Heiße Debatte im Bürgerzentrum Burgkirchen
Große Sorgen um die Zukunft: Wackeln weitere Jobs im Chemiepark Gendorf?
Die Zukunft der Chemiebranche ist ungewiss. Grund genug also, dass sich viele Beschäftigte im Chemie-Dreieck Sorgen um ihre Jobs machen. Doch wie berechtigt ist diese Angst wirklich?
Burgkirchen – Im Bürgerzentrum Burgkirchen fand am vergangenen Dienstag (29. Juli) ein Sommergespräch vor rund 50 Besuchern zum Thema Chemiepark Gendorf: „Wie sicher sind die Arbeitsplätze“ statt, wobei Moderator und SPD-Bürgermeisterkandidat Stefan Bonauer spannende und hochrangige Gäste für die Diskussionsrunde ans Land ziehen konnte.
Sommergespräch im Bürgerzentrum Burgkirchen
Mit kurzen Eröffnungsstatements startete die Debatte, wobei Dr. Markus Born, Hauptgeschäftsführer des Landesverbandes Bayern des Verbands der Chemischen Industrie, die Probleme deutlich offenlegte: „Wir haben eine starke Rezession in der Chemie und befinden uns auf dem Niveau der 90er-Jahre wieder. Grund hierfür ist, dass wir in den vergangenen Jahren energiepolitisch in die falsche Richtung gelaufen sind. Allerdings macht die neue Bundesregierung Hoffnung auf Besserung.“
Staatssekretärin Fr. Dr. Bärbel Kofler brachte es noch deutlicher auf den Punkt: „Chemie war, ist und wird immer wichtig sein. Vor allem im Chemie-Dreieck, welches mir sehr am Herzen liegt.“ Laut Jürgen Fernengel, stellvertretender Vorsitzender AfA Oberbayern, habe der Chemiepark Gendorf nach wie vor eine hohe Anziehungskraft und sei ein „Wunscharbeitsplatz für viele Menschen“. Doch was läuft aktuell richtig gut im Chemie-Dreieck?
„Innovationen können chemische Industrie stärken“
„Direkt die schwerste Frage zum Start“ lachte Michael Schnabel, Betriebsratsvorsitzender InfraServ Gendorf. „Wir haben zwei Neuansiedlungen in der Region mit einer Kunststoffrecycling-Anlage und einem Batterie-Recycler, die nicht nur sehr klimafreundlich sind, sondern auch Arbeitsplätze schaffen.“ Dies sei aber absolut der richtige Weg, denn solche „Innovationen können die chemische Industrie stärken“.
Dem konnte sich Dr. Born nur anschließen, der auch nochmal betonte, dass die „Neuansiedlungen bewusst nach Gendorf“ wollten. Laut Dr. Kofler habe sich in der Politik eine Menge getan, denn das Verständnis für „moderne Umweltpolitik und Industrie“ wächst immer weiter. Zudem seien auch „vernünftige Rahmenbedingungen“ geschaffen worden. Dr. Bernhard Langhammer, Sprecher von ChemDelta, sieht dies ähnlich: „Eine gute Infrastruktur, wie beispielsweise der Bau von Hochspannungsleitungen, ist absolut notwendig, um international mithalten zu können.“
Dyneon und (k)eine „goldene Zukunft“
Die Lage bei den Beschäftigten sei grundsätzlich gut: „Wir haben eine starke Gewerkschaft und gute Ausbildungszahlen. Auch das Engagement der Mitarbeiter ist sehr groß, wobei ich schon zugeben muss, dass der Arbeitsdruck immer schwieriger wird“, verrät Markus Staller, IG BCE, Bezirksvorstand Altötting. Die Arbeitnehmenden bekämen schließlich mit, wie es bei Dyneon zugehe.
Noch vor fünf Jahren galt die Tochterfirma des US-Konzerns 3M als die Zukunft: „Hätte mir damals einer gesagt, dass Dyneon schließen würde, hätte ich es nicht für möglich gehalten. Nun ist es wirklich eine kritische Situation. Sie tragen ein Viertel der Werksgemeinkosten, die dann aber auf andere Standortteilnehmer umgelegt werden müssen“, so Dr. Langhammer.
Gefahr der Abhängigkeit
Laut Staller sei die logische Konsequenz daraus, dass „Arbeitsplätze abgebaut“ werden müssen, um „Kosten zu senken“. Der Einsatz von künstlicher Intelligenz wäre dann möglich. Doch diese Ungewissheit schlage bei den Mitarbeitern auf die Gesundheit: „Da stehen ganze Familien dahinter, die weiterhin versorgt werden müssen. Der psychische Druck ist riesig“, erklärte Michael Schnabel, der nach wie vor mit InfraServ auf Ersatzlösungen hoffe, um den Standort zu sichern. Zudem ärgere es ihn, da „Dyneon auch die mit Abstand sauberste Anlage“ sei.
Von der Landesregierung sei laut Stadler auch „viel zu wenig“ unternommen worden: „Eine ganz schwache Leistung unserer hochrangigen Politiker. Einzig unsere regionalen Vertreter, wie beispielsweise Martin Huber, Erwin Schneider oder auch Frau Kofler haben sich intensiv dafür eingesetzt.“ Dies sorgte für großen Applaus unter den Zuhörern. Die Staatssekretärin betonte im Anschluss die Gefahr, sich „von unsaubereren Standorten“ wie etwa China abhängig und sogar „erpressbar“ zu machen, wenn man keine „Neuansiedlungen“ zulasse.
Bonauer: „Bin sehr positiv gestimmt“
Doch wie sicher sind nun die Arbeitsplätze in der Chemie wirklich? „Deutschland ist die drittgrößte Industrienation, wobei die Chemie aus moderner Industrie nicht mehr wegzudenken ist. Wir haben eine super Basis, tolle Technologien und Vernetzungen, müssen aber wirtschaftliche Rahmenbedingungen setzen, um die Kurve zu bekommen. Ansonsten wird es schwer“, prognostiziert Dr. Born.
Laut Schnabel könne man sich nach wie vor im Chemiepark Gendorf bewerben oder auch eine Ausbildung starten, da es sehr „lukrative Jobs“ seien. Nach drei bis vier Wortmeldungen aus dem Publikum fand Moderator Bonauer die passenden Schlussworte: „Es zeigt sich Licht am Horizont. Wir haben gute Arbeitsplätze, wenn auch nicht mehr so viele, und super Voraussetzungen. Darauf gehört aufgebaut, aber ich bin sehr positiv gestimmt.“ (gz)