Nach Vorfall bei Bernau am Chiemsee
Hupen, Drängeln und Beleidigen: Werden nur die Radfahrer „immer rücksichtsloser und egoistischer“?
Emotional und hitzig diskutiert wird ein Vorfall bei Bernau am Chiemsee, bei dem ein Radfahrer einen Autofahrer wegen Nötigung angezeigt hat. Allgemein scheinen zwischen diesen beiden Parteien die Fronten verhärtet zu sein. Doch nehmen Aggressionsdelikte im Straßenverkehr wirklich zu? Während die Zahlen der Polizei überraschen, berichten Fahrlehrer aus ihrem Alltag über sture Radfahrer, dreiste Autofahrer und ganz viel Egoismus.
Prien am Chiemsee/Bad Reichenhall - „Die Meldung hat mich nicht gewundert. Ich beobachte beinahe jeden Tag mindestens fünf ähnliche Vorfälle“, legt Josef Heindlmeier gleich los, als er auf die umstrittene Aktion zwischen Gschwend und Bernau am Chiemsee angesprochen wird. „Das Partnerschaftliche im Verkehr ist verloren gegangen. Jeder schaut nur noch nach sich selbst und wie er möglichst schnell vorwärtskommt“, erzählt der Fahrlehrer, der seit 2018 Inhaber der Heindlmeier-Fahrschule mit Hauptsitz in Prien ist.
Das Drängeln und dichte Auffahren, sich nicht an die Regeln zu halten: Heindlmeier sieht die Entwicklung mit Sorge. „Auch dieses Maßregeln, bei dem das eigene Auto zum Tatwerkzeug verwendet wird, um andere in ihre Schranken zu weisen. Das gilt auch für Lkw-Fahrer, die mit ihrem Fahrzeug demonstrieren, wer der Stärkere ist.“ Seit 2008 ist er Fahrlehrer und bekommen jeden Tag mit, wie beispielsweise an Stellen zu Überholmanövern angesetzt wird, „bei denen wir als Überholte mithelfen müsse, dass es nicht kracht“. Ein Einzelfall, dass im Ortseingang links von Überquerungshilfen in den Gegenverkehr gefahren wird, um zu überholen? Keineswegs, schildert der Fahrlehrer.
Zu dritt nebeneinander gefahren
Er macht klar, dass auch die Radfahrer nicht frei von Fehlern sind und Verantwortung tragen. Besonders krass ist ein Beispiel, dass er mit einem Schüler bei einer Prüfung erlebte. „Vor uns sind drei junge Radfahrer auf der Straße unterwegs gewesen. Sie haben sich umgedreht, unser Fahrschulauto gesehen und gegrinst. Also mein Schüler überholen wollte, sind sie ausgeschert und zu dritt nebeneinander gefahren.“ Der Prüfer habe den Schüler angewiesen, ruhig zu bleiben und auf eine bessere Stelle zum Überholen zu warten.
„Zu meiner Überraschung sollten wir danach anhalten. Er hat sich die drei Knaben zur Brust genommen und sie auf die Gefahren hingewiesen“. Schließlich müssten sie nur an den Falschen geraten, der sich dann provoziert und gekränkt fühle. „Wenn dann jemandem die Sicherungen durchbrennen und irgendwelche Manöver gestartet werden, die gefährlich enden, ist niemandem geholfen.“
„Kinder hätten überrollt werden können“
Der Fahrlehrer erlebt auch häufig, wie Radfahrer innerorts im Stadtgebiet bis auf wenige Zentimeter den Autos auf- und hinterherfahren. Und mittlerweile läuten bei ihm die Alarmglocken, wenn er Lastenräder oder Räder mit Anhänger sieht, weil deren Größe falsch eingeschätzt werde. Einmal erlebte er, wie der Radanhänger einer Frau, in dem ihre Kinder saßen, auf die Straße umkippte. Sie hatte die schmaler werdende Breite des Geh- und Radwegs nicht berücksichtigt. „Zum Glück haben wir die Situation beobachtet. Die Kinder hätten überrollt werden können.“
Auch die E-Scooter seien eine „Katastrophe“, weil die Fahrer mit Tempo 20 auf kleinen Rädern und Lenkern durch die Städte rasen dürften. „Ab 14 Jahren ist das erlaubt, ohne Verkehrserziehung: Hoffentlich wird das bald gesetzlich anders geregelt“, fordert Heindlmeier.
„Von Verkehrszeichen fühlen die sich nicht angesprochen“
Dass im Straßenverkehr die Hemmschwelle sinkt, kann die Inhaberin einer Fahrschule aus dem Landkreis Rosenheim nicht bestätigen. Doch angesprochen auf das Thema Radfahrer, macht sie ihren Standpunkt klar: „Die werden immer rücksichtsloser und egoistischer. Von Verkehrszeichen fühlen die sich nicht angesprochen.“ Die meisten Räder seien zudem kaum verkehrstauglich.
Was sie besonders stört: „Zu uns heißt es immer, wir sollen Rücksicht nehmen. Aber wenn man darauf aufmerksam macht, dass die StVO die Nutzung von Radwegen vorschreibt, wenn diese vorhanden sind, wird man gleich beschimpft.“ Da werde der Spieß umgedreht und den Autofahrern der schwarze Peter zugeschoben. „Das ärgert uns maßlos.“
Zahlen der Polizei
Wie das Polizeipräsidium Oberbayern Süd für seinen Zuständigkeitsbereich (Neun Landkreise im südlichen Oberbayern und die kreisfreie Stadt Rosenheim) feststellt, ist seit vier Jahren ein Rückgang bei den Aggressionsdelikten im Straßenverkehr zu verzeichnen. Waren es 2021 noch insgesamt 5172 Delikte, sank die Zahl auf zuletzt 4516 (2024).
Einen Anstieg gab es bei den Nötigungen im Straßenverkehr: von 662 (2023) auf 722 (2024). Sowohl bei den Gefährdungen im Straßenverkehr (von 385 auf 319) als auch den Beleidigungen (275 auf 58) wurde ein Rückgang verzeichnet. In etwa gleich geblieben ist die Anzahl der gefährlichen Eingriffe in den Straßenverkehr: 2023 waren es 436 und 2024 waren es 429. Niedrigere Zahlen wurden auch bei den Körperverletzungen - von 57 (2023) auf 13 (2024) - und den Bedrohungen - von 29 (2023) auf 7 (2024) - registriert.
Das Problem mit den fehlenden Radwegen
Sebastian Hirnböck kann im Reichenhaller Raum auch nicht beobachten, dass es auf den Straßen egoistischer zugehe. „Im Gegenteil, auf uns und die Fahranfänger wird explizit Rücksicht genommen. Ausnahmen gibt es natürlich immer, aber die kommen selten vor. Viele haben Geduld“, teilt der Inhaber der gleichnamigen Fahrschule mit.
Man beobachtet schon, dass die sich dann keinen Stress machen, zur Seite zu fahren, obwohl es möglich wäre.
Der Fahrlehrer gibt zu, dass es in und rund um Bad Reichenhall oft keine andere Wahl für die Biker gibt, als auf der Straße zu fahren. „Aber man beobachtet schon, dass die sich dann keinen Stress machen, zur Seite zu fahren, obwohl es möglich wäre. Das sorgt dann dafür, dass Autofahrer trotz durchgezogener Linie überholen oder den Abstand dabei nicht einhalten“, meint er. Kritisch sieht er auch die Rennradfahrer: Wenn ausgeschilderte Radwege vorhanden sind, würden diese trotzdem nicht genutzt. „Obwohl sie eigentlich dazu verpflichtet wären“, betont Hirnböck.
Schlechte Vorbilder
Wie der Priener Fahrlehrer Heindlmeier schildert, ist leider vielen Verkehrsteilnehmern nicht bewusst, dass sie eine Vorbildfunktion haben. „Für uns ist das schwierig zu erklären, wenn sich unsere Schüler ans Tempolimit halten und trotzdem von allen überholt werden.“ Man versuche, die jungen Erwachsenen an das Verkehrsrecht zu erziehen, zu Verantwortungsbewusstsein, vorausschauendem Fahren und noch vieles mehr.
Als Lehrer sehe ich sofort anhand von Gestik oder Mimik, ob jemand solche Eltern hat.
Und weil die Eltern manchmal selbst schlechte Vorbilder sind, braucht es dann mehr Fahrstunden, weil sich die Schüler jahreslang auf der Rückbank im Auto alles abgeschaut haben. „Als Lehrer sehe ich sofort anhand von Gestik oder Mimik, ob jemand solche Eltern hat“, macht Heindlmeier klar. Die Schüler seien nur ein Spiegelbild, aber wenn dann mehr Fahrstunden benötigt würden, kämen sofort die Beschwerden der Eltern.
Wunsch nach mehr Kontrollen und Polizeipräsenz
„Für Ehrlichkeit ist bei den Autofahrern kein Platz. Sobald man jemanden für seinen Fahrstil kritisiert oder nur darauf hinweist, dass man zu dicht auffährt, ist man unten durch. Wenn ich als Fahrlehrer privat bei jemandem mitfahre, halte ich mittlerweile meine Klappe“, erzählt er.
Heindlmeier wünscht sich mehr Kontrollen und Präsenz der Polizei. In anderen Bundesländern werde viel häufiger die Geschwindigkeit gemessen. „Überhöhte oder nicht angepasste Geschwindigkeit ist nach wie vor die häufigste Todesursache“, erinnert er an die Unfallzahlen. Da helfe auch der Blitzermarathon nichts, auf den sich jeder einstellen würde. „Quatsch mit Soße ist das, davon halte ich nichts.“
Der Fahrlehrer ist sich jedenfalls sicher: Wenn er in Eigenregie Radarkontrollen vornehmen und sich dafür die Stellen aussuchen dürfte, „wäre meine Schule nach einem Jahr wegen Reichtum geschlossen“. (ms)