Reine Männersache?
„Wahnsinns-Ansprüche an uns selbst“: Wie Wasserburgs Stadträtinnen für Frauen in der Politik kämpfen
Nur 27 Prozent der Mitglieder in den bayerischen Kommunalparlamenten sind weiblich. Die Wasserburger Stadträtinnen möchten das ändern. Unter dem Motto „Frauen. Macht. Politik“ luden sie zum Gesprächsabend ein: über ein Ehrenamt, das bereichernd, aber auch herausfordernd ist.
Wasserburg – Politik ist noch immer eine Männerdomäne. Im neuen Bundestag liegt der Frauenanteil bei 37 Prozent, in den bayerischen Kommunalparlamenten sogar bei nur 27 Prozent. Ähnlich sieht es im Wasserburger Stadtrat aus: Nur acht der 24 Gremiumsmitglieder sind weiblich. Am Montagabend (2. Juni) haben diese deshalb zu einem Gespräch eingeladen, mit dem Ziel: Mehr Frauen für ein Engagement in der Politik zu bewegen. „Frauen. Macht. Politik!“ war das Motto des Abends. Er stellte auch eine Premiere dar: Zum ersten Mal hatten die Stadträtinnen parteiübergreifend eine gemeinsame Veranstaltung organisiert.
Entsprechend gespannt lauschte das größtenteils weibliche Publikum in der vollbesetzten Kinowerkstatt den Rätinnen, die unter der Moderation von Heike Duczek, Redaktionsleiterin der Wasserburger Zeitung, über ihr Ehrenamt berichteten. Die Themen waren dabei so vielfältig wie die Politik selbst: Erzählt wurde auch von ungewöhnlichen Wegen in die Kommunalpolitik. „Ich wurde einfach auf die Liste gesetzt. Ich wusste gar nichts davon“, erinnerte sich beispielsweise Elisabeth Fischer (CSU) amüsiert an ihre Anfänge vor 29 Jahren. Einige Kommunalpolitikerinnen kommen außerdem aus Familien, in denen sich die Eltern bereits politisch engagiert haben, andere rutschten über die Arbeit in Gremien wie Elternbeiräten in die Kommunalpolitik.
Ungeschönt vom Alltag berichtet
Ungeschönt berichteten die Frauen am Podium auch vom Alltag in diesem Ehrenamt. Wer so wie Monika Rieger (Grüne) und Friederike Kayser-Büker (SPD) neben der Stadtratstätigkeit noch eine Referententätigkeit übernimmt, kommt schon mal auf 30 Stunden pro Monat, berichteten sie. Auch persönliche Angriffe, die die Rätinnen bereits erlebt hatten, waren Thema. Steffi König (Grüne) und Heike Maas (CSU) berichteten offen von ihren Erfahrungen. Anonyme Hasskommentare im Netz als Folge unbeliebter Entscheidungen könnten vorkommen, damit umzugehen, sei manchmal nicht einfach. Doch beide hoben auch hervor, dass die überwältigende Mehrheit der Bürger in Wasserburg konstruktiv Kritik übe und ihnen respektvoll begegne.
Das Hauptthema des Abends: Warum gibt es denn so wenig Frauen in der Politik? Liegt es an der schwierigen Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Ehrenamt? Teilweise ja, befanden manche. Sitzungen fänden oft nicht zu familienfreundlichen Zeiten statt, meinte beispielsweise Steffi König (Grüne). Hinzu würden viele Einladungen zu Veranstaltungen oder Festlichkeiten kommen, die ebenfalls viel Zeit erfordern könnten. Überall und immer könne Frau nicht dabei sein. Wenn dies freundlich vermittelt werde, stoße ein Nein in der Regel auf Verständnis.
Auch mal „Mut zur Lücke“
„Wir Frauen haben auch Wahnsinns-Ansprüche an uns selbst“, bemängelte Kayser-Büker und erinnerte sich an ihre erste Haushaltsberatung. „Ich dachte, ich muss diese hunderte Seiten jetzt verstehen“, berichtete sie und hielt dazu anschaulich das dicke Werk des Etats von damals in die Höhe. Männer hätten diesen Anspruch an sich selbst ihrer Erfahrung nach seltener. „Mut zur Lücke“ sei auch mal nötig und richtig.
Edith Stürmlinger (Bürgerforum) meinte, dass sich auch die Politik selbst oft schlecht verkaufe. „Ich persönlich empfinde dieses Amt als sehr bereichernd. Es ist eine unglaubliche Erweiterung des eigenen Horizonts und man lernt sehr viele interessante Menschen kennen. Das wird oft nicht kommuniziert“, sagte sie. Diese Meinung vertrat auch Heike Maas, die die Möglichkeit zur Mitgestaltung in der eigenen Kommune unterstrich.
Dass dieses Ehrenamt sehr erfüllend sein kann, darüber waren sich alle Stadträtinnen trotz mancher anstrengender Aspekte ohnehin einig. Und auch darin, dass mehr Frauen in den Parlamenten dringend nötig seien, denn sie würden andere Perspektiven in die Politik einbringen. „Wir bewegen uns einfach anders durch die Stadt“, meinte Bettina Knopp (Grüne), unter anderem mit Blick auf die Barrierefreiheit. „Wir Frauen sind sehr oft diejenigen, die mit Kinderwägen unterwegs sind oder Fahrrad fahren und wir sehen auch, wo es gefährlich wird oder wo fünf Stufen die Barrierefreiheit stören.“ Stellvertretend für alle Rätinnen gab Irene Blüml (SPD) den Frauen vor allem eines mit: „Man muss sich einfach trauen“, meinte sie, es gebe auch viel Unterstützung aus der Verwaltung und von erfahrenen Stadtratsmitgliedern. Kommunalpolitik sei wichtig „und je gemischter es wird, desto schöner wird´s.“
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