Alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt
„Viel Verkehr und wenig Radwege“: Priener Radlbeauftragte kämpfen gegen „Schockmomente“
Gegeneinander ausspielen? Nein, kommt nicht infrage. Die Flächen in Prien sind zu knapp. Deshalb sind die beiden Fahrradbeauftragten auf der Suche nach Lösungen, von denen alle Verkehrsteilnehmer profitieren. Wünsche und Anregungen? Gerne genommen.
Prien am Chiemsee – Sie sind noch mitten in der Bestandsaufnahme, die beiden Fahrradbeauftragten August Pflugfelder und Max Kölbl. Aber einiges ist ihnen schon aufgefallen. Meist negativ. „Viel Verkehr und wenig Radwege – das kann doch nicht sein“, bringt es Pflugfelder auf den Punkt. Allerdings ist den beiden auch bewusst, dass es in Prien an Flächen mangelt, „mal eben einen Radweg bauen geht nicht“, sind sie sich im Klaren.
Kölbl und Pflugfelder lebten beide lange in Großstädten, waren dort meist per Fahrrad unterwegs. Das behielten sie nach ihren Umzügen nach Prien bei. Und stellten fest, dass das auch in der Kleinstadt nicht immer einfach und ungefährlich ist. Eine Feststellung, die sich immer wieder bestätigt. Zuletzt geriet Sohn Pflugfelder am Zebrastreifen in der Hochriesstraße schier unter die Räder. „Es sind Momente wie dieser, in denen ich denke, dass es hier so nicht weitergehen kann. Jeder Verkehrsteilnehmer, ob groß oder klein, jung oder alt, sollte sicher und ohne Schockmomente durch den Ort gelangen. Aus meiner Sicht ist das zur Zeit nicht der Fall“, sagt Pflugfelder.
Im Sommer jeden zweiten Tag ein Unfall mit Radlfahrer
Jürgen Thalmeier, Chef der Polizeiinspektion Prien, hat auf Bitte der Chiemgau-Zeitung in der Datenbank nach Unfällen mit Radfahrern gesucht. Im Dienstbereich der PI Prien (Aschau, Bad Endorf, Bernau, Breitbrunn, Chiemsee, Eggstätt, Frasdorf, Gollenshausen, Gstadt, Halfing, Höslwang, Prien, Rimsting) wurden für 2024 insgesamt 74 (62) Verkehrsunfälle mit Radfahrern und 36 (30) Verkehrsunfälle mit Pedelecs erfasst. Die Zahlen sind im Vergleich zu 2023 (in Klammern) deutlich angestiegen.
Der Dienstbereich der PI Prien ist eine Tourismusregion „und so haben auch Radfahrer, abhängig von der Witterung, zwischen Juni und September Hochsaison“. Dies wirke sich zwangsläufig auf die Verkehrsunfälle aus, die in den Sommermonaten deutlich über dem Durchschnitt liegen. „Vereinfacht gesagt, im Juli und August ereignet sich jeden zweiten Tag ein Verkehrsunfall unter Beteiligung eines Radfahrers oder Pedelecs.“
Radstreifen, da sind sich die Radbeauftragten mit dem Bürgermeister einig, sind nicht ideal, um die Lage zu verbessern. Weil sie Radfahrern Scheinsicherheit vorgaukeln („der Streifen gehört mir“) und Autofahrer dazu verleiten, die 1,5 Meter Abstand innerorts nicht einzuhalten („die haben doch ihren eigenen Streifen“). In der Seestraße, berichtet Andreas Friedrich, sei es immer wieder zu Stürzen gekommen, weil Radfahrer an der Querung der Chiemseebahn auf dem Radstreifen geradeaus fuhren und in den Schienen hängen blieben, statt den notwendigen Schlenker zu machen. Einer der Gründe, warum sich der Marktgemeinderat entschied, die Radstreifen an der See-, der Hochries- und der Harrasser Straße wieder zu entfernen, so Friedrich. Verständlich, findet Pflugfelder, „aber nicht ideal, dass die Streifen ersatzlos gestrichen wurden.“
Das geschah, bevor Kölbl und Pflugfelder Fahrradbeauftragte wurden. Die Entscheidung im Marktgemeinderat, dieses Amt zu schaffen, war zwar knapp, aber der Kontakt ist gut, sagt Pflugfelder. Viermal im Jahr gibt es einen „runden Tisch Verkehr“ mit Vertretern der Fraktionen, sonst hält Kersten Lahl die Verbindung zwischen Marktgemeinderat und Beauftragten. Und der Draht ins Rathaus, zu Bürgermeister Andreas Friedrich, Geschäftsleiter Donat Steindlmüller und Ordnungsamtschefin Petra Süsens sei erfreulich kurz.
Kölbl und Pflugfelder sind derzeit noch bei der Bestandsaufnahme und Ideensammlung. Die ersten Ideen gibt es schon. Anstatt auf der Seestraße könnten Radfahrer auch auf dem Eschenweg und der Carl-Braun-Straße zum Seeufer fahren oder auch parallel zu den Gleisen der Bockerlbahn. Außerdem könnte die eine oder andere Einbahnstraße für Radfahrer in beide Richtungen befahrbar gemacht werden. Dann müssten die nicht immer entlang der von etwa 18.000 Fahrzeugen pro Tag befahrenen Staatsstraße oder der hochfrequentierten Hochriesstraße radeln.
Andreas Friedrich steuert noch eine Idee bei: Verbindungen suchen, die praktikabel, aber vielleicht unbekannt sind. „Es gibt einige Sträßchen, die für Autos Sackgassen sind, für Radfahrer aber nicht. Wer hier zur Schule gegangen ist, kennt die vielleicht von Besuchen bei Spezln.“ Könnte bei Pflugfelder der Fall sein. Er war zwar lange weg, ist aber gebürtiger Priener und hier zur Schule gegangen. Die Fahrradbeauftragten überlegen, diese bekannter zu machen und gegebenenfalls als Fahrradwege herzurichten. Dies wäre ein erster Schritt hin zu einem umfassenden Fahrradwegekonzept in der Gemeinde. Dennoch: Hinweise und Ideen nehmen er und Kölbl gerne unter fahrradbeauftragte-prien@web.de entgegen. Und unter fahrradbeauftragte_prien kann man den Beiden seit kurzem auch auf Instagram folgen.
