Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies.
Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu.
Weitere Informationen
Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.
Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für
. Danach können Sie gratis weiterlesen.
Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.
Kolumne vom Meteorologen Dominik Jung
El Niño und der deutsche Sommer: Was die Panikmache verschweigt
Immer häufiger warnen Schlagzeilen vor einem „Sommer der Extreme“ durch El Niño. Wir ordnen ein, was davon zu halten ist. Eine Wetter-Kolumne von Dominik Jung.
Wer in den letzten Wochen Wetterportale oder Nachrichtenseiten aufgerufen hat, kam an Überschriften wie „El Niño könnte uns einen Sommer der Extreme bescheren“ kaum vorbei. Das klingt nach Warnung, nach Dringlichkeit, nach einem Phänomen, das direkt auf unser Sommerwetter durchschlägt.
Die Auswirkungen von El Niño sind weltweit vielseitig und insbesondere vielschichtig. Gerade in Europa ist der Einfluss dieses Phänomens aber sehr stark begrenzt.
Die Wahrheit ist deutlich weniger spektakulär: El Niño beschreibt eine periodische Erwärmung der Meeresoberfläche im tropischen Pazifik, vorwiegend vor der Küste Südamerikas. Seine direkten Auswirkungen betreffen den pazifischen Raum – Australien, Indonesien, Teile Nord- und Südamerikas. Europa liegt schlicht nicht im primären Wirkungsgebiet. Das heißt nicht, dass es keinerlei Fernwirkungen gibt. Aber der Weg vom Pazifik nach Mitteleuropa ist lang, und die atmosphärischen Zusammenhänge sind so komplex, dass ein simpler Ursache-Wirkungs-Pfeil, wie ihn solche Schlagzeilen suggerieren, fachlich nicht haltbar ist.
Wetter-Prognose vom „Sommer der Extreme“: Die Schlagzeile klingt gut, die Physik sagt etwas anderes
In der synoptischen Meteorologie arbeiten wir mit Ensembles, Wahrscheinlichkeiten und Analogjahren. Ja, es gibt Studien, die bei starken El-Niño-Ereignissen gewisse statistische Häufungen bestimmter Wetterlagen in Europa untersucht haben. Aber „gewisse statistische Häufungen“ ist etwas ganz anderes als „beschert uns einen Extremsommer“. Die Korrelationen sind schwach, teilweise widersprüchlich, und sie werden von anderen Einflussfaktoren – der Nordatlantischen Oszillation, der arktischen Meereisausdehnung, der Bodenfeuchtigkeit auf dem Kontinent — regelmäßig überlagert.
Wer so tut, als ließe sich aus einem Pazifikphänomen ein deutscher Sommer ableiten, verwechselt Wetter mit einem Rechenexempel. Für die Redaktionen ist das Narrativ freilich bequem: El Niño ist ein eingängiger Begriff, er klingt exotisch und bedrohlich zugleich, und das Wörtchen „könnte“ sichert jeden ab. Trifft es ein, hat man es vorhergesagt. Trifft es nicht ein, hat man ja nur von einer Möglichkeit gesprochen.
Tornados, Wüstenstürme, Zyklone: Wetterphänomene, die Sie kennen sollten
Was wir aktuell wirklich über den Sommer 2026 wissen
Saisonale Vorhersagen für Mitteleuropa haben eine begrenzte Treffsicherheit — das gehört zur Ehrlichkeit unseres Fachs. Wir können Tendenzen angeben, etwa ob die Wahrscheinlichkeit für überdurchschnittliche Temperaturen erhöht ist. Aber eine belastbare Aussage darüber, ob der Juli verregnet oder der August von Hitzewellen geprägt sein wird, kann im April oder Mai schlicht niemand treffen, kein Modell und kein Meteorologe. Wer das Gegenteil behauptet, betreibt keine Wissenschaft, sondern Aufmerksamkeitsökonomie.
Und genau das ist das Problem: Solche Schlagzeilen untergraben auf Dauer das Vertrauen in seriöse Klimakommunikation. Wenn jedes Wetterereignis vorab zum „Extrem“ erklärt wird, stumpft die Öffentlichkeit ab. Die wirklich relevanten Warnungen – etwa vor konkreten Unwetterlagen mit kurzer Vorlaufzeit – gehen dann im Grundrauschen unter.
Mein Rat als Diplom-Meteorologe: Lassen Sie sich von solchen Überschriften nicht verunsichern. Informieren Sie sich bei den operativen Wetterdiensten, wenn Sie wissen wollen, was auf uns zukommt. Dort finden Sie keine reißerischen Prognosen, sondern nüchterne Wahrscheinlichkeiten – und das ist genau das, was verantwortungsvolle Meteorologie ausmacht. El Niño ist ein faszinierendes Klimaphänomen, keine Kristallkugel für den deutschen Sommer.