Von Stripclub zum gemütlichen Café
Die wilde Vergangenheit der charmanten „Mathilda“: Das Burghauser „Scharfe Eck“ im Wandel
Wo Emanuel Haseloff heute sein „Mathilda“ betreibt, da ging es einst heiß zur Sache: Das „Scharfe Eck“ in Burghausen hat seinen Namen nämlich nicht ohne Grund. Vor leicht bekleideten Damen war es aber das Weißbier, das in dem Eckhaus begeisterte. Ein Ausflug in die wilde Vergangenheit des Hofberg-Ecks.
Burghausen – Sucht man im Burghauser Stadtarchiv nach Informationen zum „Scharfen Eck“, dann wird man schnell fündig: Ein bunter Stapel von Zeitungsartikeln belegt die wilde Vergangenheit des Burghauser Altstadthauses. Am Eck zwischen Hofberg und Ludwigsberg ging es nämlich einmal heiß zur Sache: Da gab es Striptease und Schäferstündchen, mutmaßliche Mafiosi und jede Menge alkoholische Getränke. Wohl zum Glück für die Anwohner ist Letzteres das Einzige, was dort heute noch geboten ist.
Vom „Scharfen Eck“ zum gemütlichen „Mathilda“
„Emi“ Haseloff weiß nicht sooo viel über das wilde Vorleben seiner „Mathilda“: „Ich weiß, dass es hier zwischen den 50ern und 90ern ein ‚Cabaret Lido‘ gegeben hat“, sagt er und fügt hinzu, dass die historischen Gasthof-Betreiber in dem Eckhaus Gerüchten zufolge eine besondere Schankerlaubnis innehatten. Haseloff selbst übernahm das Lokal im im Mai vor fünf Jahren – und muss trotz inniger Liebe zu seiner Mathilda zugeben: „Für eine Terrasse im Sommer gibt das Scharfe Eck leider keinen Platz her.“
Während beim benachbarten „Piffer“ in lauen Nächten alle Tische belegt sind, hat sich Emi zwei bunte Stehtische zusammengezimmert, damit die Gäste auch sehen, dass das „Mathilda“ geöffnet ist. „Konkurrenz zwischen uns Altstadtwirten gibt es aber nicht“, sagt der Wirt vom „Mathilda“: „Es gibt hier nur Mitstreiter.“ Laut dem 43-Jährigen zieht das gemütliche Lokal im Vintage-Stil gerade Damen sehr an. So manch eine Dame kommt wegen des guten Kaffees, andere wegen der Cocktail-Eigenkreationen. Auch die Qualität des Weins im „Mathilda“ lässt sich sehen – auch wenn hier früher ganz andere Sehenswürdigkeiten geboten waren:
Die vorhandenen Artikel im Stadtarchiv, die wohl die Namensherkunft des „Scharfen Eck“ belegen, beginnen im Jahr 1977. „Die große Attraktion im November“ heißt es da in einer Annonce des MAXIM am Stadtplatz: „Superstar Heidi bekannt aus Film und Fernsehen“, liest man weiter. Dass es sich dabei aber nicht um die „Heidi“ aus der damals sehr beliebten Zeichentrickserie für Kinder handelte, wird ganz schnell klar. Die „Berge“ des Superstars wurden aber sicherlich von vielen Burghauser Männern besichtigt – darunter renommierte Geschäftsleute und auch der ein oder andere Besucher aus dem Rathaus, sollen gekommen sein.
Razzien und Skandale: Das Tanzcabaret am „Scharfen Eck“
Doch nachdem bereits schon einige Zeit Unmut über das „Maxim“ schwelte, fand im August 1993 eine Razzia in dem Eckhaus statt, bei drei Tschechinnen festgenommen wurden – eine von ihnen im siebten Monat schwanger. Der Polizei war das Etablissement schon länger ein Dorn im Auge: Immer wieder war es dort beits zu Fällen von Prostitution gekommen. 300 Mark soll ein Schäferstündchen im Obergeschoss damals gekostet haben. Doch auch nach der Razzia wurde im Scharfen Eck munter weiter gestrippt – wenn auch unter anderem Namen, denn ab 1994 nannte sich das Lokal am Eck „Tanzcabaret Lido“.
Die Werbeanzeigen für das Lido waren aber weiterhin von leicht bekleideten Damen geziert: Nun sind es aber neun Mädchen aus Bulgarien, die im „Lido“ ihre Hüllen fallen lassen. Den Anwohnern gefällt das nicht so gut, denn jedesmal wenn die Damen sich entkleiden kommt es wohl zu männlichen Brunftrufen, die die Nachruhe der braven Altstädter störten. Auch Müll hinterließen die Herren der Schöpfung – völlig dem Rausch der Sinne erlegen. Doch am Ende war es weder Müll noch Lärm, der die Bombe zum Platzen brachte:
„Blaulicht im Rotlicht-Milieu“
„Blaulicht im Rotlicht-Milieu“, hieß es nämlich plötzlich in der Münchner Abendzeitung: In Burghausen sei ein Mädchenhändler geschnappt worden. Das Foto, das Robert Piffer von der Razzia am 8. Juli 1995 schoss, ist jedoch nicht minder sensationell: Vor dem Eingang zum Scharfen Eck steht eine Schlange von Polizeifahrzeugen. Allein vier VW-Busse und ein Streifenwagen sind auf dem Bild sehen. Die Tür zum „Cabaret Lido“ steht offen, und auf einem weiteren Foto dokumentierte der Burghauser Redakteur die Festnahme von Massimo L., dem Geschäftsführer des Etablissements.
Insgesamt waren an dem Abend zwei Männer und sechs Mädchen in Burghausen verhaftet worden – während weitere Razzien in ganz Oberbayern stattfanden. Vermittelt wurden die Damen damals wohl durch eine 58-jährige Polin, die in München eine „Künstleragentur“ betrieb: Sie wurde wegen schweren Menschenhandels angeklagt. Massimo L. aus Neapel kam dagegen mit Bewährung davon, doch sein Boss, Damiano M. wurde zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt – neben der Sache mit den Mädchen auch wegen Betrugs, Drogengeschäften, Bedrohung und Körperverletzung.
Vom Gasthaus zum Tanzcabaret und wieder zurück
Nach dem jähen Aus des „Tanzcabarets“ wurde das Scharfe Eck dann wieder zum Gasthaus. Vor dem „heißen Zwischenspiel“ zwischen Hofberg und Ludwigsberg war das Haus bereits mehr als 400 Jahre ein Wirtshaus gewesen. Bereits im Jahr 1693 wohnte dort ein „Weißbierführer“ – und so sollte es bis Mitte des 19. Jahrhunderts auch bleiben. Das Brauen von Weizenbier war in Bayern nämlich zuerst verboten – bis der bayerische Herzog Maximlian I. das Privileg zum Weißbierbrauen erbte: Er führte zu Beginn des 17. Jahrhunderts das Weißbiermonopol ein und von nun ab stellte das Bier, das im Spätmittelalter aus Böhmen nach Bayern eingeführt wurde, eine sichere und große Einnahmequelle für den bayerischen Staat dar.
Von „Weißbierführern“ und dem „Weißbiermonopol“
Nur wenigen Brauereien war es jedoch gestattetet, Weißbier zu brauen und im Rentamt Burghausen kam die Ehre ausschließlich der staatlichen Brauerei in Mattighofen zu. Die Steuer auf das kostbare Bier war jedoch viermal höher als jene auf dem bitteren Braunbier. Die sogenannten „Weißbierführer“ waren wohl auch deswegen die einzigen, die den Verkauf des wertvollen Getränks übernehmen durften – sie waren aber auch für den Biertransport von der Brauerei bis zu den Gasthäusern verantwortlich. Die Straße zwischen Gundertshausen und Hochburg wird deswegen noch heute „Bierstraße“ genannt.
Abertausend Fässer Weißbier wurden damals über die hölzerne Salzachbrücke nach Burghausen gebracht und von hier über den Hofberg weitertransportiert. An der wichtigen Handelsroute waren demnach nicht nur Gasthäuser und Weißbierführer angesiedelt, sondern auch Wagner und andere Handwerker. Das „Scharfe Eck“ war damals also weder sinnbildlich noch wortwörtlich „scharf“ – erst nachdem das Nachbarhaus (zwischen Hofberg und Kanzelmüllerstraße) im Zuge der Bauarbeiten für den Ludwigsberg (1835/36) abgerissen wurde, entstand der spitze Zuschnitt an dem Eck. Wer das frühere Aussehen des Burghauser Stadtplatzes bestaunen möchte, kann das noch heute: Das „Sandtner-Modell“ , welches sich im Besitz des Bayerischen Nationalmuseums befindet, zeigt, wie Burghausen im Jahr 1574 aussah.



