Alkohol: Wann wird Genuss zur Sucht?
Trinken Sie zu viel? Woran Sie Warnzeichen erkennen – Tipps einer Expertin aus Wasserburg
Bier zum Mittagessen, ein Glas Rotwein am Abend, Cocktails am Wochenende: Alkohol ist in der Gesellschaft allgegenwärtig. Aber ab wann wird Genuss zur Sucht? Woran man Warnzeichen erkennt, weiß eine Wasserburger Expertin.
Wasserburg – Verzicht auf Alkohol ist ein großes Thema, nicht nur in der Fastenzeit. Am Stammtisch, im Bierzelt, bei Festivitäten – etwas trinken gehört für die meisten dazu. Aber ab wann ist der Konsum zu viel? Wann wird das Genussmittel zur Sucht?
Laut Regina H., Vorsitzende der Kreuzbund-Frauengruppe in Wasserburg, gibt es sechs Kriterien, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben hat und an denen eine mögliche Abhängigkeit zu erkennen ist. Dazu gehören: starker Konsumdrang, Kontrollverlust, Toleranzentwicklung, körperliche Entzugssymptome, Vernachlässigung anderer Interessen zugunsten des Substanzkonsums und anhaltender Substanzkonsum trotz des Nachweises eindeutig schädlicher Folgen.
Einige Kriterien würden sicherlich bei vielen Leuten schon zutreffen, meint sie. „Ein Kater nach einer durchzechten Nacht, das Verlangen nach mehr Alkohol, trinken bis zum Filmriss, den Konsum verheimlichen: Das kommt manchen bestimmt bekannt vor“, erklärt sie. Das würde nicht gleichzeitig bedeuten, dass schon ein Problem vorliege. „Ob man süchtig ist, kann jeder nur für sich selbst herausfinden“, sagt die Vorsitzende.
Die Fastenzeit sei eine gute Gelegenheit, sich selbst zu testen. 40 Tage keinen Alkohol zu konsumieren, um sich zu fragen: „Wie geht es mir dabei?“, so die Vorsitzende. „Fällt es mir schwer, aufs Trinken zu verzichten? Fällt es mir schwer, abzuschalten oder mich zu entspannen ohne Alkohol?“, zählt die Stephanskirchenerin auf. „Das könnten Indikatoren dafür sein, dass ein Problem vorliegt.“
Teilnahme an Sitzungen des Kreuzbunds in Wasserburg
Die Treffen der Kreuzbundgruppe für Frauen in Wasserburg finden am ersten und am dritten Montag im Monat von 19.30 bis 21 Uhr im Caritas-Zentrum am Heisererplatz 7 in Wasserburg statt. Interessenten können sich Regina H. unter der Handynummer (0160) 23 66 374 wenden.
Selbstverständlich können auch Männer beim Kreuzbund in gemischten Gruppen Hilfe finden, alle aktuellen Gruppentermine stehen auf der Homepage unter www.kreuzbund-muenchen.de/gruppensuche.
In der Kreuzbund-Frauengruppe seien auch Angehörige von Alkoholkranken dabei, was H. als „sehr wertvoll“ empfindet. So würden Süchtige eine andere Perspektive aufgezeigt bekommen. „Die Sucht eines Familienmitglieds ist eine große Herausforderung“, betont sie. Das wisse sie aus eigener Erfahrung, denn H. leitet die Kreuzbund-Frauengruppe nicht nur, sie ist auch selbst betroffen.
Ihre eigene Alkoholkrankheit habe auch ihrem Mann und ihren beiden Kindern stark zugesetzt. „Es war eine schwere Zeit, aber notwendig“, wie H. heute weiß. Denn nur dadurch, dass sie ihren persönlichen Tiefpunkt erreicht habe, habe sie eingesehen, dass sie Unterstützung brauche.
Vertrauensvolles Gespräch suchen
Grundsätzlich sollten die Angehörigen ihre Sorgen bei den Betroffenen ansprechen, aber nicht vorwurfsvoll oder mit erhobenem Zeigefinger. „Ansonsten geraten sie sofort in eine Abwehrhaltung oder starten zum Gegenangriff“, erklärt die Expertin. Ihr Vorschlag: ein vertrauensvolles Gespräch suchen. „Es sollte in diese Richtung gehen: ‚Mir ist aufgefallen, dass …‘ oder ‚Ich mache mir Sorgen, weil …‘“, erklärt sie. Trotzdem weiß sie: „Bei aller Liebe, man kann nichts machen. Süchtige müssen sich selbst helfen und an den Punkt kommen, wo sie erkennen, dass sie Hilfe brauchen“, betont die Vorsitzende.
Wann spricht man von Sucht?
Laut der Weltgesundheitsorganisation und Caritas werde von einer Substanzabhängigkeit (Alkoholabhängigkeit) gesprochen, wenn mindestens drei der folgenden sechs Kriterien mit „Ja“ beantwortet werden können. Der Bezugszeitraum sind dabei die letzten zwölf Monate.
1. Spüren Sie häufig eine Art unbezwingbares Verlangen, Alkohol zu trinken?
2. Kommt es vor, dass Sie nicht mehr aufhören können zu trinken, wenn Sie einmal begonnen haben?
3. Trinken Sie manchmal morgens, um eine bestehende Übelkeit oder Zittern (z.B. Ihrer Hände) zu lindern?
4. Brauchen Sie zunehmend mehr Alkohol, bevor Sie eine bestimmte Wirkung erzielen?
5. Ändern Sie Tagespläne, um Alkohol trinken zu können? Richten Sie den Tag so ein, dass Sie regelmäßig Alkohol trinken können? Oder vernachlässigen Sie andere Interessen (z.B. Hobbys, Familie, Freunde) wegen des Trinkens?
6. Trinken Sie, obwohl Sie spüren, dass der Alkoholkonsum zu schädlichen körperlichen, psychischen oder sozialen Folgen führt?
