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Rosenheims Millionen-Pleite vor Gericht

Staatsanwalt sieht bei FlexiCamper „hohe kriminelle Energie“ bei den Angeklagten

FlexiCamper und kein Ende: Siegfried H. und Jessica K. besprechen sich kurz vor Prozessbeginn mit ihren Anwälten.
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FlexiCamper und kein Ende: Siegfried H. und Jessica K. besprechen sich kurz vor Prozessbeginn mit ihren Anwälten.

Beziehung der Angeklagten im Fokus: Der Prozess um die Rosenheimer Millionenpleite der Reisemobil-Firma FlexiCamper nähert sich dem Abschluss. Doch es bleiben Fragen wie: War Siegfried H. ein guter Mensch und schlechter Unternehmer – oder war er ein glückloser Betrüger? So lief der Prozesstag in München.

München/Rosenheim – Es sieht zumindest so aus, als sei Siegfried H. ein Straftäter, der auch sich selbst enorm geschädigt hat. Er scheint alles verloren zu haben. Geld, Immobilien, die Herrschaft über seine Firma, die Freiheit – und vielleicht auch die Liebe seiner Lebensgefährtin. „Ich liebe Jessica, ich habe ihr in der Haft 150 Briefe geschrieben”, sagte er hilflos vor Gericht. 

Jessica K. würdigte ihn während der meisten Zeit allerdings keines Blickes. Als er sich erneut bei ihr entschuldigte, blieb ihr Blick fest auf einen Punkt im Saal 166 gerichtet, vielleicht auf einen Fleck auf dem braunen Teppichboden. Dann ließ sie ihre Anwältin mitteilen, „dass ich die Entschuldigung von Herrn H. annehme“.

Im Fall FlexiCamper endet die Beweisaufnahme

Die Betrachtung der persönlichen Umstände der beiden Angeklagten läutete am Dienstag (5. August 2025) sozusagen die finale Phase des Prozesses um die Millionen-Pleite des Rosenheimer Camping-Unternehmens FlexiCamper ein. Zuvor waren nochmals Banker als Zeugen aufgetreten. Und man konnte sich bei so viel Expertise in Finanzdingen schon fragen, ob man das alles nicht vorher hätte ahnen können: diese Geldvernichtung, dieses Unglück für so viele Kunden, die um Zehntausende Euro geprellt werden würden.

Man hätte wohl. Wenn man nur gewusst hätte, dass Siegfried H. bei FlexiCamper in Rosenheim seine Finger drin hat. Siegfried H., der notorische Pleitier, dessen Abstürze von den Medien angemessen besungen wurden. „KTG Agrar: Das ganze Grauen kommt hervor“, hieß es mal bei der ARD; vom „Felduntergang“ berichtete Capital 2016 nach der größten Landwirtschaftspleite der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Jessica K.: Staatsanwalt sieht „klar aktives Verhalten“

Die Horrorberichte über Siegfried H.s größte Pleite gehören zur Vorgeschichte des aktuellen Prozesses. An Verhandlungstag sechs des FlexiCamper-Falls berichteten Bank-Experten, wie FlexiCamper zu Krediten kam. Jessica K. war stets diejenige, die um frisches Geld ersuchte. Und sie trat offenbar überzeugend auf, mit glaubhaften Unterlagen. „Es gab keine Alerts, keine Warnsignale“, sagte ein Analyst. „Ein ganz klar aktives Verhalten, nicht nur eine untergeordnete Rolle“ wird der Staatsanwalt etwas später in seinem Plädoyer bei Jessica K. feststellen.

Dass im Hintergrund Siegfried H. bei FlexiCamper die Fäden zog, war offenbar keinem der Banker bewusst. „Das hätte die Entscheidung beeinflusst“, sagte der Mitarbeiter der Sparkasse Traunstein. Es scheint Jessica K. nicht schwer gefallen zu sein, die Banken zu täuschen. Der Erkenntnisgewinn aus den Zeugenaussagen bleibt ansonsten gering.

Mehr Ertrag bringt das Rechtsgespräch. Staatsanwalt, Richter und Verteidiger haben sich auf eine einvernehmliche Prozessbeendigung geeinigt. Demnach ist auch der Zeitkorridor für Jessica K. klar: Sie wird zu einer Haftstrafe zwischen zwei Jahren und neun Monaten und drei Jahren und drei Monaten verurteilt werden – eine Haftstrafe, von der der größte Teil durch die 22 Monate U-Haft abgegolten sein dürfte.

Jessica K. steht nach der Haft vor Scherbenhaufen

Sie wird sich sicherlich eher konkret Gedanken über ihre Zukunft machen müssen als Siegfried H. Was ihre Schulden betreffe, habe sie die Übersicht verloren, sagt sie leise. Sie werde sich weiter an die Schuldnerberatung in der U-Haft wenden. Sie steht vor einem Scherbenhaufen, mit über vier Millionen Euro Schulden, angehäuft bei der Begehung von Straftaten – weswegen sie auch nicht unter den Rettungsschirm einer Privatinsolvenz flüchten kann. Wie es weitergeht mit ihrer Beziehung mit Siegfried H.? Das könne sie nicht sagen, sagt sie mit tränenerstickter Stimme.

Siegfried H. wiederum gab sich einsichtig. Er räumte alle verbliebenen Vorwürfe gegen ihn „vollumfänglich“ ein. Er wolle künftig auch nicht mehr als selbstständiger Unternehmer arbeiten. Ihm schwebe nach der Haft eine Arbeit in der Landwirtschaft vor, womöglich im Betrieb eines seiner Brüder. Geld habe er keines mehr, schon früher habe er einen Großteil seiner Einkünfte für soziale Zwecke ausgegeben – zum Beispiel für eine Schule. Und zwar im „deutlich sechsstelligen Bereich“, wie der Geschäftsführer dieser Schule in einem Dankesbrief an H. schrieb.

„Hohe kriminelle Energie“ der Angeklagten

Staatsanwalt Vogt ließ sich davon nicht zu sehr beeinflussen. In seinem Plädoyer hob er die enorme Dauer der strafbaren Handlungen und die hohe kriminelle Energie der beiden Angeklagten hervor. Er forderte für Jessica K. eine Haftstrafe von drei Jahren und zwei Monaten, für Siegfried H. eine Strafe von vier Jahren und fünf Monaten, wegen Insolvenzverschleppung und Betrugs.

H.s Anwalt Dr. Bernd Groß betonte, dass sein Mandant sich in einen Wahn verrannt habe und sein eigenes Geld in die absaufende Firma FlexiCamper gesteckt habe. Auf zwei Jahre neun Monate wollen dagegen die Anwälte Jessica K.s Strafe drücken. Sie sei mit über vier Millionen ohnehin schwer belastet, ihre Geständigkeit und ihr Prozessverhalten sprächen für sie, sagte Verteidiger Peter Wagner.

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