Bewegende Momente mit der Familie
Spurensuche in Mühldorf: Menahem Mairovichs Leben erzählt von Flucht, Lager und Neubeginn
Ein Zeitzeuge kehrt nach fast 80 Jahren zurück in den Landkreis Mühldorf: Menahem Mairovich erinnert an die Flucht aus Ungarn, das Kinderlager in Aschau und den Weg in ein neues Leben.
Mühldorf/Aschau am Inn – Menahem Mairovich ist ein ungarischer Jude, der 1940 in Budapest geboren wurde, seit 1948 in Israel lebt und eine Verbindung in den Landkreis Mühldorf hat. Ende August war Mairovich mit seiner Familie nach Bayern zurückgekommen, mit Ehefrau Miryam, den Töchtern Hagit und Halit, dem Sohn Chaim und Enkel Omri. Sie alle wollten mit eigenen Augen sehen, wo Menahem in seiner frühesten Kindheit gelebt hatte: Er war im März 1946 in einem Lager für Waisenkinder in Aschau am Inn gelandet, und zwar in Waldwinkel, dort, wo heute Don Bosco zu Hause ist.
Ein Besuch in der Vergangenheit
Vermittelt hatte diesen Besuch der Mühldorfer Stadtarchivar Edwin Hamberger, seine Mutter kennt Anna Andlauer aus Indersdorf. Andlauer hat mehrere Bücher zu den Kinderlagern nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben hat.
Der Ausflug in die Vergangenheit begann in Aschau, führte aber auch nach Mühldorf, wo Marianne Zollner eine Stadtführung mit Menahem und seiner Familie machte. Später ging es dann in das Museum der Kreisstadt, wo die Mitarbeiterin Beverly Fietzek durch die Ausstellung „Alltag, Rüstung und Vernichtung – Der Landkreis Mühldorf im Nationalsozialismus“ führte. Sie schreibt ihre Doktorarbeit über diese Thematik. Die Familie besuchte auch die Ausstellung des Kunstvereins Altötting mit Bildern zum Thema „80 Jahre Kriegsende“.
Da Menahem Mairovich nur Hebräisch spricht, übersetzte seine Tochter Hagit die englischen Ausführungen von Beverly Fietzek für ihren Vater ins Hebräische. Am Beginn der Führung schilderte Fietzek das Schicksal zweier jüdischer Familien, die während der Zeit des Nationalsozialismus in Mühldorf lebten: Dies waren Wolfgang und Rita Baur – ihr Davidsstern befindet sich im Museum – und Siegfried Hellmann, ein Viehhändler. Er wurde in der Pogromnacht im November 1938 mit seinem Bruder verhaftet, beide wurden in Auschwitz vergast.
Als Kind in einem ungarischen Kloster versteckt
Der Besuch spülte bei Mairovich viele Erinnerungen wieder an die Oberfläche. „In Budapest konnte man bis zum Frühjahr 1944 ein relativ normales Leben führen“, erzählt Menahem Mairovichs Tochter Hagit, die dies von ihrer Großmutter erzählt bekommen hat. „Erst ab dem Frühjahr 1944 wurde die Situation für die Juden in Ungarn schwieriger.“
Dann begann die systematische Deportation und Ermordung der ungarischen Juden. Während die Eltern in Konzentrationslagern Zwangsarbeit verrichten mussten, waren Menahem und seine Geschwister Susanna und Tomas in einem Kloster versteckt. Nach der Befreiung erkannten die drei Kinder ihre schwer abgemagerte und tuberkulosekranke Mutter anfangs nicht. „Mein Vater erinnert sich noch an einen großen Sammelplatz, an dem die Flucht nach Westen begann.“
Das Ziel der Flüchtlinge war die amerikanische Besatzungszone, sprich der heutige Freistaat Bayern. Per Zug ging es über Österreich nach Deutschland. „Mein Vater erinnert sich auch, dass der Zug beschossen worden war“, so Hagit Mairovich weiter. „Die Russen wollten den Zug stoppen, was ihnen – Gott sei Dank – nicht gelang.“
Wussten die Mühldorfer vom KZ-Außenlager?
Der nächste Punkt des Besuchs der Familie aus Israel war das Außenlager des Konzentrationslagers Dachau im Mühldorfer Hart. Beverly Fietzek schilderte: „Es sollten sechs Bunkerbögen gebaut werden, um Messerschmidt-Kampfflugzeuge zu bauen. Die Nazis nannten dieses Projekt ‚Weingut 1‘. Pro Tag starben im Durchschnitt 15 Häftlinge. Die Lagerärztin Erika Flocken entschied über Leben und Tod. Wer ihrer Untersuchung nach nicht arbeitsfähig war, der wurde nach Auschwitz geschickt. Insgesamt waren dies circa 1000 Häftlinge. Es war ein Wunder, dass ein dort im Januar 1945 geborenes Baby überlebte“.
Menahem Mairovich wollte wissen, ob die Bevölkerung in und um Mühldorf etwas vom Lager im Mühldorfer Hart gewusst hatte. Die Antwort von Beverly Fietzek: „In Mittergars gab es eine Familie, die jüdische Häftlinge versteckte. Nach den Bombenangriffen auf Mühldorf im Frühjahr 1945 wurden die Häftlinge zu Aufräumarbeiten eingesetzt.“ Generell dürfte wohl fast jeder Landkreisbürger vom Lager gewusst haben.
Als Menahem Mairovich am 13. März 1946 zusammen mit seinen Eltern Henryk und Rifka und seinen Geschwistern Susanna und Tomas in den Landkreis Mühldorf kam, war das Lager im Mühldorfer Hart bereits Geschichte. Familie Mairovich blieb dort bis zum 30. Mai 1946, dann ging die Reise weiter in das Kinderzentrum Kloster Indersdorf im Landkreis Dachau.
Das „Displaced Person Camp“ Aschau hieß offiziell „Children Center“. Darunter war ein Lager für Waisenkinder aus ganz Europa zu verstehen. Es bestand von 1946 bis 1948, durchschnittlich beherbergte es 400 Kinder. 1948 wurden die Kinder immer weniger, sie konnten auswandern: in die USA, nach Kanada, aber vor allem in das „Gelobte Land“. Das war Palästina, das am 14. Mai 1948 zum Staat Israel wurde.
Im Lager lernten die Kinder das Gärtnern, sie pflanzten ihr eigenes Gemüse und Obst an. Auch auf Sport wurde großer Wert gelegt, zum Beispiel auf Leichtathletik und es wurde das typisch amerikanische Spiel Baseball praktiziert. Ebenfalls übten die Kinder Selbstverteidigung und sie lernten Hebräisch. Ein Problem war die Sprache, da die Kinder aus den verschiedensten Ländern kamen. Auch die schulischen Voraussetzungen waren ungleich, manche Kinder hatten während des Zweiten Weltkriegs eine Schule besuchen können, manche nicht. Ziel des Lagers war es, den Kindern eine Zukunft zu geben.
Weitere Stationen auf dem langen Weg der Familie Mairovich nach Palästina waren Schliersee, Rosenheim und ein Camp bei Paris, wo Vater Henryk eine Schule geleitet hat. Über Marseille ging es dann per Schiff nach Israel. Dort lebt die Familie von Menahim Mairovich seit dem 14. August 1948.
