Inzwischen 300 Tiere wiederangesiedelt
Waldrapp-Küken erwartet: EU-Kommission zu Besuch beim Artenschutzprojekt in Burghausen
Elf Tiere, vier Brutpaare und eine neue Zugroute nach Andalusien – die Bilanz zur Halbzeit des Waldrapp-Projektes lässt sich sehen. Auch die EU-Kommission zeigt sich beim Lokaltermin in Burghausen beeindruckt vom Fortschritt.
Burghausen – Am Dienstag (6. Juni) erhielt das Waldrapp-Team in Burghausen hohen Besuch: Zur Halbzeit des Artenschutzprojekts Life20 machte sich Maria-José Aramburu als Vertreterin der EU-Kommission ein Bild vom aktuellen Stand und zeigte sich überzeugt vom Erfolg des Vorhabens. Der Waldrapp ist ein Zugvogel, der bis ins 17. Jahrhundert auch in Mitteleuropa heimisch war, dann jedoch wegen exzessiver Bejagung verschwand. Schon im Rahmen des ersten Waldrapp-Projekts (Life 12+) konnten im nördlichen Alpenvorland wieder 142 Tiere angesiedelt werden. Bis zum Abschluss des Folgeprojekts Life20 im Jahr 2028 soll die Population auf insgesamt 360 Waldrappe anwachsen.
In Burghausen werden wieder Küken erwartet
Erst im Juni 2024 wurde das 20-jährige Jubiläum des stark gefährdeten Vogels in Burghausen gefeiert. Der Vogel mit seinem unverkennbaren Schopf ist inzwischen ein beliebtes Markenzeichen für die Salzachstadt geworden. Aktuell befinden sich elf Waldrappen am Standort Burghausen, darunter vier Brutpaare. Die Vögel nutzen neu errichtete Brutplattformen in der Nähe des Pulverturms und Projektmanager Johann Fritz zeigt sich stolz, doch: „Eigentlich hätten es mehr sein sollen“, bedauert er. „Ein Marderangriff zu Beginn der Brutsaison hat mehrere Nester zerstört.“ Nun mussten zwei Paare zur eigenen Sicherheit an einen Ausweichstandort. Doch Johann Fritz hatte auch erfreuliche Nachrichten: Bereits Ende der Woche werden in Burghausen nämlich wieder die ersten Küken erwartet.
Seit Beginn der Wiederansiedlungsversuche im Jahr 2001 ist das Projekt stark gewachsen. Mittlerweile leben rund 300 Waldrappen in freier Wildbahn. Neben Burghausen gibt es noch weitere Brutplätze in Deutschland, Österreich und Italien. Die Migration der Tiere erfolgt bisher in erster Linie in Richtung Toskana. Seit 2023 etabliert das Projektteam jedoch eine zweite Zugroute – nach Andalusien. Hintergrund ist wohl auch hier der Klimawandel: Weil die winterlichen Temperaturen inzwischen immer später eintreten, treten auch die Waldrappe ihren Flug in den Süden später an.
Die neue Route nach Andalusien
„Durch die Verschiebung der Herbstmigration in den November fehlt den Vögeln aber häufig die notwendige Thermik, um die Alpen zu überqueren“, erklärte Projektmanager Johann Fritz. „So mussten wir sie in den letzten Jahren im Dezember einfangen und mit dem Auto über das Gebirge bringen.“ Auf Dauer sei das aber nicht tragbar und so wurde die Alternativroute nach Andalusien ausgetüftelt. Auf dem Flug dorthin gibt es keine Barrieren, die mit den Alpen vergleichbar wären.
Um die neue Zugroute zu etablieren, werden Jungvögel mithilfe von Ultraleichtflugzeugen in das Winterquartier begleitet. Trainiert werden sie dafür in Taching, etwa 30 Kilometer von Burghausen entfernt. Mitte August startet der nächste Flug. „Letztes Jahr waren wir 52 Tage unterwegs“, sagt Johann Fritz. Erst vor wenigen Tagen konnte ein erster Meilenstein dieses Trainings gefeiert werden, denn ein Waldrapp aus Andalusien war eigenständig zurückgekehrt.
Ein Vogel verbindet Europa
Eine zentrale Rolle für das Projekt spielt natürlich auch die Technik. „Artenschutz funktioniert heute nicht mehr ohne Forschung und technische Entwicklung“, betonte Stephan Hering-Hagenbeck, Direktor des Tiergartens Schönbrunn in Wien – von Beginn an Partner und finanzieller Unterstützer des Waldrapp-Projektes. Er lobte die Leidenschaft von Projektmanager Johann Fritz als zentrale Figur und bat ihn bei seinen Flügen vorsichtig zu sein, denn er werde noch länger gebraucht. Auch Emanuel Liechtenstein, Obmann des Fördervereins Waldrappteam bedankte sich bei Fritz und der EU-Kommission. „Der Waldrapp verbindet seit über 20 Jahren Städte und Länder und diese internationalen Verbindungen wurden dank dieses Projektes hergestellt. All das wäre ohne das Life Programm und die Hilfe der EU-Kommission nicht möglich“, hob er hervor.
„Solche Besuche sind für uns wichtig, um zu sehen, wie ein Projekt konkret vor Ort umgesetzt wird“, sagte Maria-José Aramburu, von der EU-Kommission und Projektberaterin der CINEA. „Der persönliche Austausch mit den Beteiligten ist dabei genauso zentral wie die Fakten.“ Die EU fördert das aktuelle Projekt noch bis 2028. Für den Förderzeitraum kommen 60 Prozent des Budgets aus dem EU-Haushalt, die restlichen 40 Prozent werden durch Partner und Kofinanzierer aufgebracht.
