Chemiepark Gendorf im Wandel
Schwierige Wirtschaftslage: InfraServ kündigt Stellenabbau an – Fokus auf Zukunftsmärkte
Auch der Chemiepark Gendorf muss auf die angespannte Wirtschaftslage reagieren. Beim Nachbarschaftsgespräch in Burgkirchen kündigte InfraServ nun einen Stellenabbau an – doch es gab auch gute Nachrichten.
Burgkirchen / Gendorf – Die wirtschaftlichen Herausforderungen der chemischen Industrie in Deutschland bleiben auch im Jahr 2025 spürbar – mit direkten Folgen für Beschäftigte im Chemiepark Gendorf. Beim Nachbarschaftsgespräch am 8. Mai im Bürgerzentrum Burgkirchen wurde klar: InfraServ muss vom Standortbetreiber zum Standortentwickler werden, denn mit dem Exit der Dyneon GmbH haben die Unternehmen im Chemiepark höhere Standortkosten zu tragen. Wie Dr. Christoph von Reden, Geschäftsleiter der InfraServ erklärte: „Wir haben eine schwierige wirtschaftliche Situation.“ Im Rahmen eines Effizienzsteigerungsprogramms will das Unternehmen jetzt Arbeitsplätze abbauen. Zwar machte von Reden keine konkreten Zahlen öffentlich, doch die Botschaft war eindeutig: „Wir stellen alles auf den Prüfstand.“
Wirtschaftliche Lage bleibt angespannt
Die Entwicklungen zeichnen sich seit Jahren ab. Schon 2020 war laut von Reden erkennbar, dass die Branche unter Druck gerät. Der kurzfristige Aufschwung nach der Pandemie erwies sich jedoch als Strohfeuer. Die Tonnage-Mengen und Verkaufszahlen zeigen nämlich seither eine rückläufige Tendenz. Auch das Jahr 2024 habe nur einen minimalen Anstieg gegenüber 2023 gebracht. Die Branche gehe nun davon aus, dass 2024 als neues „Basisjahr“ gelten wird – ein Jahr ohne große Wachstumserwartungen. Die Stimmung sei von Unsicherheit geprägt, auch weil das Abwärtspotenzial derzeit höher eingeschätzt werde als die Chance auf Besserung. „Ich drücke uns die Daumen, dass es nicht weiter absinkt“, sagte von Reden mit Blick auf die allgemeine Entwicklung.
Auch in Bezug auf Investitionen sei eine klare Abkühlung spürbar. Während früher rund 100 Millionen Euro jährlich am Standort investiert wurden, ist seit 2023/24 ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen. Das US-amerikanische Unternehmen 3M hatte ursprünglich weitreichende Investitionen angekündigt, diese aber nach dem Entschluss zum Standortausstieg auf Umwelttechnologien beschränkt. Die Hoffnung, dass weitere große Investoren nachfolgen, wird durch die aktuelle Lage gedämpft. Dennoch arbeitet InfraServ an einem strategischen Umbau: Vom Standortbetreiber will man sich zum Standortentwickler wandeln. Ziel sei ein „zukunftssicherer, klimaneutraler und wettbewerbsfähiger Chemiepark“, der auch neue, innovative Unternehmen anzieht.
Bürokratie hemmt Entwicklung
Sicherheit bleibt dabei ein zentrales Anliegen. „Wir arbeiten immer sicher – für uns, für die Umgebung und die Bevölkerung“, betonte von Reden. Bis 2030 strebe man null Arbeitsunfälle an. Denn: Wer die Arbeitssicherheit im Griff habe, beherrsche auch die zugrunde liegenden Prozesse. Im komplexen Umfeld eines Chemieparks ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Neben diesem sicherheitstechnischen Aspekt verfolgt InfraServ Gendorf unter dem Namen „Horizon 2030“ das erwähnte Effizienzsteigerungsprogramm. Parallel soll mit „Evergreen Gendorf 2045“ die Klimaneutralität erreicht werden – unter anderem mit dem geplanten Biomasseheizkraftwerk, das sich aktuell im Genehmigungsverfahren befindet.
Doch die Standortentwicklung stößt an Grenzen – vor allem durch Bürokratie und fehlende Flächen. Von Reden sprach von „erdrosselnder Bürokratie“ und einem enormen Verbesserungsbedarf in Politik, Behörden und Verwaltung. Besonders die geplante Einführung getrennter Strompreiszonen in Deutschland sieht er kritisch. Sie gefährde die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts im Süden erheblich. „Da habe ich Bauchweh“, so von Reden offen. Auch das mache es schwieriger, den Standort Gendorf für neue Unternehmen attraktiv zu machen.
Wandel zur Kreislaufwirtschaft als Schlüssel
Dabei zeigen Beispiele wie W.L. Gore und Pruvia, dass Gendorf Innovationspotenzial bietet. Gore-Standortleiter Matthias Dasch verwies auf ein neues Millionenprojekt zur Rückwärtstransportlogistik, das ab Herbst 2025 realisiert werden soll. Gore stellt am Standort Fluorpolymere her – mit Anwendungen, die von Medizintechnik über Luft- und Raumfahrt bis zur E-Mobilität reichen. Dasch hob insbesondere die Firmenkultur hervor: „Unsere Produkte sind lebensverbessernde Innovationen – das ist unser Schlüssel zum langfristigen Erfolg.“ Das Unternehmen beschäftigt in Gendorf über 70 sogenannte „Associates“ – Mitarbeitende, die auch am Unternehmen beteiligt sind.
Ein weiteres wachstumsstarkes Unternehmen ist Pruvia. CEO Martin Nitz stellte ein hochinnovatives Projekt vor, das sich dem chemischen Recycling von Kunststoffabfällen widmet. Mit Hilfe eines thermochemischen Verfahrens – der Pyrolyse – werden Moleküle zurückgewonnen und in den Rohstoffkreislauf zurückgeführt. Aus Kunststoffabfall entsteht so hochwertiges Pyrolyseöl, das als Basisstoff für die Petrochemie dient. „Was 1985 Science-Fiction war, ist heute eine kritische Notwendigkeit – und Realität“, sagte Nitz. Die Anlage werde direkt neben Gore entstehen. Phase 1 sei für 35.000 Tonnen Verarbeitungskapazität ausgelegt, Phase 2 für 70.000 Tonnen. Insgesamt entstehen bis zu 67 neue Arbeitsplätze.
Gerade dieser Ansatz – nachhaltige Technologien mit hoher Wertschöpfung – sei für die Neuausrichtung Gendorfs entscheidend. Denn klassisch-chemische Prozesse verlieren an Bedeutung, während zukunftsfähige Branchen wie Biotechnologie, Kreislaufwirtschaft und Pharmaindustrie boomen. Gendorf will sich auf diese Zukunftsmärkte konzentrieren. Doch damit das gelingen kann, braucht es politische Unterstützung, günstigere Energiepreise und flexiblere Verwaltungsstrukturen. Ansonsten droht dem Standort trotz aller Bemühungen der Verlust seiner einstigen industriellen Stärke – mit direkten Auswirkungen auf Beschäftigung, Sicherheit und wirtschaftliche Stabilität in der Region.