Liveticker zum 2. Tag im Hanna-Prozess
„Er war sehr schreckhaft und blass“: Kriminalbeamtin als Zeugin im Prozess gegen Sebastian T.
Laufen/Aschau i. Chiemgau – Der neue Mordprozess gegen Sebastian T. (23) hat begonnen und schon am ersten Tag wurden die Ermittlungsergebnisse zu Hanna W.s letzten Stunden im Club „Eiskeller“ und ihr Heimweg präsentiert. Auch am zweiten Verhandlungstag wird es um die Erkenntnisse der „Soko Club“ gehen.
Das Wichtigste in Kürze:
Update, 16.39 Uhr - Angeklagte „sehr schreckhaft“ und bei der Vernehmung „auffällig blass“
Die Befragung des Kripo-Sachbearbeiters neigte sich dem Ende zu. Thema wurden unter anderem noch die Aussagen des Hauptbelastungszeugen Adrian M. im ersten Prozess. „Wir haben untersucht, ob der Zeuge die Möglichkeit hatte, seine Informationen aus der Presse zu erlangen“, so der Hauptkommissar. M. habe nicht wissen können, dass keine DNA-Spuren gefunden seien, außerdem kannte er wohl persönliche Details zu Sebastian T.
Verteidigerin Regina Rick fragte den Polizeibeamten, ob über die Rettungskräfte Informationen über den Fund Hanna W.s an die Öffentlichkeit gedrungen sein könnten. Der Zeuge konnte hierzu jedoch keine Angaben machen. Auch zur Laufstrecke von Sebastian T. wollte Rick noch einiges wissen. Ihr Mandant hatte bei der Vernehmung von 6 bis 7 Kilometern gesprochen.
„Ob die Strecke von seinem Haus bis zum Chalet überprüft wurde, kann ich nicht sagen“, so der Zeuge. „Vom Chalet bis zum Parkplatz waren es 3 Kilometer, vom Parkplatz über die Schloßbergstraße bis zur Kampenwandstraße ein knapper Kilometer.“ Rick stellte weitere spitzfindige Fragen, die der Sachbearbeiter nicht beantworten konnte. Mehrmals musste die Richterin darauf hinweisen, dass eine weitere Ermittlungsbeamtin dazu konkrete Angaben machen könne.
Weitere Ermittlungsbeamtin sagt aus
Diese wurde als zweite Zeugin in den Saal gerufen. Sie führte die erste Vernehmung von Sebastian T. durch. Schon vor dem Gespräch hatte die Kriminalbeamtin den Eindruck, dass der Angeklagte „sehr schreckhaft“ und bei der Vernehmung „auffällig blass“ war. Während des Gesprächs sollte T. die Jogging-Strecke auf eine Karte zeichnen. Er sagte, er sei zwischen 2 und 3 Uhr losgelaufen und habe etwa eine Stunde für die Strecke (6 bis 7 Kilometer) gebraucht.
Sebastian T. sei von seinem Elternhaus über den Burgweg in die Kampenwandstraße Richtung Kinderheilstätte, wo er umgekehrt sei, weil die Straße gesperrt war. Von da aus Richtung Edeka, dann auf der Hauptstraße von Aschau Richtung Hohenaschau und über einen Durchbruch zu Beginn des Festhallenparkplatzes auf den Eiskeller-Parkplatz. Von da aus auf dem Burgweg wieder nach Hause. Er habe keine Uhr und kein Handy dabeigehabt.
Sebastian T. habe angegeben, dass er Hanna W. nicht kannte, auch nicht vom Sehen. „Weil ich örtlich nicht so kundig war, ergaben sich für mich weitere Fragen“, so die Beamtin. „Wir haben uns erhofft, Hinweise von ihm auf einen Tatort oder Täter zu bekommen. Aus diesem Grund wurde er nochmals als Zeuge vernommen. Die Länge der Hose sei Thema dieser Vernehmung gewesen.
Dabei habe Sebastian T. von sich aus gesagt: „Aber es wird doch einer mit kurzer Hose gesucht!“ Richterin Heike Will fragt an dieser Stelle nach, ob der Jogger denn mit einer genauen Angabe zur Kleidung gesucht worden sei. Dies kann die Beamtin jedoch nicht beantworten. Bei der Vernehmung habe Sebastian T. aber angegeben, er laufe immer mit langen Hosen. Bei der Durchsuchung habe seine Mutter gesagt, dass ihr Sohn zum Joggen anziehe, was er gerade finde.
Die Verhandlung wurde dann unterbrochen und soll am 8. Oktober um 9:30 Uhr in Laufen fortgesetzt werden. Wir berichten wieder live aus dem Gerichtssaal.
Update, 15 Uhr - „Jetzt habe ich der Polizei einen Schmarrn erzählt.“
Am 17. November 2022 schrieb Verena R. an ihre Mutter eine Sprachnachricht, die Verteidiger Georg dem Zeugen nun vorhält: „Jetzt habe ich der Polizei einen Schmarrn erzählt. Es war nicht am 3., sondern am 5., an dem ich Sebastian getroffen hab’ und jetzt hab ich denen gesagt, es war am 3.“ Rick fragte den Kripo-Sachbearbeiter, ob er sich noch an die Vernehmung der Schwester von Verena R. erinnern könne. Diese habe von einem Ausflug am 3.10.22 nach Übersee am Nachmittag berichtet, bei dem ihre Schwester und Sebastian T. dabei waren. An diesem Tag habe Sebastian vor vier Personen von dem Mord in Aschau erzählt. „Verena fuhr ihre Schwester an diesem Tag nach Hause und danach zu Sebastian.“
Sowohl am 3.10.22 als auch am 4.10.22 sei es zu einem Treffen von Verena R. und Sebastian T. am Eiskeller-Parkplatz in Aschau gekommen. Anhand von Webcam-Bildern konnte das Treffen am 4.10. bestätigt werden. Das mutmaßliche Treffen am 3.10.22 dagegen nicht, da R. ihr Auto eigenen Angaben zufolge an diesem Tag hinter einem Baum geparkt haben soll.
„Am 18.11.22 kam es zur Festnahme von Sebastian T.“, so der Zeuge. Anschließend sei das Haus der Familie T. in Aschau durchsucht worden. Nach der Festnahme und auch danach habe sich Sebastian T. außergewöhnlich wenig Regung gezeigt. „Es gab auch keine Schuldbekenntnisse oder so“, sagte der Zeuge, der inzwischen seit 3 Stunden mit nur einer kleinen Pause von 15 Minuten befragt wurde. Seine Aussage löste empörtes Lachen bei Verteidiger Georg und manchen Zuschauern aus.
Sebastian T. soll guter Freundin Messer an Hals gehalten haben
Bei der Durchsuchung habe die Polizei laut dem Sachbearbeiter Gegenstände und Kleider sichergestellt. Auf einer Jacke sei zwar DNA festgestellt worden, jedoch zu wenig, um ein Profil zu erstellen. Man habe also keine Hinweise auf Hanna W. finden können.
Zudem wurde das Mobiltelefon von Sebastian T. sichergestellt, auf dem eine achtminütige Nutzung des Spiels „Clash of Clans“ ab 2.42 Uhr am 3.10.22 festgestellt worden sei. Der Zeuge gab an, dass sich auf dem Handy auch zahlreiche Aufrufe von Pornoseiten sowie Gewaltvideos befanden. An dieser Stelle hakte die Verteidigung ein, um weitere Fragen zum Thema abzuwenden.
Laut dem Kripo-Sachbearbeiter sollen sich mehrere Freunde über auffälliges Verhalten von Sebastian T. nach seiner mutmaßlichen Tat geäußert haben. Laut der Mutter von Verena R. habe er kurz vor dem 3.10.22 ein Messer am Flohmarkt gekauft, dass er seiner guten Freundin Verena auch gegen den Hals gehalten habe und sinngemäß sagte, dass er sie jetzt umbringen könne.
Update 13 Uhr – Fragen zu Beziehungsleben und Frauengeschmack
Gleich nach der Pause griff die Vorsitzende Richterin Heike Will auf eine Frage zurück, die bereits von der Verteidigung gestellt worden war: Warum waren Sebastian T. bei seiner zweiten Vernehmung am 10. November 2022 Fragen zu seinem Beziehungsleben und seinem Frauengeschmack gestellt worden? Warum war er dazu befragt worden, wie es zu der Tat gekommen sein könnte? Der Kripo-Sachbearbeiter kann dies als Zeuge jedoch nicht beantworten, da er selbst nicht bei der Vernehmung anwesend gewesen sei.
Anschließend „schoss“ die Verteidigung gegen Nebenklägervertreter Walter Holderle, der Staatsanwalt Christian Merkel in der Pause um ein Video gebeten habe. Es handele sich um das Video, bei dem Sebastian T. als Jogger aufgezeichnet wurde, so Holderle. Weil die Qualität so schlecht war, konnte man nicht sehen, ob er eine kurze oder lange Hose trug. Holderle sagte, er habe um das Video gebeten, weil er einen Experten kenne, der dessen Qualität möglicherweise verbessern könnte. Das Gespräch sei aber vor den Augen der Verteidigung geführt worden, sagte Staatsanwalt Christian Merkel.
Sebastian T. habe bei der Vernehmung gesagt, dass er einen Freund beim Eiskeller-Parkplatz treffen wollte. Auch eine gute Freundin habe er dort öfter getroffen. Daraufhin vernahmen die Beamten die beiden Freunde von Sebastian, wobei die Freundin Verena R. aussagte, dass sie ihn am 3. Oktober 2022 getroffen habe und er ihr erzählt habe, dass erst am Morgen eine junge Frau aus Aschau ermordet worden sei. Die Ermittler wussten jedoch, dass die Identität Hanna W.‘s erst nach 22 Uhr geklärt wurde, weshalb sich die Frage stellte, woher Sebastian T. die Informationen haben konnte.
Bei einer zweiten Befragung der Mutter von Verena R. am 22. November 2022 sagte diese dann, dass am 17. November 2022 in ihrem Haus eine Party stattgefunden habe, bei der Sebastian T. gesagt habe: „Ja, ich war’s. Ich habe sie umgebracht.“ Einen Tag später wurde er festgenommen. Doch das Gericht fragte an dieser Stelle genau nach und wollte wissen, ob die Zeugin dies auch bei ihrer ersten Vernehmung von Sebastian T. gesagt habe. Im Protokoll steht, dass sie den Gesprächen „der Jungen“ über ihre Vernehmungen nicht zugehört habe.
Update 11.15 Uhr – Sebastian joggte in der Tatnacht: Widersprüche um Laufhose und Strecke
Der zweite Prozesstag in Laufen startete um einiges ruhiger als der gestrige Auftakt. Im Gerichtssaal sind zahlreiche Sitze unbesetzt und in den ersten beiden Stuhlreihen sitzen dementsprechend weniger Pressevertreter. Wie an allen Verhandlungstagen befindet sich die Familie von Sebastian T. unter den Anwesenden. Sebastian T. trägt heute ein weißes Hemd, eine moosgrüne Anzugweste und eine beige Hose. Sein Blick ist ernst. Auch Hannas Vater ist wieder anwesend.
Nach Eintritt der Vorsitzenden Richterin Heike wurde die Einvernahme des Sachbearbeiters von der Kripo Rosenheim fortgesetzt, die am ersten Verhandlungstag begonnen wurde. Laut dem Zeugen wurden von Hannas Mobiltelefon nach Verlassen des Clubs ein Anrufversuch um 2.31 Uhr und ein Notruf bei Eltern (Notrufkontakt) um 2.32 Uhr getätigt. Ein letztes Lebenszeichen von ihr wurde von der Überwachungskamera aufgenommen, als sie von der Schloßbergstraße in die Kampenwandstraße einbog.
Zeugen hätten angegeben, einen Jogger in kurzer Hose und Windjacke in der Nacht gesehen zu haben. Er trug eine Stirnlampe und lief sowohl in der Kampenwandstraße als auch über den Eiskeller-Parkplatz. Die kurze Hose sei einem Zeugen, dem Freund Hannas, der sie ursprünglich vom Club nach Hause begleiten wollte, aufgefallen, weil es in der Nacht sehr kalt war und regnete.
Zeuge zur ersten und zweiten Vernehmung von Sebastian T.
Durch einen Anruf von Sebastians Mutter beim Hinweistelefon erfuhr die Polizei dann, dass es sich bei dem Jogger um den Angeklagten handelte. Am 21. Oktober 2022 kam es so zur Vernehmung von Sebastian, zu der er seine Jogging-Kleidung mitbrachte. Ihm zufolge trug er eine lange dunkle Hose und war gegen 2 Uhr laufen gegangen, weil er nicht schlafen konnte und für einen Halbmarathon trainierte.
Seine Laufstrecke habe er dann auf eine Karte aufgezeichnet. Er sei von der Kampenwandstraße auf den Eiskellerparkplatz gelaufen, weil er schauen wollte, ob er dort Bekannte treffe. Dort sei ihm ein Mädchen entgegengekommen und er habe ein Auto mit Standlicht gesehen. Auch bei seiner zweiten Vernehmung gab Sebastian an, eine lange Laufhose getragen zu haben. Laut ihm habe er den Lauf nicht mit seiner Fitnessuhr getrackt. Diese sei von der Polizei sichergestellt worden und könne laut dem Sachbearbeiter noch weiter ausgewertet werden. Damals habe die Uhr jedoch Daten der Familie T. enthalten, weil sie nicht nur von Sebastian benutzt worden sein soll.
Verteidigerin Regina Rick und Dr. Yves Georg wollten von dem Sachbearbeiter zahlreiche Details wissen, wie unter anderem auch Angaben zu Vernehmungen, die er selbst nicht einmal durchgeführt hatte. Rick hakte auch wegen der mutmaßlichen Joggingstrecke ihres Mandanten nach. Sie bat schließlich um eine Beratungspause.
Vorbericht
Mit großem Medieninteresse begann am 29. September in Laufen der neue Prozess gegen Sebastian T. (23). Am 3. Oktober 2022 soll er die Medizinstudentin Hanna W. auf ihrem Heimweg vom Club Eiskeller in Aschau i. Chiemgau aus sexuellen Motiven angegriffen und getötet haben. Bereits am ersten Verhandlungstag rechnete die Verteidigung mit der Vorsitzenden Richterin des ersten Prozesses ab. Yves Georg sprach von einem „zusammengestammelten Urteil“, das durch und durch von der Richterin Jacqueline Aßbichler „kontaminiert“ gewesen sei. Besonders kritisierte die Verteidigung, dass die Aussagen des damaligen Hauptbelastungszeugen, der an psychischen Störungen leidet und selbst inhaftiert war, als glaubhaft erachtet worden waren.
Sachbearbeiter präsentiert die Ermittlungsergebnisse
Staatsanwalt Christian Merkel und Nebenklägervertreter Walter Holderle kritisierten den Vorgriff auf die Beweisaufnahme und brachten vor, dass sich die Schöffen „ein Bild ohne vorgefasste Meinung“ machen sollten. Doch nach einer Pause schoss die Verteidigung weiter: Rechtsanwältin Regina Rick stellte mehrere Befangenheitsanträge gegen Gutachter der Rechtsmedizin und Biomechanik. Auch das Gutachten von dem Experten für Hydromechanik und Wasserbau Prof. Dr.-Ing. Andreas Malcherek sei ihr zufolge unobjektiv und von „Verfolgungseifer“ gezeichnet gewesen.
Am Nachmittag trat schließlich der sachbearbeitende Kriminalhauptkommissar in den Zeugenstand. Er präsentierte Fotos vom Fundort und Aufnahmen der Überwachungskameras im Club Eiskeller. Erneut wurden die letzten Lebensstunden der Medizinstudentin Hanna W. präsentiert, erneut Fotos von ihrem Leichnam und Videos von ihrem Heimweg gezeigt. Am zweiten Prozesstag soll der Sachbearbeiter seine Ausführungen zu Ende bringen und eine weitere Ermittlungsbeamtin angehört werden.