Freud und Leid bei den Seebruckern
Überraschung in Seebruck: Pläne ad acta gelegt – Entlastungsspange endgültig gestorben?
Die einen freut‘s, die anderen ärgert‘s: Die Pläne für die Entlastungsspange Seebruck werden vorerst nicht weiterverfolgt. Diese Bombe ließen Vertreter des Staatlichen Bauamts Traunsteins am Dienstagabend bei der Vorstellung der Untersuchungsergebnisse für einen Umbau der Staatsstraße 2095 platzen. Was das jetzt für den Verkehr in der Chiemseegemeinde bedeutet und wie es weitergeht:
Seeon-Seebruck - Bis auf den letzten Platz belegt war die Turnhalle Seebruck am frühen Abend des 25. Februars. Circa 250 Bürger ließen sich die Analyse des Staatlichen Bauamts Traunsteins nicht entgehen.
Behördenleiter Christian Rehm, Bernadette Wallner, Leiterin der Abteilung Straßenplanung, und Johannes Schober vom gleichnamigen Landschaftsplanungsbüro stellten die Ergebnisse der umfangreichen Untersuchung für die Staatsstraße 2095 und die Entlastungsspange als mögliche Ortsumfahrung für Seebruck vor.
Klares Fazit aus dem Staatlichen Bauamt:
Gleich zu Beginn des Vortrags nahm Rehm die Spannung raus: „Die Planungen für die Entlastungsspange Seebruck werden derzeit zunächst nicht weiterverfolgt.“ Diese Aussage wurde von regem Applaus aus den Bürgerreihen begleitet.
„Es wird Leute geben, die erleichtert sind und Leute, die enttäuscht sind. Wir haben uns diese Sache nicht leicht gemacht, sondern das Ganze auf belastbare Grundlagen gespitzt. Für unsere Entscheidung gibt es gute Gründe“, betonte Rehm und überließ seiner Kollegin Wallner das Feld, die im Folgenden die Raumempfindlichkeitsanalyse (REA) vorstellte.
Im Rahmen dieser Analyse wird der gesamte Untersuchungsraum unabhängig von Bauvarianten betrachtet. Das Ziel: Anhand der Schutzgüter möglichst konfliktarme Korridore filtern und damit weiter in die Umweltverträglichkeitsstudie (UVS) gehen.
Schutzgüter bilden neben den Brisantesten um Tiere, Pflanzen und biologische Vielfalt auch Wasser, Luft, Klima, Landschaft, Kultur- und Sachgüter, der Mensch und die menschliche Gesundheit sowie die jeweiligen Wechselwirkungen untereinander.
„Erhebliche Beeinträchtigungen“ bei allen Varianten
Die zentrale Frage: Wo wäre eine Straßenplanung grundsätzlich möglich? Die Crux: Aufgrund sehr hoher Raumempfindlichkeiten wäre eine Realisierung einer der insgesamt fünf Varianten in Seebruck sehr kompliziert. Besonders die Schutzgüter im Bereich des Moorgebiets nördlich von Graben mit dem Flora-Fauna-Habitat-Gebiet (FFH), die Alz und der Chiemsee sowie Siedlungbereiche stellen ein unüberwindbares Hindernis für den Straßenbau dar.
Zu diesem Gesamtergebnis kommt auch die Umweltverträglichkeitsprüfung, wie Schober ergänzte: „Eine eindeutige Vorzugsvariante ist aufgrund der komplizierten örtlichen Rahmenbedingungen mit unterschiedlichen schutzwürdigen Belangen, die sich zum Teil überlagern, nicht erkennbar. Bei allen Varianten muss mit mehr oder minder erheblichen Beeinträchtigungen gerechnet werden.“
Wie geht es jetzt weiter?
Zahlen zur täglichen Belastung durch den Durchgangsverkehr in Seebruck zeigen die unverblümte Realität: Es braucht langfristig eine Verkehrsentlastung in Seebruck. Fahren im Jahr 2025 pro Tag 8000 Autos durch den Ort, davon 260 an Schwerverkehr, werden es Prognosen zufolge in zehn Jahren 13.000 Autos, darunter 600 an Schwerverkehr. Die Staatsstraße 2095 in Seebruck besitzt also eine sehr hohe Wichtigkeit im Straßennetz.
Der Wunsch vieler, den Verkehr allerdings aus dem Ort zu schaffen, sei Rehm zufolge nachvollziehbar. Allerdings handelt es sich dabei auch um eine politische Entscheidung.
Auf den bisherigen Gutachten aus der Voruntersuchung kann eine weitere Planung aufgebaut werden. Zur Restrukturierung des Ausbauplans der Staatsstraße 2095 weiß Rehm Folgendes: „Variante vier hat planungsrechtlich noch die größte Chance auf eine Realisierung und bildet daher die Grundlage der Restrukturierung.“
„Im aktuellen Portfolie des Ausbauplans für Staatsstraßen vom Bayerischen Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr ist die Entlastungsspange Seebruck nicht enthalten, da die Umfahrungspläne für die Staatsstraße 2095 gescheitert sind. Wir stehen vor beträchtlichen Problemen. Lediglich die zwei nördlichen Trassen kämen überhaupt für eine Realisierung infrage. Es bleibt kompliziert, da das Umweltrisiko für diesen Projektraum sehr hoch ist. Fazit: Die Planungen ruhen - mit der Option, zu einem späteren Zeitpunkt darauf aufzubauen.“
Dass das Ganze von Anfang an nicht einfach wird, war wohl allen klar. Dass Seebruck aber gescheitert sei, wie Rehm es formulierte, sei in den Augen des Bürgermeisters jedoch unglücklich gewählt: „Wir sind mit dieser Erkenntnis schlauer als vor 50 Jahren. Es hat sich gezeigt, dass es wichtig ist, die Trasse Nord zusätzlich untersuchen zu lassen.“
Auch, wenn die Planungen nun ruhen und Seebruck im Ausbauplan nicht dabei ist, Bartlweber glaubt dennoch, dass es jetzt erst richtig losgeht: „Wir müssen schauen, wie wir uns entwickeln können und brauchen endlich Planungssicherheit unter der zentralen Frage: Wo können wir das Beste aus der Situation machen und wo liegen Verbesserungen?“
Kontroverse Meinungen bei den Bürgern
Die Seebrucker bleiben nach diesem Informationsabend mit gemischten Gefühlen zurück - die Meinungen in den Reihen gehen stark auseinander. So warf ein Truchtlachinger in den Raum, ob es nicht möglich sei, eine rote Zone beispielsweise für Verbrennermotoren - wie es in München der Fall ist - einzuführen.
Bartlweber versprach weiterhin, Möglichkeiten zu prüfen, die Verkehrsinfrastruktur zu verbessern. Aber: „Eine Staatsstraße ist dazu da, den Verkehr zum Fließen zu bringen. Wir können eine solche Option für die Staatstraße 2095 untersuchen lassen, aber aus dem Bauch heraus kann ich mir das für Seebruck nicht vorstellen.“
Für einen weiteren Seebrucker Bürger ist es unverständlich, wie es möglich ist, Windräder in die Gegend zu setzen, Pläne aber an einer Brücke über die Alz scheitern. Er ist der strikten Ansicht: „Wir wollen eine Umgehung. Schließlich geht es um die Leute, die die nächsten 50 Jahre hier leben und denen die Autos durchs Schlafzimmer fahren.“
Sanierte Alzbrücke Gewinn für Seebruck
Michael Regnauer indes gefiel die positive Einstellung Bartlwebers, man müsse diese Entscheidung annehmen und mehr Gewinn für die Chiemseegemeinde erwirken. In diesem Zuge schlug er vor, ob im Gegenzug zur derzeit nicht realisierbaren Entlastungsspange denn die Uferpromenade attraktiver gestaltet werden könnte. Bartlweber erklärte schmunzelnd, hier sei die Gemeinde bereits engagiert, die Lage zu verbessern.
Ein Pluspunkt für Seebruck ist überdies die Sanierung der Alzbrücke im Bestand mit Ampelregelung sowie sicherem Geh- und Radweg, die Ende 2022 fertig gestellt wurde.
Wie es mit dem zweiten großen Projekt, der Ortsumfahrung in Form einer Entlastungsspange, die die Gemeinde seit vielen Jahren beschäftigt, künftig weitergeht, nachdem die Pläne fürs Erste ad acta gelegt wurden, steht zum gegenwärtigen Zeitpunkt in den Sternen. (mb)

