 40 Jahren Mittagessen. „St. Peter und Paul war der erste Kindergarten, der über Mittag offen hatte und die Mädchen und Buben auch mit Essen versorgte“, erinnert sich Ulrich Wunder, Verwaltungsleiter der katholischen Einrichtungen. In vier Kindergärten und einer Krippe serviert die katholische Kirche Mühldorf heute Essen für Kinder, knapp 200 Mahlzeiten kommen täglich aus der zentralen Küche in St. Peter und Paul.
Dort stehen Susanne Reifert und Edeltraud Keinzl vor einer langen Reihe von Wärmeboxen, in den sie das fertige Essen verstauen. 88 Grad zeigt das Display am Deckel der Box an. In einer Ecke der Küche schält Sita Maya Kurmal geduldig einen schier endlosen Berg von Kartoffeln. Es ist kurz nach 11 Uhr, die Tagesarbeit schon fast getan. In wenigen Minuten kommt ein Fahrzeug der Stiftung Ecksberg, das die Wärmebehälter zu den Kindergärten und zur Grundschule Altmühldorf fährt.
Muslimische Kinder erhalten das Essen aus der zentralen Küche, acht Vegetarier, ein Allergiker und drei Kinder, die unter Laktoseintoleranz leiden. Küchenchefin Reifert lacht: „So ist das heute, wir sind darauf eingestellt.“ Auch die Eltern vertreten keine einheitliche Meinung. Mehr Fleisch oder weniger, Fisch, Hülsenfrüchte, die Wünsche sind vielfältig, die Ansprüche hoch.
Töchterchen mag plötzlich Linsen
„Meine Tochter schwärmt immer so von den Linsen-Gemüsefrikadellen, die sie in St. Laurentius isst. Daheim würde sie niemals Linsen essen“, lacht Monika Walther. Ihr Töchterchen Yuki ist vier und liebt Schnitzel und andere Fleischgerichte. „Es gibt auch mal Schnitzel, aber auch viele Gerichte mit Gemüse und Kartoffeln. Die würde sie daheim nicht anrühren. Im Kindergarten schmeckt ihr das“, erzählt die Mama. Sie sei begeistert von der Vielfalt und dem facettenreichen Essen.
Der kleine Hannes Niederschweiberer hat in der Krippe St. Pius X Couscous, Bulgur und Gemüse für sich entdeckt. „Ich bin begeistert“, sagt seine Mutter Christina Niederschweiberer. Ihr zweieinhalbjähriger Bub esse in der Kita auch Speisen, die er daheim nicht probieren mag. „Da bevorzugt er Nudeln oder Pommes mit Ketchup. Aber in Pius gibt es auch mal Flammkuchen und das schmeckt ihm“, berichtet sie.
Mama lässt sich von Kita-Speiseplan inspirieren
Toll sei der Effekt, dass er sehe, die anderen Kinder essen unbekannte Sachen und dann traue er sich auch. „Das gemeinsame Essen ist ein Erlebnis und ermutigt die Kinder, über den Tellerrand rauszuschauen.“ Der Speiseplan sei toll. „Den hab ich mir schon abfotografiert, um Ideen für daheim zu haben“, sagt sie lachend.
Mit dem Essen für die katholischen Kinderbetreuungseinrichtungen gehen die Mühldorfer einen eigenen Weg. Denn die meisten anderen Einrichtungen in der Region erhalten ihr Essen von Byodo in Mühldorf. Einen konkreten Grund für den Sonderweg der Kirche gibt es nicht. „Vor 2018 gab es in jeder Einrichtung eine Küche, ausgestattet wie Küchen zu Hause“, sagt Verwaltungsleiter Wunder. Während der Planungen für die Sanierung des Kindergartens St. Peter und Paul sei dann klar geworden: „Wir bauen eine Zentralküche.“ Gut 800.000 Euro hat sich die Pfarrei das kosten lassen. Vier Mitarbeiterinnen, größtenteils in Teilzeit, sind dort beschäftigt.
Es begann mit einem Eklat
Diese Entwicklung begann mit einem Eklat: In nichtöffentlicher Sitzung vergab der Stadtrat 2017 den Auftrag zur Verpflegung städtischer Einrichtungen an einen Caterer aus Graz. Der Grund: Das Angebot lag ein paar Cent unter dem des Mühldorfer Unternehmens Byodo. „Das Essen reist 326 Kilometer“ titelten damals die OVB Heimatzeitungen, nicht alle Stadträte waren mit der Entscheidung einverstanden.
Nach zum Teil heftigen Diskussionen bekam Byodo doch noch den Auftrag, das Mühldorfer Bio- und Feinkostunternehmen liefert seit 2018 Essen für Kitas. Dass daraus eine Erfolgsgeschichte werden, die enormes Wachstum produzieren würde, ahnte damals niemand. Heute versorgt Byodo Einrichtungen im ganzen Landkreis mit täglich 1800 Essen.
Das Essen wird täglich in den frühen Morgenstunden zubereitet, heruntergekühlt und mit drei Elektrofahrzeugen in die Betreuungseinrichtungen gebracht. „Das ist die beste Variante“, sagt Marcus Hofer, der bei Byodo für das Kita- und Schulcatering zuständig ist. Das Essen erleide keinen Qualitätsverlust, die Zubereitung in den Einrichtungen bereite kaum Aufwand.
Die Geschichte von Byodo zeigt, welch hohe Bedeutung die Verpflegung der Kinder hat. Nach den Diskussionen über den Lieferdienst zu Beginn der Zusammenarbeit, gab es später Diskussionen um das Bio-Essen. Das ist heute vorbei, Vollkorn-Hörnchen-Nudeln, Falafelbällchen oder Rindfleischpflanzerl sind bei Kindern und Eltern anerkannt.
Eigentlich erstaunlich, denn wer heutzutage 1800 Kinder mit Essen versorgt, trifft auf fast ebenso viele Vorlieben, Abneigungen, Einschränkungen, Allergien oder Unverträglichkeiten. Das, sagt Hofer, sei kein Problem. Allergien würden gemeldet, „wir liefern dann eine Alternative mit“. Laktoseunverträglichkeit sei genau wie Gluten kein Problem, da gäbe es gute Alternativen. Und um religiösen Essensvorschriften zu entgehen, sei der Speiseplan angepasst: „Wir verzichten bewusst auf Schweinefleisch.“
Genussvolles Essen zubereiten
Die Vision sei „genussvolles Bioessen für die Kleinsten“, sagt Hofer. Um mit den Einrichtungen und Eltern im Gespräch zu bleiben, gebe es Feedback-Bögen, Elternabende, Tage der offenen Tür bei Byodo. „Wir haben den Eindruck, dass es sehr gut läuft und die Zufriedenheit hoch ist.“
Auf bis zu 2500 Essen kann Byodo seine tägliche Kapazität derzeit steigern. Vier Köche, ein Azubi, zehn Helfer und sechs Fahrer gehören zum Kita-Team.



