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Schulabgänger haben große Auswahl

Azubi gesucht! Warum viele Lehrstellen im Landkreis Mühldorf unbesetzt bleiben

Mehr als 300 staatlich anerkannte Ausbildungsberufe gibt es in Deutschland – im Bild arbeitet eine Auszubildende in der Landwirtschaft in einer Werkstatt (Symbolfoto). IHK-Bildungsberater Michael Rumpff weiß, welche Berufe besonders beliebt sind und welche mit Vorurteilen behaftet sind.
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Mehr als 300 staatlich anerkannte Ausbildungsberufe gibt es in Deutschland – im Bild arbeitet eine Auszubildende in der Landwirtschaft in einer Werkstatt (Symbolfoto). IHK-Bildungsberater Michael Rumpff weiß, welche Berufe besonders beliebt sind und welche mit Vorurteilen behaftet sind.

Schulabgänger haben die Wahl – und Unternehmen das Nachsehen: Im Landkreis Mühldorf bleiben hunderte Ausbildungsplätze unbesetzt. Welche Berufe besonders gefragt sind, warum viele Jugendlichen ihre Ausbildung abbrechen und welche überraschenden Wege Betriebe jetzt gehen.

Mühldorf – „Früher mussten sich Schulabgänger um einen Ausbildungsplatz bewerben, heute werben die Firmen um Nachwuchs”, sagt Birgitta Teder, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit Traunstein. Die Zeiten, in denen es stapelweise Bewerbungen auf eine Stelle gab, sind auch im Landkreis Mühldorf längst vorbei. Auf 651 Ausbildungsstellen im Jahr 2024/2025 kommen laut Bundesagentur für Arbeit nur 545 Bewerberinnen und Bewerber. Mehr als 300 Stellen sind Stand April noch unbesetzt.

„Heute sehen wir, dass sich die meisten Jugendlichen vor allem für einige wenige Berufe interessieren – hier kann es dann durchaus Wettbewerb untereinander geben. Grundsätzlich gilt: Die Auswahl für Unternehmen ist nicht mehr so groß wie noch vor 15 Jahren”, sagt IHK-Bildungsberater Michael Rumpff. Zu den besonders beliebten Berufen gehören die Industriekaufleute oder auch Kreativberufe. Andere Berufe sind unbeliebter oder schlichtweg unbekannt: Bei mehr als 300 staatlich anerkannten Ausbildungsberufen hätten Schüler oft schon Mühe, zwölf zusammenzutragen.

Michael Rumpff ist IHK-Bildungsberater.

Manche Berufe sind mit Vorurteilen behaftet

„Insgesamt ist das Ausbildungsstellenangebot im Landkreis Mühldorf sehr gut”, schätzt Teder die Lage für Schulabgänger ein. Der Bewerbermangel dagegen betrifft alle Branchen, die Verkaufs- und Handelsberufe und medizinische Gesundheitsberufe allerdings besonders stark. Auch ausgefallenere Ausbildungen wie die zum Verfahrensmechaniker für Kunststoff- und Kautschuktechnik sind laut Rumpff schwierig zu vermitteln: „Da haben wir viele gute und große Industriebetriebe im Landkreis, aber es ist ein Beruf, mit dem viele sich nicht so richtig beschäftigen und denken, dass man dabei viel mit Schmutz zu tun habe – fälschlicherweise muss man sagen.”

Die Eintrittskarte zum Wunschberuf ist oft ein Praktikum, um dem Betrieb und sich selbst zu beweisen, die richtige Wahl zu treffen. Unternehmen werben in den sozialen Netzwerken um Bewerber oder bieten Vergünstigungen wie Zuschüsse zum Fitness-Studio oder Führerschein, ein Tablet oder Smartphone an. „Das ist für junge Leute natürlich attraktiv”, sagt Teder. Aber auch der Beruf und das Ausbildungsumfeld müssen stimmen.

Ausbildungsabbruch kommt häufig vor

In circa einem Viertel der Fälle gelingt dies nicht und die Azubis brechen ihre Ausbildung ab, wie die Arbeitsagentur mitteilt. Mehrheitlich komme es danach zu einer Umorientierung: Ein Teil geht wieder zur Schule, beginnt doch ein Studium oder wechselt den Ausbildungsbetrieb. „Es gibt trotz der Informationsfülle Ausbildungsabbrüche, weil sich der junge Mensch eben nicht informiert hat, sondern auf’s Geratewohl oder auf Empfehlung der Eltern, der Freunde und Freundinnen für eine Ausbildung entschlossen hat, die nicht zu den Talenten und Interessen passt”, gibt Teder zu bedenken. Berufsorientierungs- und Beratungsangebote sollen derartiges verhindern. „Dennoch ist das natürlich ein Bruch in der Vita und bedauerlich für den Arbeitgeber.”

Dass die Situation für Unternehmen so angespannt ist, liegt an einer „ungünstigen Gemengelage”, wie IHK-Pressesprecher Florian Reil erklärt: Einerseits geht die Babyboomer-Generation in Rente, andererseits sind die Geburtenraten seit Jahren sinkend oder allemal gleichbleibend. „Das führt zu einer riesigen Lücke, einer großen Diskrepanz zwischen leer werdenden Berufsstellen und Schülern, die als mögliche Azubis und Fachkräfte von morgen nachkommen.”

Azubis aus dem Ausland gegen den Arbeitskräftemangel

Die Agentur für Arbeit setzt darum auch darauf, Menschen im Alter von 25 bis 45 Jahren für eine zweite Chance auf einen Berufsabschluss zu gewinnen. „Eine Ausbildung lohnt sich in fast jedem Lebensalter“, betont Teder.

Andere Unternehmen suchen gezielt im Ausland nach Auszubildenden oder bemühen sich um Geflüchtete und Asylbewerber, die bereits in Deutschland sind. „Das hat in den letzten Jahren zugenommen und ist ein großes Thema, weil bei uns die Schülerzahlen niedrig und der Ausbildungsmarkt für Unternehmen nicht ausreichend Bewerberinnen und Bewerber bietet”, erklärt Reil. Im Landkreis Mühldorf hätten etwa zwölf Prozent der Azubis einen ausländischen Pass, Tendenz steigend.

Vor allem in der Gastronomie sind Rumpf mehrere Vorzeigebeispiele bekannt. „Die Menschen gehen gerne essen, aber der Arbeitskräftemangel ist eklatant”, führt er aus. Migranten seien stellenweise aufgeschlossener, weil sie bereits Gastro-Erfahrung aus ihrer Heimat haben. Aber auch im Einzelhandel oder in der Lagerlogistik könne man sie zu einem erfolgreichen Abschluss führen. „Leider gibt es auch Fälle, wo junge Leute nach drei Jahren nicht in der Lage sind, die Prüfung erfolgreich abzuschließen”, räumt er ein. Das liege häufig jedoch nur an den Sprachfähigkeiten und nicht an mangelndem Engagement.

Auch jetzt noch freie Ausbildungsstellen ab Herbst

Wer noch unsicher ist, wie es für ihn nach dem Schulabschluss weitergehen soll oder sich beruflich neu orientieren möchte, hat auch jetzt noch gute Chancen, einen Ausbildungsplatz ab Herbst zu finden – solange er sich nicht auf einen einzigen Beruf versteift. Aber auch dann habe man als Nachrücker noch Chancen, da sich immer wieder junge Menschen kurz vor Ausbildungsbeginn doch umentscheiden.

Auch jetzt stehen die Chancen noch gut einen Ausbildungsplatz ab September zu finden – vorausgesetzt man beschränkt sich nicht auf einen einzigen Beruf. Im Bild ist eine Auszubildende in der Landwirtschaft in einer Werkstatt zu sehen (Symbolfoto).

„Schlagen wirklich alle Bemühungen fehl und die Wunschausbildung klappt nicht, sollte unbedingt eine Beratung bei uns terminiert werden”, empfiehlt Arbeitsagentur-Sprecherin Teder. Gemeinsam kann dann ausgelotet werden, ob eine berufsvorbereitende Maßnahme oder beispielsweise ein freiwilliges soziales oder ökologisches Jahr eine Alternative sein können.

Sorgen um den beruflichen Werdegang muss man sich mit einer abgeschlossenen Ausbildung jedenfalls nicht. „Eine Ausbildung ist ein gleichwertiger Start in eine Berufskarriere wie ein Hochschulstudium”, betont Reil. Mit einer erfolgreichen Ausbildung keine Führungsposition einnehmen zu können, sei ein Märchen. „Wenn jemand lieber praktisch arbeiten und von Tag eins Geld verdienen möchte, liegt er mit einer Ausbildung richtig.”

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