Raiffeisen Kultursommer im Park
Deichkind in Tüßling: Das Schloss steht noch – kaum zu glauben
Wummernde Bässe, Einhörner auf’m Kopf, und ein Schloss, das fast platzt. Tüßling hat Deichkind überlebt – Das Publikum feiert, tobt und kifft.
Tüßling – Es ist ein amtlicher Härtetest für die alten Mauern von Schloss Tüßling. Die haben in den vergangenen Jahren seit Erfindung der Konzerte im Schlosspark schon so einiges mitgemacht: Crossover-Geklimper, Rock mit Regencape, Schlager im Vollmondlicht. Aber was da bei Deichkind abgeht – das ist kein Konzert, das ist ein Abrisskommando mit Beatmaschine. Sollte das ehrwürdige Haus das überlebt haben, braucht Gräfin Stephanie von Pfuehl für die nächsten hundert Jahre keinen Statiker mehr.
Denken Sie groß
Wummernde Bässe, so laut wie nie, vorprogrammierte Ekstase. Die Menge ist ein Explosionsgemälde: Einhörner auf dem Kopf, bunte Plastik-Ponchos im 5XL-Format, dreieckiche Gesichtsmasken und Hüte, Menschen-Mumien mit Baseball-Kappe. Dann kommt die Crew: sieben Deichkinder, uniform gekleidet wie die Zukunft aus dem Wäschekorb. „Denken Sie groß“, brüllt’s aus den Boxen. Und der Park springt.
Remmidemmi
Was Deichkind ist? Schwer zu sagen. Saufmusik und Sozialkritik, Dada-Performance in Rap und Techno, überbordende Bühnenschau, Kunst und Klamauk, Einzelkünstler und Kollektiv. Keine Gitarren oder ein Schlagzeug, nur Knöpfe, jeder Ton kommt vorprogrammiert aus dem Computer. Hinter den Mikrophonen die vier Exzesssänger um den Hamburger Philipp Grütering, nach 25 Jahren einziges verbliebenes Gründungsmitglied. Dazu Henning Besser, Sebastian Dürre und Roger Rekless, ein Münchner, der sich in der Gegend hörbar auskennt und wohlfühlt. Drumherum ein Dutzend Tänzer, Performer, Riesengummiboot-Fahrer, in ihrer ständigen Verkleidung entindividualisierte Geschöpfe der Ausschweifung, die erst nach der Verlängerung mit „Remmidemmi“ Individualität bekommen.
Deichkind kommt bild- und bassgewaltig daher. Der Rest: Spektakel.
Kids in meinem Alter
4500 Feierwillige, Altersklasse „Kids in meinem Alter“, also so 40+, so wie die Deichkinder. Nur halb so viel, wie in den Schloss-Garten passen würden. Aber der Abriss reicht locker für die doppelte Menge.
Bude voll People
Früher war mehr Bier, vielleicht mehr Exzess, heute ist mehr Achtsamkeit. Vor allem im Moshpit zwischen den Rosenbeeten. „Wir wollen nichts Sexistisches, passt aufeinander auf“, sagt Roger Rekless. Und dann springen sie, rempeln sich an, fallen um und stehen wieder auf. Immer ein Grinsen im Gesicht, die „Bude voll People“.
Und irgendjemand kifft. Natürlich.
Luftbahn
Die Texte, manche klug, manche Quatsch. „Luftbahn“ kommt – atemloser Heleneschlagersuperkitsch mit Synthieflöte. Egal, alle fliegen mit. Dann rollt das Fass in die Menge. Dann kommt die „Opa gegen Nazis“-Flagge. Dann das Rollstuhlballett bei „Bück dich hoch“. Und plötzlich ist alles Kunst. Und Party.
Auf der Leinwand Videofilme von VJ Wasted am Anfang und Applaus: Ozzy Osbourne, die Legende. Frisch verstorben, träumt er auch posthum. Und der Osbournsche Wahnsinn bleibt. Finale mit 20 Menschen im Kostüm-Ringelreihen auf der Bühne. Die alten Mauern haben’s überlebt. Die Party geht weiter.


