Die B306 bei Traunstein und ein Berg bei Vachendorf
„Blaue Wand“ und „Schinder Höll“ - Wie der Volksmund auf diese kuriosen Straßennamen kam
Wer spricht schon von der „B306“, wenn er zwischen Traunstein und Siegsdorf unterwegs ist... Vielmehr heißt es salopp „Blaue-Wand-Straße“. Und den Berg von Vachendorf hinauf nach Schweinbach kennt man auch als „Schinder Höll“ - woher kommen diese seltsamen Namen und welche Geschichten stecken dahinter? Wir haben die Experten gefragt und gestöbert.
Traunstein/Siegsdorf/Vachendorf - Die „Blaue Wand“ - wie leicht und selbstverständlich es einem über die Lippen geht, wenn man von der Bundesstraße spricht, die sich entlang der Traun von Traunstein nach Siegsdorf schlängelt. Aber woher eigentlich dieser Name? Christian Focke weiß es. Er ist Administrator und Gründer der Facebook-Gruppe „Historischer Chiemgau“ mit inzwischen über 7500 Mitgliedern. „Der Name kommt von einem Felsen oberhalb der Straße. Die verschiedensten Schichten dieses Konglomerats geben beim richtigen Lichteinfall einen blauen Schimmer.“
Die eigentliche „Blaue Wand“ ist mehrere Millionen Jahre alt
Die „Blaue Wand“, die für die ganze Straße namensgebend ist, befindet sich etwas nordöstlich von Traundorf, auf Traunsteiner Stadtgebiet - und Focke fand heraus, dass sie schon längst bestens untersucht ist. Er hat für chiemgau24.de Quellen beim Bayerischen Geologischen Landesamt gefunden: 1963 forschten Studenten an der „Blauen Wand“ - und fanden Fossilreste, Karbonatschutt, Hartteile von Würmen und Reste von Korallen. „Die Entstehung dieser Molasse ist in die zweite Hälfte der Alpenfaltung einzuordnen. Also in einer Periode, die etwa vor 20 Millionen Jahren begann und rund 15 Millionen Jahre dauerte.“
90 Meter breit und zehn Meter hoch ist die „Blaue Wand“ oberhalb der B306. Dort, wo heute das Trauntal ist, lag vor jenen zig Millionen Jahren ein großes Meer - und die „Blaue Wand“ um die 300 Meter unter der Wasseroberfläche. Wie alt die „Blauwandstraße“ ist, weiß man auf Anhieb nicht mal beim Staatlichen Bauamt in Traunstein, das für den Unterhalt zuständig ist. Auf einer Karte von 1860 seien zwar Wege eingezeichnet, „aber ich glaube, auf der heutigen Trasse hat es damals noch keine Verbindung gegeben“, so Peter Maltan von der Straßenbaubehörde. Zur Bundesstraße ausgebaut wurde sie jedenfalls von 1975 bis 1977.
Wie die „Schinder Höhe“ bei Vachendorf zur „Schinder Hölle“ wurde
Gleich ums Eck, bei Vachendorf, dann unser zweites Kuriosum. Wer von dort über die Siegsdorfer Straße Richtung Schweinbach und A8 fährt, muss durch die „Schinder Höll“ - im Bairischen als „Schinder Hej“ gesprochen. Ein steiler Berg, der direkt nach der Eisenbahnunterführung beginnt. Hier weiß Angelika Nistler Bescheid, die Vachendorfer Ortsheimatpflegerin. Beim Besuch von chiemgau24.de lacht sie: „Ich hab‘ im Archiv nachgeschaut. Auch wenn es jeder so sagt, aber eigentlich heißt es gar nicht ‚Schinder Höll‘, sondern ‚Schinder Höh‘.“ Warum im Volksmund aus der „Höhe“ aber irgendwann eine „Hölle“ wurde, kann Nistler auch erklären.
„Oben auf der Höhe war früher ein Schinder, ein Abdecker. Also jemand, der die toten Pferde beerdigt, ‚abgedeckt‘ hat“, weiß Nistler. Logisch, dass über diesen Fleck Erde schnell Schauergeschichten in Vachendorf und Umgebung kursierten. „Alle möglichen Erzählungen gibt es von dort oben. Zum Beispiel, dass es dort einen Höllenhund mit sechs Beinen gegeben haben soll.“ Sogar alte Aufsätze von Volksschülern über den Berg hat Ortsheimatpflegerin Angelika Nistler gefunden, in denen die Phantasie der Kinder dementsprechend aufblüht.
Die Schinder Höhe hat es laut Nistler sogar indirekt ins Vachendorfer Gemeindewappen geschafft, das keine 60 Jahre alt ist. Ein silbernes Pferd, ein Schimmel, ist dort zu sehen. Es bezieht sich auf eine sogenannte Schimmelsage rund um das St.-Georgs-Kircherl am Georgiberg - eben jener Berg, der für viele Vachendorfer noch heute die „Schinder Höll“ ist. Und noch eine Parallele gibt es: Wer sich, vielleicht auf dem Radl, den steilen Berg hinaufgequält hat - „auch das kann ja die Hölle sein“, meint Nistler - der landet auch 2023 wo genau? Bei einem großen, prächtigen Reiterhof.
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