Altenpflege in Mühldorf
„Wie soll ich das bezahlen?“ Siegfried S. aus Mühldorf muss 2500 Euro für Heimplatz der Frau stemmen
Sie ist dement, lebt seit fünf Jahren im Caritas-Altenheim in Mühldorf. Das Ersparte ihres Mannes (85) ist aufgebraucht, die Rente zu niedrig. Droht Frau S. der Rauswurf, wenn das Geld zu Ende ist?
Mühldorf — Manchmal huscht ein Ausdruck über ihr Gesicht. Dann hat Siegfried S. das Gefühl, dass seine Frau ihn erkennt. „Mausi“, sagt er zu ihr und streicht ihr das kinnlange Haar aus dem Gesicht. Er besucht sie fast täglich im Caritas Altenheim, dem Heilig-Geist-Spital in Mühldorf. Dort lebt die an Alzheimer Demenz Erkrankte schon fast fünf Jahre, Siegfried S. lebt weiter im gemeinsamen Haus.
Immer, wenn er bei ihr ist, putzt er ihr ordentlich die Zähne. Sie trägt kein künstliches Gebiss, ihre eigenen Zähne sind gesund und gepflegt. „Ich möchte nicht, dass sie mal Zahnweh kriegt, das könnte sie ja gar nicht äußern.“ Auch, wenn er wisse, dass die Pflegenden im Heim gute Arbeit leisten, will er selbst für seine Frau da sein.
Heimkosten explodieren
Ihn plagt die Sorge über die Heimkosten, denn die steigen jährlich an - und damit auch der sogenannte Eigenanteil, also der Betrag, den S. zahlen muss. Dieser liegt bei Pflegegrad 2 bis 5 beim Einzug ins Spital immer bei etwa 4061 Euro für ein Einzelzimmer. Frau S. wohnt in einem Einzelzimmer und ist auf Pflegegrad 5 eingestuft.
Weil sie schon länger als vier Jahre hier untergebracht ist, gibt es einen Pflegekassenzuschlag von 75 Prozent auf den sogenannten einrichtungseinheitlichen Eigenanteil.
Das funktioniert wie ein Rabatt, nach einem Jahr sind es 15 Prozent und nach vier Jahren 75 Prozent. „Dieser Anteil ist bei jeder Einrichtung anders, je nach Bausubstanz oder ob beispielsweise der Kostenträger Tariflöhne bezahlt und welchen Personalschlüssel es gibt“, erklärt Ilona Brunner, Heimleitung im Heilig-Geist-Spital. Jedes Jahr wird dieser einrichtungseigene Anteil neu ausgehandelt und steigt.
„Zieht man den Rabatt ab, muss ich immer noch rund 2500 Euro monatlich aufbringen, wie soll man das noch zahlen?“, sagt Siegfried S. Das Ersparte ist aufgebraucht und ein Teil seiner Rente fließt in die Heimkosten. „Ich muss auch noch von etwas leben“, so S. Darum bezieht er vom Bezirk Oberbayern „Sozialhilfe zur Pflege“. Der Bezirk übernimmt von den 2500 Euro etwa 818 Euro. S. spricht von einem zinslosen Kredit, den er zurückzahlen müsse. „Dafür wird eine Grundschuld aufs Haus eingetragen.“
„Der Grund für die exorbitanten Erhöhungen bei den Heimkosten in den letzten Jahren sind vor allem die Tarifsteigerungen beim Personal und die Lohnnebenkosten, die aber eben auch durch die Inflation und die gestiegenen Lebenshaltungskosten begründet sind“, erklärt Heimleiterin Brunner.
Immer mehr Pflegebedürftige brauchen Sozialhilfe
Dadurch steige vor allem der Anteil der Pflegekosten. „Und die werden ja nur zum Teil von der Pflegekasse übernommen, das Pflegegeld wurde in den letzten Jahren nur sehr minimal angepasst, sodass die Pflegebedürftigen die Erhöhung zum großen Teil selbst tragen müssen“, sagt Brunner.
Die Kostenentwicklung führe dazu, dass immer mehr Bewohner auf Hilfe zur Pflege durch den Bezirk Oberbayern angewiesen seien. „Bei den Selbstzahlern schmilzt das Vermögen und das Ersparte schnell, sodass auch hier immer mehr Personen Hilfe zur Pflege in Anspruch nehmen müssen“, weiß Brunner. Einer von ihnen ist Siegfried S.
Vor zwölf Jahren ist seine heute 85-jährige Frau an Alzheimer Demenz erkrankt. „Zuhause ging es irgendwann nicht mehr“, sagt ihr Mann, der sie sieben Jahre lang daheim selbst gepflegt hat. Körperpflege und Hygiene seien dem Ehepaar, das 60 Jahre verheiratet ist, immer wichtig gewesen. „Sich von fremden Leuten ausziehen lassen und gewaschen werden, das wollte sie nicht. Darum hat das mit einem ambulanten Pflegedienst auch nicht funktioniert“, erzählt der Mühldorfer.
Frust auf die Regierung
Solange seine Frau noch einigermaßen mobil war, konnte er sich daheim um sie kümmern. Doch Stürze häuften sich. Das Risiko, dass sie sich schwer verletzen könnte, nahm zu.
Schweren Herzens suchte Siegfried S. einen Heimplatz für seine Frau. Ein knappes Jahr dauerte es, bis etwas frei wurde. „Das war eine harte Zeit zum Überbrücken. Man glaubt immer, es geht schon noch“, erzählt er. Er wirkt müde und abgekämpft. Und auch wütend. „Diese alten Leute haben ihr Leben lang viel geleistet und im Alter werden sie allein gelassen.“ Für den Heimplatz seiner Frau brauche er „Stütze vom Amt, damit sie meine Frau nicht auf den Misthaufen schmeißen, weil ich es allein nicht mehr stemmen kann“.
Diese Befürchtung kann Michael Kappelmaier zerstreuen. Im Caritasheim ist Kappelmaier Teamleiter der Verwaltung und Einzugskoordinator. Er nimmt Betroffenen und Angehörigen, die ähnliche Ängste haben, die Sorgen und klärt sie auf. „Niemand wird in Deutschland auf die Straße gesetzt, wenn er den Eigenanteil nicht mehr stemmen kann“, betont Kappelmaier.
Der Staat habe eine Lösung und die heiße Sozialhilfe durch den Träger des Pflegheimes. „In unserem Fall ist das der Bezirk Oberbayern. Der zahlt, wenn man selbst nicht mehr zahlen kann. Und auch die Kinder werden in der Regel nicht herangezogen.“
Jahreseinkommen der Kinder entscheidend
Die Ausnahme: Der Nachkomme der pflegebedürftigen Person hat ein Jahreseinkommen von über 100.000 Euro. Oder Vermögenswerte, wie etwa ein Haus, sind von den Eltern übergeben worden und das liegt noch keine zehn Jahre zurück.
„Man spart ja für das Alter“, sagt Kappelmaier, auch, um Heimkosten mitzutragen. Wenn das nicht gehe, springe der Staat ein.
Den Punkt, an später denken, greift Siegfried S. auf und appelliert an junge Menschen: „Die sollten jetzt Geld anlegen und arbeiten lassen, damit sie im Alter ihre Pflege bezahlen können“, denkt er laut nach. Doch in jungen Jahren glaube man nicht daran, selbst mal ein Pflegefall zu werden.
„Alzheimer greift das Herz nicht an“
Er sitz neben seiner Frau, es ist Zeit für‘s Abendbrot. „Ich füttere sie, sie kann das allein nicht mehr“, sagt er und blickt sie voller Wärme an. „Ich liebe meine Frau, es schmerzt mich, sie so hilflos zu sehen. Aber ich bin überzeugt, dass sie spürt, dass ich da bin. Alzheimer kann ja das Herz nicht angreifen, das bleibt.“