Bad Feilnbachs „Sorgenkind“
Nach Albtraum-Bergrutsch in Blatten: So sieht Rosenheimer Experte die Gefahrenlage im Jenbachtal
Der Bergsturz, durch den der Schweizer Ort Blatten vollständig verschüttet wurde, ist Stoff, aus dem Albträume sind. Kann Ähnliches auch in unserer Region passieren? Etwa in Bad Feilnbach, wo es im Jenbachtal immer wieder starke Hangbewegungen gibt? Ein Experte hat für uns mögliche Gefahren beleuchtet.
Bad Feilnbach – Die Farrenpoint bei Bad Feilnbach ist ein beliebtes Ziel für Wanderer und Mountainbiker. Doch ihre Westflanke weist eine der größten Hangbewegungen in den bayerischen Alpen auf. Und auch abgebrochenes Geschiebe aus dem Brechries macht im Jenbachtal immer wieder Sperrungen und Sicherungsmaßnahmen erforderlich. Andreas Holderer, Stellvertretender Leiter des Wasserwirtschaftsamtes Rosenheim, kennt sich in dem Gebiet bestens aus und weiß auch um die Gefahren, die dort lauern.
Herr Holderer, für wie wahrscheinlich halten Sie bei uns im Jenbachtal ein Szenario wie jüngst in Blatten in der Schweiz?
Andreas Holderer: Ohne die auslösenden Ursachen für den Felssturz und den Gletscherabbruch in der Schweiz in Detail zu kennen, stellt sich die Situation am Jenbach topografisch und geologisch bedingt anders dar. Am Brechries spielen Faktoren wie der Klimawandel mit abschmelzenden Gletschern und auftauendem Permafrost keine Rolle. Auch gibt es hier keine so exponiert, direkt im Gefahrenbereich liegenden Siedlungen. Die Rutschung hier ist kein singuläres, plötzliches Ereignis, der Talzuschub am Jenbach ist bereits seit Jahren in Bewegung.
Ist ein plötzlicher Abrutsch also eher nicht denkbar?
Holderer: Nach den geologischen Erkundungen des Bereichs ist derzeit nicht von einem plötzlichen Abbrechen der gesamten Rutschmasse auszugehen. Ein katastrophales Abrutschen des gesamten nördlichen Teiles der Rutschung bei einem Ereignis ist sehr unwahrscheinlich und insgesamt für talzuschubsartige Großhangbewegungen unüblich. Wie in den letzten Jahren sind Szenarien wahrscheinlich, bei denen sich am Fuß des Hanges insbesondere bei größeren Hochwasserabflüssen im Jenbach immer wieder Gesteins- und Schuttpakete lösen. Das Material lagert sich dann im Jenbachtal ab und wird durch Hochwasser des Jenbachs talwärts transportiert.
Wie hoch würden Sie die Gefahr für Bad Feilnbach einschätzen, was könnte im schlimmsten Fall drohen?
Holderer: Wir gehen davon aus, dass die prognostizierten Ereignisse (bis zu mehreren zehntausend Kubikmetern Gesteinsmaterial) durch die zur Verfügung stehenden Rückhalteräume (Rückhaltebecken und Ablagerungsbereiche entlang des Bachlaufes) beherrscht werden können und das Gesteinsmaterial nicht bis in bebaute Bereiche vordringt. Unabhängig davon besteht für Bad Feilnbach eine Hochwassergefahr aus Hochwasserabflüssen des Jenbachs. Die Gefahrenfläche für ein 100-jährliches Wildbachereignis ist amtlich festgesetzt und zum Beispiel im Internet veröffentlicht. Durch einige Sanierungsmaßnahmen im Bereich unterhalb des unteren Jenbachparkplatzes ist der Großteil des Ortes bis zu einem solchen Ereignis geschützt. Allerdings sind Hochwasserschutzmaßnahmen generell in ihrer Wirkung begrenzt, bei extremen Ereignissen ist mit größeren Überschwemmungen im Ort zu rechnen.
Die Farrenpoint weist eine der größten Hangbewegungen in den bayerischen Alpen auf. Können Sie uns beschreiben, wie es um die Westflanke steht und was sich dort in den vergangenen Jahren getan hat?
Holderer: Die Hangbewegung am Brechries wird seit Jahren mit einer automatischen Messstation beobachtet. Langjährig wurden dabei weitgehend konstante Geschwindigkeiten von 10 mm/Monat im Bereich der Rutschung gemessen. Die über die Jahre hinweg mehr oder weniger geringen Bewegungsraten an der Brechries-Rutschung beschleunigten sich nach den Starkniederschlägen im Sommer 2020, 2021 und 2023 signifikant mit Bewegungsraten von bis zu 220 mm/Monat (Juni 2023).
Weiß man, warum?
Holderer: Auslöser waren größere Sekundärrutschungen am Fuß der Rutschung, bei denen erhebliche Mengen an Lockermaterial in den Jenbach eingetragen wurden. Die Bewegungsrichtung der Messpunkte blieb allerdings bis zum heutigen Zeitpunkt konstant, was darauf hinweist, dass sich über den gesamten Messzeitraum die Kinematik beziehungsweise die Charakteristik der Bewegungen nicht geändert hat. Wie den Bewegungsmessungen zu entnehmen ist, standen die Beschleunigungsphasen immer im Zusammenhang mit Starkniederschlägen und damit einhergehendem Hochwasser im Jenbach. Aktuell sind die Bewegungen wieder zurückgegangen und verharren bei circa 40 Millimeter pro Monat in den stark bewegten Bereichen. Bei den Ereignissen der vergangenen Jahre wurde insbesondere der Forstweg ins Jenbachtal im oberen Bereich stark in Mitleidenschaft gezogen. Das Bachbett und der Weg wurden von der Flussmeisterstelle Miesbach jeweils wieder instandgesetzt und befahrbar gemacht.
Und wie ist die aktuelle Sicherheitslage im Jenbachtal?
Holderer: Nach wie vor ist ein Abrutschen größerer Bereiche am Hangfuß und Steinschlag beziehungsweise Felssturz im nördlichen Bereich der Rutschung, aus den enorm aufgelockerten höhergelegenen Hangbereichen des Brechries, der den Wanderweg erreichen wird, zu erwarten. Nach unserer Einschätzung kann hier Lebensgefahr bestehen. Ein Ende der Gefahrenlage ist bislang nicht abzusehen.
Warum rutscht der Hang überhaupt?
Am Westhang der Farrenpoint befindet sich laut dem Wasserwirtschaftsamt Rosenheim in einem Bereich von etwa 15 Hektar eine der größten Hangbewegungen in den bayerischen Alpen. Über eine Höhe von rund 330 Meter sind dort insgesamt rund sieben Millionen Kubikmeter Gesteinsmaterial in Bewegung. Bereits der Flurname „Brechries“ deutet laut Andreas Holderer auf altbekannte Felszerreißungen hin. Das Brechries liegt innerhalb der circa 2 Kilometer breiten Flyschzone am nördlichen Alpenrand, circa 600 Meter südlich beginnt das Kalkalpin. An der Grenze zwischen Flyschzone und Kalkalpen gelegen, ist das Brechries ein Bereich mit umfassenden Störungen und intensiven tektonischen Beanspruchungen. Das von der Rutschung betroffene Flyschgestein (Kalkgrabenschichten) besteht aus Wechsellagen von harten Kalken, Kalkmergel und stark verwitterungsanfälligen Tonsteinen. Die Folge sind großflächige Hanginstabilitäten und Felsstürze, die enorme Gesteinsmengen in den Jenbach eintragen können. Die große Rutschmasse an der Farrenpoint ist seit etwa 1980 aktiv.
Sind noch Bereiche gesperrt und wenn ja, welche?
Holderer: Für die Sperrung der Wege ist die Gemeinde Bad Feilnbach als Sicherheitsbehörde zuständig. Wir haben der Gemeinde empfohlen, den Jenbachsteig im Bereich der Rutschung zu sperren und mittelfristig nach Möglichkeiten für einen neuen Steig aus dem Jenbachtalgrund zur Straße zu suchen.
Was müssen Wanderer, Biker und Autofahrer beachten, die von Bad Feilnbach aus auf dem Weg zu den Almen unterwegs sind?
Holderer: Unmittelbare Gefahrensituationen können sich für Personen ergeben, die sich in dem von uns zur Sperrung vorgeschlagenen Wegabschnitt aufhalten. Eine Benutzung der Jenbachtalstraße zum Parkplatz Wirtsalm ist von Gefahren aus dem Brechries nicht bedroht. Der Kutterlinger Almweg an der Fahrenpoint ist ebenfalls von der Rutschung betroffen, Steinschlaggefahr oder ähnliches besteht aber auch hier nicht, wenngleich damit gerechnet werden muss, dass es innerhalb kürzerer Zeit zu Absetzungen des Weges kommen kann, was vor allem für Mountainbiker eine gewisse Gefahr darstellen kann.
Welche Erfahrungen haben sie bezüglich der Einhaltung/Nichteinhaltung der Beschilderung und Sperrungen gemacht?
Holderer: Die Absperrungen werden nach unserer Erfahrung leider nicht konsequent beachtet. Teilweise werde die von der Gemeinde aufgestellten Hinweistafeln entfernt oder – wie aktuell – bei Holzarbeiten zerstört.
Was geschieht im Moment und was ist noch geplant?
Holderer: Die wasserbaulichen Maßnahmen (Neubau, Unterhaltung) am Jenbach sind derzeit abgeschlossen. Regelmäßig werden die Geschieberückhalteräume beobachtet, bei Bedarf geräumt und Unterhaltungsmaßnahmen an den Wildbächen in Feilnbach durchgeführt. Hochwasserschutzmaßnahmen am Unterlauf des Jenbachs sind kurzfristig nicht in Planung. Die Reithof-Klinik hat eigene Maßnahmen zum Hochwasserschutz durchgeführt.
Welcher Betrag wurde in den vergangenen Jahren für die Schutz-/Verbauungsmaßnahmen aufgewendet?
Holderer: Zum Schutz vor Hochwasser und Muren wurde 2010 die Geschiebesortiersperre mit rund 50.000 m³ Rückhalteraum und ein Wildholzrechen mit Kosten von damals rund 1,7 Millionen Euro errichtet. Im weiteren Verlauf wurden oberhalb und unterhalb die vorhandenen Konsolidierungssperren saniert und weitere Unterhaltungsarbeiten im Gewässerbett und an Bauwerken durchgeführt. Dabei sind in den letzten acht Jahren Kosten von rund einer Million Euro angefallen.
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