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Analyse des KVB-Versorgungsatlas

Die trügerische Idylle? Warum die Hausarzt-Versorgung im Landkreis Traunstein vor dem Umbruch steht

Ein Hausarzt sitzt in einem Sprechzimmer seiner Hausarztpraxis an einem Schreibtisch und arbeitet am Computer.
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Ein Hausarzt sitzt in einem Sprechzimmer seiner Hausarztpraxis an einem Schreibtisch und arbeitet am Computer.

Die Zahlen glänzen, doch hinter der Fassade der perfekten Hausarztversorgung im Landkreis Traunstein tickt eine vermeintliche Zeitbombe. Eine ganze Generation von Medizinern geht bald in Rente. Eine Analyse über die stillen Gefahren, die das System ins Wanken bringen könnte.

Landkreis Traunstein – Wer im Landkreis Traunstein einen Hausarzt benötigt, lebt auf dem Papier in einer privilegierten Region. Die offiziellen Daten der KVB weisen für alle zugehörigen Planungsbereiche einen sogenannten Versorgungsgrad aus, der die bayerische Norm deutlich übertrifft. Die Werte reichen von 110 Prozent im Bereich Trostberg/Traunreut über 113 Prozent in Ruhpolding bis zu knapp 116 Prozent in Traunstein. Damit liegt der Landkreis klar über dem bayerischen Durchschnitt und gilt in Teilen als überversorgt. Eine positive Momentaufnahme, die jedoch scheinbar von strukturellen und demografischen Entwicklungen bedroht wird.

Die tickende Zeitbombe? Jeder dritte Hausarzt vor dem Ruhestand

Eine alarmierende Erkenntnis aus den Daten ist die Altersstruktur der Ärzteschaft. Ein umfassender Generationenwechsel steht unmittelbar bevor. Im gesamten Landkreis bzw. Planungsbereich sind 34,3 Prozent der 140 Hausärzte 60 Jahre oder älter. Das sind knapp 50 Mediziner, die in den kommenden Jahren einen Nachfolger für ihre Praxis suchen werden. Dieser Wert liegt zwar knapp unter dem bayernweiten Schnitt von 36,3 Prozent, das eigentliche Problem zeigt sich jedoch am anderen Ende der Altersskala.

Die Versorgungssituation der Hausärzte im Landkreis Traunstein. Die Gemeinden Fridolfing und Kirchanschöring sind Teil des Planungsraumes Freilassing – die Stadt Tittmoning wird hingegen über den Raum Burghausen abgebildet.

Denn: Kritisch stellt sich die Nachwuchssituation im Planungsbereich Traunstein dar. Hier sind lediglich 9,3 Prozent der Ärzte unter 45 Jahre alt. Zum Vergleich: In ganz Bayern liegt dieser Anteil bei 20,7 Prozent. Die Nachwuchs-Pipeline ist hier also nur halb so gut gefüllt wie im bayerischen Durchschnitt. Auch der benachbarte Landkreis Berchtesgadener Land steht hier oft besser da; im Planungsbereich Bad Reichenhall sind beispielsweise 34,6 Prozent der Ärzte unter 45. Diese Zahlen verdeutlichen: Der Landkreis Traunstein steht vor einer ähnlichen Ruhestandswelle wie der Rest des Freistaats, hat aber offenbar größere Schwierigkeiten, junge Mediziner anzuziehen. Eine Chance für frisch gebackene Medizinerinnen und Mediziner bietet sich in der Region daher allemal.

Extremer Gender-Gap: Ärztinnen in der Stadt, Ärzte auf dem Land

Auf den ersten Blick ist der Landkreis Traunstein ein Vorbild für Gleichberechtigung im Arztberuf: Mit exakt 50 Prozent Ärztinnen und 50 Prozent Ärzten herrscht statistisch eine perfekte Balance, die weit von der männlichen Dominanz im Nachbarlandkreis Berchtesgadener Land (60 Prozent Männer) entfernt ist. Hinter diesem Gesamtbild versteckt sich allerdings eine in dieser Form wohl einzigartige Polarisierung innerhalb des Landkreises:

  • Der städtisch geprägte Planungsbereich Traunstein ist mit 65 Prozent Frauenanteil eine Hochburg für Ärztinnen – ein Wert, der weit über dem bayerischen Durchschnitt von 49 Prozent liegt.
  • Im scharfen Kontrast dazu steht der alpine Planungsbereich Ruhpolding, der mit 67 Prozent Männeranteil eine klare Männerdomäne darstellt.

Dieser deutliche Unterschied legt nahe, dass Ärztinnen tendenziell eher in städtischen Strukturen praktizieren, während in den ländlicheren Regionen die klassische Landarztpraxis weiterhin stärker männlich geprägt ist.

Der Blick über den Tellerrand: Die Besonderheit im Rupertiwinkel

Eine Besonderheit in der Versorgungsplanung stellt der nördliche Rupertiwinkel dar. Die Gemeinden Fridolfing und Kirchanschöring, obwohl geografisch klar im Landkreis Traunstein, werden von der KVB im Planungsbereich „Freilassing“ mitgeführt. Dies unterstreicht die enge medizinische und infrastrukturelle Verflechtung dieser Region mit dem benachbarten Berchtesgadener Land. Die Versorgungssituation dort ist sehr unterschiedlich:

  • Fridolfing ist mit acht Hausärzten für eine Gemeinde dieser Größe außergewöhnlich gut aufgestellt und fungiert offensichtlich als wichtiger lokaler Versorgungsknotenpunkt für das Umland.
  • Kirchanschöring hingegen gehört mit nur einem einzigen Hausarzt zu den Gemeinden im Landkreis, deren Versorgung besonders fragil ist und von einer einzelnen Praxis abhängt.
  • Die Stadt Tittmoning, ebenfalls im Rupertiwinkel, gehört zum Planungsbereich Burghausen (Landkreis Altötting). Mit drei Hausärzten ist die Lage hier stabiler als in Kirchanschöring, aber auch hier ist die Ärztedichte geringer als in anderen Städten vergleichbarer Größe.

Starke Zentren, fragile Ränder

Die räumliche Verteilung der restlichen 140 Ärzte im Landkreis/Planungsbereich zeigt klare Schwerpunkte. Mehr als 40 Prozent aller Hausärzte praktizieren in den drei Städten Traunstein (27), Trostberg (14) und Traunreut (19). Sie bilden die medizinischen Versorgungsanker der Region. Ein Pfund, mit dem der Landkreis zusätzlich wuchern kann, ist die gute Versorgung in den Tourismusgemeinden. Orte wie Grassau, Reit im Winkl und Übersee mit je 5 Ärzten sowie Ruhpolding mit 4 Ärzten stabilisieren das Netz im ländlichen Raum.

Gleichzeitig gibt es aber auch die Achillesferse der regionalen Versorgung: die sogenannten „Ein-Arzt-Gemeinden“. Vachendorf, Schleching und Staudach-Egerndach sind jeweils von einer einzigen Praxis abhängig. Fällt diese eine Säule durch Ruhestand, Krankheit oder Urlaub weg, droht eine unmittelbare, regional stark begrenzte Versorgungslücke.

Apropos „Ein-Arzt-Gemeinden“ im Landkreis: In Schleching ist ein einzelner Hausarzt für 1.854 Einwohner zuständig, in Vachendorf sind es sogar 1.888 Einwohner pro Praxis (Einwohnerzahlen vom Landesamts für Statistik Bayern, Stand 31.12.2023). Diese Zahlen verdeutlichen die enorme Verantwortung und Arbeitsbelastung, die auf den Schultern einzelner Landärzte lastet. Im scharfen Kontrast dazu steht die Situation in den urbanen Zentren. Im gesamten Planungsbereich Traunstein kommt statistisch ein Arzt auf 1.133 Einwohner (54 Ärzte bei 61.183 Einwohnern). In der Kreisstadt selbst ist das Verhältnis mit einem Arzt pro 785 Einwohner sogar nochmals deutlich besser. Der hohe, offiziell ausgewiesene Versorgungsgrad des Landkreises wird also maßgeblich durch die hohe Ärztedichte in den Städten erreicht. Während Patienten dort von kurzen Wegen und einer großen Auswahl profitieren, ist die Versorgung in der Fläche deutlich komplizierter und hängt oft vom Engagement einzelner weniger Mediziner beziehungsweise der Mobilität der Erkrankten ab.

Eine Region vor dem Umbruch

Die aktuelle, statistisch hervorragende Versorgungslage im Landkreis Traunstein ist also trügerisch. Die bevorstehende Ruhestandswelle von über einem Drittel der Hausärzte, kombiniert mit einem unterdurchschnittlichen Anteil an jungem Nachwuchs, stellt die Region vor eine immense Herausforderung. Eine Sicherung der Nachfolge wird zur zentralen Aufgabe, um die gewohnte Versorgungsqualität aufrechtzuerhalten. Dabei müssen die strukturellen Unterschiede – insbesondere das extreme Gefälle zwischen städtischen, weiblich geprägten und ländlichen, männlich geprägten Praxismodellen – berücksichtigt werden.

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