Über ein Haustier der besonderen Art
Illegal? Exotisch? Beliebt! Schildkröten-Boom im Landkreis Mühldorf
Schildkröten werden als Haustiere immer beliebter. Kaum zu glauben, aber im Landkreis Mühldorf gibt es einige Tausend. Dabei sollte man sich zweimal überlegen, ob man sich einen Exoten ins Haus holt – vor allem, da Schildkröten steinalt werden können.
Mühldorf – Auf „Dibimbo“ ist Verlass. Pünktlich um den 20. April herum schaufelt er sich den Weg nach draußen. Dann ist die Winterruhe im Garten im Mühldorfer Süden vorbei, die ersten frühlingshaften Temperaturen locken die Maurische Landschildkröte an die frische Luft. Über den Winter hatte sich das Reptil eingegraben, tief in den Boden, um sich vor Frost zu schützen.
Findling fühlt sich pudelwohl
Sechs Winter hat er auf diese Weise schon verbracht, seit uns ein Bekannter das Tier überlassen hatte. Gefunden auf einer Straße, gemeldet bei den Behörden, im Landratsamt, bei der Polizei. Doch offensichtlich vermisste niemand die Schildkröte. Also haben wir ihn behalten. Kein Terrarium. „Dibimbo“, so haben wir ihn genannt, kann im großen Garten frei herumlaufen. Findet Schutz unter der Hecke, jagt die Hühner, wenn sie aus dem Stall ausgebrochen sind und genießt die Sonne.
Spezielles Futter benötigt er nicht. Im Garten findet er alles, was er braucht. Das hat uns auch der Experte vom Landratsamt bestätigt. Alles paletti also bei dem Exoten, dessen Alter sich irgendwo zwischen 30 und 40 Jahren bewegt. So genau kann das ein Laie nicht festzustellen. Selbst wenn das Internet Tipps gibt, wie sich das Alter feststellen lässt – nämlich ähnlich wie bei Bäumen durch die Anzahl der „Jahresringe“ auf dem Panzer.
Doch was heißt Exot? Kann ein Tier, das in einem Privathaushalt lebt, noch als Exot angesehen werden, wenn es Tausende im Landkreis Mühldorf gibt, die ebenfalls eine oder mehrere Schildkröten bei sich zu Hause haben? Knapp 2.000 solcher Tiere leben laut Landratsamtes im Landkreis.
1.600 Griechische Landschildkröten im Landkreis
In der Fachliteratur würden derzeit laut Veterinäramt 367 verschiedene Schildkrötenarten beschrieben, die sehr unterschiedliche Ansprüche an Klima, Habitat und Ernährung haben. Das reiche von gemäßigten Breiten bis zu tropisch und maritimen Breiten. Sie leben im Meer, im Fluss, in See oder eben auch an Land. Und sie ernähren sich von Quallen, Schnecken, sind Gemischtköstler oder Vegetarier.
„Im Landkreis sind derzeit circa 1.600 Griechische Landschildkröten gemeldet – hinzu kommen noch circa 400 Exemplare anderer Arten wie zum Beispiel Breitrandschildkröten oder Spornschildkröten“, klärt die Untere Naturschutzbehörde im Landratsamt Mühldorf auf.
Zur Haltung gibt es eine klare Aussage: Der Besitz und die Haltung von besonders geschützten wildlebenden Tieren ist grundsätzlich unzulässig. Ausnahmen bestehen nur dann, wenn es sich um legal eingeführte oder legal nachgezüchtete Tiere handelt. Und wenn eine Schildkröte quasi zugelaufen ist? Nicht herauszufinden ist, wie der Besitzer heißt? Dann nimmt das Amt das Tier in Obhut. Oder der Finder kümmert sich darum. Formular ausfüllen, melden. Und schon darf die SChildkröte bleiben.
Unterschiedliche Ansprüche an Klima, Habitat und Ernährung
Überhaupt ist die Haltung von geschützten Schildkröten in Bayern meldepflichtig, Haltungsverbote gibt es nicht. „In Bayern dürfen allerdings gefährliche Tiere – wie die Schnapp- und Geierschildkröte – nicht ohne Erlaubnis gehalten werden, für letztere Vorschrift sind die Gemeinden zuständig“, schreibt die Untere Naturschutzbehörde.
Eine Schnappschildkröte ist der Familienzuwachs in Mühldorfs Süden zwar nicht. Aber neugierig. Und zuschnappen kann er auch. Wer zum Beispiel barfuß auf dem Rasen unterwegs ist, muss sich davor hüten, gezwickt zu werden. „Dimbimbo“ mag es, Jagd auf Zehen zu machen. Ein putziges Kerlchen, sehr frech – das man trotzdem nicht mehr missen möchte.
Doch genau davor warnt das Landratsamt: „Die Haltung einer Schildkröte ist eine langfristige Verpflichtung, die gut durchdacht und vorbereitet sein sollte, entsprechende Sachkunde ist unbedingt erforderlich.“
80 Jahre alt kann die Maurische Art werden
Die Langfristigkeit bezieht sich vor allem auf die hohe Lebenserwartung einer Schildkröte. Im Falle unserer Maurischen Landschildkröte, spricht man von circa 80 Jahren. Das komme auf die Haltung an. Dass sich das Tier selbst eingräbt, den Winter tief unter der Hecke verbringt und die Stelle lediglich mit einem Laubhaufen bedeckt wird, ist grenzwertig, lässt das Landratsamt beim Ortstermin wissen. Besser wäre es, das Tier in einem kühlen Kellerraum überwintern zu lassen, sagt dazu Google. 8 bis 10 Grad Celsius seien angebracht. Oder gleich ein Kühlschrank in diesem Temperaturbereich.
Was das Futter betrifft, gibt der Rasen, der schon lange keiner mehr ist und eher einer Wiese ähnelt, alles her, was „Dibimbo“ begehrt: Löwenzahn, Klee, Spitz- und Breitwegerich, Brennnessel, Taubnessel, Gänseblümchen – alles da. Einen Rasenmäher ersetzt der Gartenbewohner dennoch nicht. Schade.
Panzer funktioniert wie eine PV-Anlage
Doch „Dibimbo“ ist schnell. Im Hochsommer scheint sein Panzer wie eine Photovoltaikanlage zu funktionieren. Je stärker er die Wärme aufsaugt, umso schneller rennt er durch den Garten. Und tatsächlich. Er hat zuletzt immer wieder eine Stelle gefunden, um aus dem Garten auszubüchsen. Einmal wurde er bei der Stadt abgegeben, im Fundbüro. Einmal hat ihn die Polizei aufgenommen. Denn wenn das Tier nicht registriert ist, fällt es schwer, den Besitzer ausfindig zu machen. Um ihn zu registrieren wird die Panzerunterseite fotografiert, die unverwechselbar ist wie ein Fingerabdruck. Oder aber man chippt das Tier, stattet es mit einem Transponder aus, wie die Untere Naturschutzbehörde vorschlägt.
Schnellstmöglich in sachkundige Hände geben
„Grundsätzlich sind die Städte und Gemeinden für Fundtiere zuständig – also für Tiere, die in ihrem Gebiet gefunden wurden und deren Besitzer nicht bekannt ist. Sie haben die Pflicht, diese Tiere aufzunehmen, artgemäß unterzubringen, zu versorgen und tierärztlich behandeln zu lassen.“ Das Veterinäramt warnt aber davor, das Tier zu füttern. „Finder sollten den Tieren nicht zu fressen geben, sondern lediglich dafür sorgen, dass das Tier möglichst schnell in sachkundige Hände kommt.“ Dass Schildkröten ausbüchsen, so wie es „Dibimbo“ schon zweimal gelungen ist, bezeichnet das Veterinäramt als „seltene Einzelfälle, konkrete Zahlen liegen uns dazu nicht vor“.



