Medizin in der Region
Volle Wartezimmer trotz Überversorgung? So ist die Situation bei Fachärzten im Kreis Mühldorf
Der Widerspruch könnte kaum größer sein: Wer eine Untersuchung beim Facharzt benötigt, wartet oft Wochen und Monate. Zugleich meldet der Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung für den Landkreis Mühldorf in allen Bereichen: Überversorgung.
Mühldorf – Wer in einigen Wochen eine Vorsorgeuntersuchung beim Augenarzt wünscht, macht den Termin am besten gleich beim aktuellen Besuch aus. Wer Schmerzen in der Hüfte hat, muss oft wochenlang Ibuprofen schlucken, die Krebsuntersuchung beim Hautarzt ist – wenn überhaupt – erst in einigen Monaten möglich, auch Frauenärzte können selten sofort helfen.
In fast allen Bereichen: Überversorgung
Vergleicht man diese Erfahrungen mit den Daten aus den Planungsblättern der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) mit Stand vom Anfang dieses Jahres, bekommt man einen ganz anderen Eindruck: In allen Facharzt-Richtungen ist der Versorgungsgrad von 100 Prozent zum Teil weit überschritten. Von nur 111,61 Prozent bei Kinder- und Jugendärzten bis zu 186,94 Prozent bei Urologen reicht das Spektrum. In den meisten Bereichen dürfen sich keine neuen Ärzte mehr ansiedeln.
Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, die den Versorgungsatlas erstellt hat, legt die Verhältniszahl fest, für wie viele Einwohner ein Arzt vorhanden sein soll. Ist dieses Verhältnis genau erfüllt, liegt der Versorgungsgrad bei 100 Prozent. Für die im Landkreis Mühldorf genannte Überversorgung in vielen Bereichen gibt es Gründe.
Anm. Da viele Ärzte in Teilzeit arbeiten, ist die Zahl der tätigen Frauen und Männer möglicherweise höher, als die Zahl der Ärzte.
Der Mühldorfer Urologe Dr. Edwin Hungerhuber erklärt, warum es trotz der statistischen Überversorgung zu Wartezeiten bei Behandlungsterminen kommt. Nach seinen Angaben gibt es in der täglichen Arbeit zahlreiche Faktoren, die in der Berechnung keine Rolle spielen. „Unsere Praxis ist nicht nur ambulant tätig, sondern seit vielen Jahren auch aktiv in der stationären Versorgung im Krankenhaus eingebunden“, sagt Hungerhuber. „Hinzu kommen zunehmend ambulante Operationen, deren Zahl auf politischen Druck hin stetig zunimmt. Dies bindet ärztliche Kapazitäten.“
Mehr Aufgaben, als der Versorgungsatlas widerspiegelt
Als einzige urologische Praxis im Landkreis mit einer onkologischen Zulassung betreuen die Mühldorfer Ärzte laut Hungerhuber zahlreiche Krebspatientinnen und -patienten. „Diese Versorgung erfordert im Vergleich zum regulären urologischen Behandlungsspektrum deutlich mehr Zeit und medizinische Ressourcen.“ Diese Expertise werde auch überregional nachgefragt und bringe Patienten von außerhalb in den Landkreis, die in der Kassenärztlichen Berechnung nicht auftauchen.
Um dieser Spezialisierung Rechnung zu tragen, habe die KVB die Zahl der Arztsitze erhöht. „Die rechnerische Überversorgung auf dem Papier spiegelt nicht die Realität einer hoch spezialisierten urologischen Versorgung mit stationärer Klinik-Tätigkeit, ambulanten Operationen, onkologischem Schwerpunkt und überregionalem Einzugsgebiet wider“, sagt Hungerhuber.
Einige Fachrichtungen nur knapp über dem Schnitt
Nur knapp über der geforderten Versorgung liegen im Landkreis Mühldorf Haut-, Nerven-, Augen- sowie Kinder- und Jugendärzte. Bei anderen kann sich das Verhältnis in den kommenden Jahren deutlich verändern, blickt man auf den Altersdurchschnitt der Ärzte. So sind Orthopäden im Landkreis im Durchschnitt älter als 58 Jahre, nur Kinder- und Jugendärzte fallen aus dem eher hohen Alterstdurchschnitt etwas heraus. Damit zeigt sich auch im Bereich Fachärzte das Problem, dass viele Branchen heute haben: Die geburtenstarken Jahrgänge stehen kurz vor der Rente.
| Fachrichtung | Zahl der Arztstellen | Versorgungsgrad | Frauen/Männer | Altersdurchschnitt | Niederlassung mögl? |
| Augenärzte | 10 | 118,24 | 6/4 | 50,9 | Nein |
| Orthopäden | 10,75 | 133,53 | 0/18 | 58,4 | Nein |
| Frauenärzte | 11,5 | 119,89 | 10/4 | 55,4 | Nein |
| Hautärzte | 3,5 | 116,3 | k.A | k.A. | Nein |
| HNO-Ärzte | 5,75 | 151,39 | k.A | k.A. | Nein |
| Nervenärzte | 9 | 112,57 | 3/6 | 57,9 | Nein |
| Psychotherapeuten | 48 | 130,33 | 43/5 | 52,8 | Nein |
| Urologen | 5 | 186,94 | 0/6 | k.A: | Nein |
| Kinder- und Jugend | 8,25 | 111,61 | 8/3 | 51,9 | Nein |
| Internisten | 16 | 147,12 | k.A. | k.A. | Nein |
| Radiologen | 6 | 152,77 | k.A. | k.A. | Nein |
Da ein Teil der Mediziner in Teilzeit arbeitet, unterscheidet sich in den meisten Fällen die Zahl der Arztstellen von den praktizierenden Frauen und Männern.
Viele Frauen im Job
Auffallend ist auch der hohe Anteil von Frauen im Arztberuf. Selbst wenn man die große Übermacht im Bereich der Psychotherapeuten herausrechnet, sind Ärztinnen innerhalb der Berufsgruppe stark vertreten. Statistisch begründet das auch eine hohe Anzahl an Teilzeitstellen.
Fast alle Fachärzte in Mühldorf und Waldkraiburg
Die Verteilung der Fachärzte im Landkreis ist nicht besonders gut, fast alle sind in den Städten Mühldorf und Waldkraiburg vertreten. In den anderen Orten gibt es sie nur vereinzelt. Haag hat sich als kleines Zentrum herauskristallisiert, in dem es Augenheilkunde, Orthopädie, Kinder- und Nervenarzt gibt. In Ampfing findet sich neben einer Haut- und Kinderarztpraxis auch eine Einrichtung für Psychotherapie.
