Halbstarke, Holz und Heldentum
„Holz gibt nicht nach“: Burghauser Urgestein über Jugend, Mut und Rippenbrüche beim Stangerlrutschen
Durch ein virales Video wurde das Stangerlrutschen am Burghauser Wöhrsee wieder zum Stadtgespräch: über die Anfänge des Kultsports – Platzhirsche, Schürfwunden und Rippenbrüche.
Burghausen – Durch ein virales Video der gebürtigen Burghauserin Bernadette Abentung ist das Stangerlrutschen am Wöhrsee wieder zum Gesprächsthema geworden. Inzwischen wurden ihre Videos auf Instagram, TikTok und Facebook über zwei Millionen Mal angeschaut. Doch wer glaubt, es handele sich beim Stangerlrutschen nur um einen Social-Media-Trend, der irrt: Für viele Einheimische ist es nicht nur Kultsport – sondern auch ein Stück der Burghauser Identität.
Einer, der das aus eigener Erfahrung weiß, ist Klaus Burgstaller. Seit 1978 lebt der heute 58-Jährige in Burghausen, war früher Kapuziner-Seminarist und ging in der Altstadt zur Schule. Er kennt die Szene am Wöhrsee und hat inzwischen auch seine Kinder in die Kunst des Stangerlrutschens eingeweiht. Im neuesten Post von Abentung sind er und seine Tochter Paulina (21) zu sehen.
Wer cool war, durfte rutschen
Schon als Jugendlicher war das Stangerl für Klaus Burgstaller ein zentraler Ort am See – jedoch einer, der eben nicht allen offenstand. „Die Kleinen durften beim Stangerlrutschen damals nicht mitspielen. Wenn du draufgesessen bist, dann kamen die Größeren und haben dich vom Stangerl runtergerutscht. Du hast da erst mal Platz machen müssen“, erinnert er sich. Wer dazugehören wollte, musste sich beweisen: „Das haben immer nur die Coolen gemacht“, so Burgstaller. Die Geith-Brüder, die Mitterers, Burghauser Urgesteine also und Kinder von Altstadt-Familien, die mehr oder weniger am Wöhrsee aufwuchsen.
„Ich erinnere mich gut an alle, die damals mitgemacht haben“, sagt Burgstaller. Das Stangerlrutschen bezeichnet er als eine „fiese Mischung aus Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit.“ Viele würden nach zwei Rutschversuchen aufgeben, weil sie die Kraft nicht haben, sich aus dem Wasser rauszuziehen oder schnell weiterzulaufen. Also geht es vor allem um das mit dem Stangerlrutschen ursprünglich kombinierte „Fangsdi“. „Man rutscht auf dem Stangerl, springt runter, zieht sich wieder hoch, läuft davon – und das alles in einem gewissen Tempo. Das ist schon richtig anstrengend.“
Helmut Gruber – der Pionier am „Stangerl“
Das „Fangsdi“-Spiel am Stangerl ist auch Teil der Entstehungsgeschichte des Stangerlrutschens. „Wir haben da immer nach dem Schwimmtraining Fangermanderl gespielt“, erinnert der 96-jährige Helmut Gruber und Urvater des Stangerlrutschens. Er war früher Werkleiter in Gendorf und wuchs auch in Burghausen auf. „Die Stange hat früher den Schwimmbereich zum See abgegrenzt“, weiß er noch. „Wir sind damals immer zuerst ins Wasser gehüpft, dann getaucht und an der Stange wieder rausgekommen, dann sind wir auf ihr gelaufen und haben balanciert.“
Dass der junge Gruber bei einer rasanten Flucht einmal statt mit den Beinen auf seinem Allerwertesten auf der Stange landete und dann meterweit über den Stamm schlitterte, führte zu großer Begeisterung bei den Zuschauern. Und schon wurde das Fangsdi um eine Schwierigkeit ergänzt. „Die besten von uns haben bis zu sieben Meter Rutschen geschafft“, erinnert sich Gruber stolz. Im Gegensatz zur heutigen Mode hatten die Jungen damals allerdings einen Vorteil: knappe Dreiecks-Badehosen, mit denen die nassen Oberschenkel eine wunderbar rutschen konnten.
Junge Generation führt Tradition fort
Die Damen haben inzwischen einen modischen Vorteil, wenn es ums Stangerlrutschen geht, denn Boxershorts sind für den Kultsport eher ein Hindernis. Dass seine 21-jährige Tochter Paulina noch immer im Duo mit ihrem Papa rutscht, macht Klaus Burgstaller besonders stolz: „Ich glaube, wir waren die erste Generation, die das Stangerlrutschen bewusst an die Kinder weitergegeben hat.“ Selbst wenn der Spaß auch seine Schattenseiten hatte, denn „Holz gibt eben nicht nach“, wie Burgstaller aus eigener Erfahrung weiß.
Neben kleineren Blessuren wie abgerissene Nägel, blaue Flecken und Schürfwunden, hat er sich auch schon mal beim Stangerlrutschen Rippen gebrochen. Dennoch überwiegen für ihn und Paulina die Faszination für den Burghauser Kultsport – und, dass die Stadt Burghausen das Stangerl nach einem Jahr Pause erneuert hat, freute die beiden ganz besonders. „Das neue Stangerl ist noch dazu richtig gut. Das rutscht wirklich super“, lobt Burgstaller. Für die Bearbeitung des Holzstamms brauche es das nötige Know-how, denn nicht jedes Holz eigne sich auch wirklich zum Stangerlrutschen.
