Legendärer Wöhrsee-Spaß begeistert das Netz
„Stangerlrutschen“ geht viral: Was das ist und wie der Burghauser Kultsport entstand
Das legendäre Stangerlrutschen am Wöhrsee feiert sein digitales Comeback – dank einer Burghauserin, die ein Video in die sozialen Medien stellte: Inzwischen wurde es über eine Million Mal angesehen.
Burghausen – Das „Stangerlrutschen“ am Burghauser Wöhrsee erlebt aktuell große Aufmerksamkeit in den sozialen Medien. Ein Videoclip von Bernadette Abentung, in dem sie vorführt, was Stangerlrutschen eigentlich ist, wurde inzwischen knapp 1.100.000 Mal auf Instagram und rund 130.000 Mal auf TikTok angesehen. Auch auf Facebook sorgte der Clip für Gesprächsstoff. Abentung hat mit ihrem Video wohl einen Nerv getroffen – denn obwohl der Kultsport vielen Burghausern ein Begriff ist, können nur wenige Wöhrsee-Jünger von sich behaupten, ein guter Stangerlrutscher zu sein. Dass manche Kinder und Jugendliche inzwischen nicht mehr wissen, wozu der glatte Holzbalken im Wöhrseebad da ist, war für Bernadette Abentung aber ein Zeichen, dass der Kultsport nicht in Vergessenheit geraten darf – mit Erfolg.
„Zeigt euren Kindern, wie das geht!“
Die 40-Jährige lebt zwar seit vielen Jahren in Innsbruck, ist aber nach wie vor eng mit ihrer Heimatstadt verbunden. Als Tochter des ehemaligen Stadtrats Gerhard Hübner und Enkelin des ehemaligen Bürgermeisters Fritz Harrer bezeichnet sie sich aber zu Recht als „Burghauser Urgewächs“. „Ich und meine Familie sind nach wie vor tief verwurzelt und sind überall mit dabei – ob auf der Maiwies’n, beim Burgfest oder am Wöhrsee.“ Das „grüne Juwel“ ruft nicht nur nostalgische Erinnerungen bei vielen Burghausern hervor, sondern ist und bleibt die Seele der Salzachstadt.
Auch Abentung und ihre Kinder verbringen viele Sommertage am See. Am letzten Wochenende im Juni kam ihr dann spontan die Idee, das Stangerlrutschen wiederzubeleben: Während sie sich in der Kabine umzog, sollte ihr Sohn den glatten Holzstamm schon mal mit Wasser bespritzen. „Und da haben sich andere Kinder bei ihm beschwert, dass sie eigentlich balancieren wollten“, lacht Bernadette. „Dass der glatte Holzstamm fürs Stangerlrutschen gedacht ist – wussten die da noch gar nicht.“ Kurzerhand beschloss sie, es der Jugend vorzumachen – das Video von ihrer Aktion stellte sie danach in eine Burghauser Facebook-Gruppe, mit einer Bitte an die Eltern, die Kulttradition an ihre Kinder weiterzugeben.
Mit Technik, Mut – und der richtigen Badehose
Mit Erfolg, denn was dann passierte, überraschte sie selbst. Bereits einen Tag später tauchten mehrere Männer am Stangerl auf. „Die haben gesagt, sie hätten zwar die falschen Badehosen an, aber wollten es trotzdem ausprobieren. Bis zum Schluss konnten es dann einige wieder richtig gut“, erzählt Bernadette stolz. Für den Kultsport braucht es nämlich neben einer knappen Badehose auch Geschick und Körperbeherrschung. „Mit ein bisschen Übung schafft man es aber länger sitzen zu bleiben und weitere Strecken zurückzulegen“, sagt Abentung – so wie ihr 10-jähriger Bub und ihre 16-jährige Tochter.
Der Ursprung des Stangerlrutschens
Dass ihr Video so große Resonanz erzeugt, war für Bernadette Abentung überraschend. Inzwischen diskutieren unter ihren Posts zahlreiche Menschen verschiedenster Altersgruppen. „Für viele stellt es ein echtes Stück Burghauser Identität dar“, so Abentung. „Eine hat geschrieben: Das haben wir vor 50 Jahren schon gemacht“, erzählt Bernadette. Von einigen Mitgliedern der älteren Generation habe es ganz wilde Geschichten gegeben: „Da hat man aus dem Handstand heraus Schwung geholt und ist mit den Füßen am Dach gestartet“, lacht Abentung.
Worauf der Kultsport zurückgeht, war Abentung jedoch nicht bekannt. Nach sicheren Quellen soll der Begründer der Tradition der ehemalige Werkleiter in Gendorf, der 95-jährige Helmut Gruber sein. In seiner Jugend war der Trainingsbereich für die Schwimmer am Wöhrsee noch mit einem Holzbalken abgegrenzt. Eines Tages musste Gruber bei einem rasanten „Fangsdi“ nach seinem Schwimmtraining wohl eine so rasante „Flucht“ hinlegen, dass er unter dem Geländer durch, mit seinem Allerwertesten auf dem Stangerl landete und mehrere Meter rutschte: Der legendäre Pionier-Rutsch auf dem Stangerl war geboren.