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120-jähriges Jubiläum

„Mittendorfer Haushaltwaren“ – eine Kolbermoorer Institution: Wie der Laden allen Krisen trotzt

Vor 120 Jahren gründete Hans Mittendorfer (linkes Foto, links) an der Rosenheimer Straße 19 sein Haushaltwarengeschäft. Heute führt es sein Urenkel Stefan Reischl (rechtes Bild, rechts) gemeinsam mit seiner Mutter Waltraud, der guten Seele des Geschäftes.
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Vor 120 Jahren gründete Hans Mittendorfer (linkes Foto, links) an der Rosenheimer Straße 19 in Kolbermoor sein Haushaltwarengeschäft. Heute führt es sein Urenkel Stefan Reischl (rechtes Bild, rechts) weiter – gemeinsam mit seiner Mutter Waltraud, der guten Seele des Geschäftes.

Kolbermoor feiert 120 Jahre Einkaufskultur: Das Familienunternehmen „Mittendorfer Haushaltswaren“ gehört zur Heimatgeschichte. Seine Ursprünge reichen bis in die Anfangsjahre des Ortes zurück. Wie gelingt es Stefan und Waltraud Reischl, allen Krisen zu trotzen und ihr kleines Geschäft zu erhalten?

Kolbermoor – Oma Elfriede hat zwei Leidenschaften in ihrem Enkel entfacht: für Geschichte und für den Einzelhandel. Heute führt Stefan Reischl eine Familientradition fort, die fast so alt ist wie Kolbermoor. Wann er das erste Mal hinter dem Ladentisch stand, weiß Reischl nicht mehr genau. In der Rosenheimer Straße 19, wo die Kolbermoorer seit 120 Jahren „Mittendorfer Haushaltswaren“ kaufen können, verbrachte er seine Kindheit. Ein Foto zeigt den Vierjährigen beim Einpacken von Waren. Und Mutter Waltraud Reischl erinnert sich daran, dass er noch nicht einmal richtig reden konnte, als er den Kunden bereits in höflicher Verkäufermanier „schöne (F)eiertage“ wünschte.

Seit 1971 die Hüterin des Ladens

Auch Mutter Waltraud verbrachte die meiste Zeit ihres Lebens im Familienunternehmen. „Seit 1971 bin ich der Ladenhüter“, sagt sie lachend. Hier hat sie ihre beiden Söhne großgezogen. „Wir haben in der zweiten Etage gewohnt. Und so war ich ständig auf Trab“, erinnert sie sich. Heute ist sie 71 Jahre alt und immer noch sechs Tage pro der Woche im Geschäft. Ans Aufhören denkt sie nie und nimmer, denn: „Ich habe in der Corona-Pandemie gemerkt, wie sehr mir die Kunden fehlen.“

Kunden halten über Jahrzehnte die Treue

Viele von ihnen kommen schon seit Jahrzehnten in die Rosenheimer 19. „So ein kleines Fachgeschäft ist bis heute etwas Besonderes“, weiß ihr Sohn Stefan. Der Kindheitstraum, wie der Großvater zur Bahn zu gehen und Lokführer zu werden, wurde in der Jugend bald vom Vorbild der Eltern übertroffen. Beide waren Einzelhandelskaufleute. Vater Gerhard arbeitete nebenbei bei einem Großhändler für Sanitär- und Haustechnik. Mutter Waltraud und Oma Elfriede waren die guten Seelen im Laden. „Die Männer arbeiteten schon immer in anderen Berufen, das Haushaltwarengeschäft war Frauensache“, weiß Stefan Reischl. Als Heimatforscher ist er im Heimat- und Industriemuseum der Stadt auch auf die Spuren seiner Vorfahren gestoßen. Und die reichen 153 Jahre zurück.

Vorfahren sind seit 1870 in Kolbermoor

Die Geschichte der Familie Mittendorfer-Reischl ist eng mit der Entwicklung Kolbermoors verbunden. 1870 war es, als der Spengler Johann Mittendorfer in Jandelsbrunn im Bayerischen Wald von der rasanten Entwicklung Kolbermoors hörte. Hier war schon 1858 der erste Torf gestochen und an der Bahnlinie Holzkirchen-Rosenheim der Haltepunkt Kolbermoor errichtet worden. Ein Jahr später entstand die Baumwollspinnerei. Arbeitskräfte wurden dringend gebraucht, nicht nur zum Torfstechen oder für die Spinnerei, sondern auch im Handwerk. Und so kam der Spenglermeister Johann Mittendorfer 1870 nach Kolbermoor und legte an der Rosenheimer Straße 3 den Grundstein des Familienunternehmens.

Spurensuche auf den Dächern der Stadt

Sein Sohn Mathias führte die Spenglerei weiter und war der erste, der nebenbei auch eine kleine Krämerei eröffnete. „Die Kupferabdeckung des Alten Rathauses ist von ihm“, weist Reischl auf die Spuren seiner Vorfahren auf den Dächern der Stadt hin: „Und er war auch Gründungsmitglied und der erste Kommandant der Kolbermoorer Feuerwehr“, beschreibt er die tiefe Verwurzelung seiner Familie im gesellschaftlichen Leben der Stadt.

Geschäftsgründer Hans Mittendorfer war Spengler und geprüfter Blitzableitersetzer sowie Feuerwehrmann und Mitglied in vielen Kolbermoorer Vereinen. Die Bilder zeigen ihn in jungen Jahren bei der Herstellung eines Blechfasses (links) und später als Inhaber des Haushaltwarengeschäftes.

Mathias‘ Sohn wiederum – Hans Mittendorfer, Feuerwehrmann, Mitglied in vielen Vereinen, Spengler und geprüfter Blitzableitersetzer – hat 1922 die Spenglerarbeiten am Hundertmeterbau der Arbeitersiedlung der Alten Spinnerei ausgeführt. 1928 versah er die Kuppeln des Leichenhauses am Alten Friedhof mit einer Kupferabdeckung, die bis heute erhalten ist.

Geschäft wurde im Jahr 1903 eröffnet

Schon 1903 hatte Hans Mittendorfer an der Rosenheimer Straße 19 seine Spenglerei sowie ein Geschäft für Haushaltsgeräte und Eisenwaren eröffnet. „Und so gibt es uns hier jetzt schon seit 120 Jahren“, sagt Waltraud Reischl stolz, denn das Familienunternehmen überstand schwere Krisen, darunter zwei große Kriege. „Älter ist nur die Metzgerei Lax, die schon 1887 gegründet wurde“, weiß ihr Sohn und Heimatforscher Stefan.

Im Jahr 1903 eröffnete Hans Mittendorfer (links) sein Haushaltwarengeschäft in Kolbermoor und legte damit den Grundstein für eine inzwischen 120-jährige Familientradition.

In den Anfangsjahren bekommen die Kolbermoorer Torfstecher beim „Mittendorfer“ Grabscheite und Torfmesser, lassen sich vom Spengler Fässer aus Blech bauen oder Löcher in den Kochtöpfen flicken. „Mein Urgroßvater war an jedem Sonntag in einer anderen Wirtschaft zum Mittagessen, denn dort bekamen die Spengler ihre Aufträge“, gibt Reischl die Erzählungen der Großmutter wieder.

Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg

Das Unternehmen schreibt Erfolgsgeschichte. Trotz des Krisenjahres 1923 und einer Hyperinflation vergrößert Hans Mittendorfer die Verkaufsfläche, erweitert das Sortiment und bietet erstmals auch Porzellan an. Zu Beginn der Weltwirtschaftskrise 1928 ist er – damals 53 Jahre alt – Spengler, Installateur, Blitzableitersetzer und Betreiber eines Fachhandels für Eisen-, Haus- und Küchengeräte. Doch 1944 – mit 69 Jahren – muss er aufgeben. Der Zweite Weltkrieg raubt vielen Gewerbetreibenden ihre Existenz. Auch Hans Mittendorfer.

Fünf Jahre später (1949) rappelt sich die Familie wieder auf. Zwar können die beiden Töchter von Mittendorfer die Spenglerei nicht weiterführen. „Es war damals nicht üblich, dass Frauen solche Berufe erlernen“, erklärt Stefan Reischl. Doch Mittendorfers Tochter Elfriede, mit deren Heirat der Name Reischl in die Familie kommt, wagt gemeinsam mit ihrem Vater den Neubeginn. „Mein Großvater hat bei der Bahn gearbeitet und die Familie ernährt. Großmutter hat das Geschäft wieder aufgebaut, ist damals mit einer Spedition aus Schwaig am frühen Morgen nach München gefahren, hat Händler gesucht, eingekauft und ist am Abend mit den Spediteuren und neuer Ware fürs Geschäft nach Kolbermoor zurückgekehrt“, erzählt Reischl voller Hochachtung.

Erster Eisschrank ist ein Kolbermoorer Produkt

Er hat die Geschichten seiner Oma Elfriede voller Neugier aufgesogen. Und immer dann, wenn er im Heimatmuseum einen neuen Hinweis auf seine Familie fand, hat er der Großmutter oder seiner Mutter die Geschichte dazu entlockt. So wird in einer Annonce aus dem Jahr 1949 beispielsweise ein „Eisschrank Lilliput“ beworben. „Das war ein original Kolbermoorer Produkt. Das Holz für den Schrank kam von der Schreinerei Tischner. Der Eisschrank war mit Blech von der Spenglerei Wohlrab ausgeschlagen und wurde mit Stangeneis gekühlt“, beschreibt er den ersten Kühlschrank.

Im Jahr 1974 ging das Geschäft von Elfriede Reischl (linkes Bild, rechts) an die dritte Generation – Gerhard und Waltraud Reischl (links) – über. Wenig später half Stefan Reischl (rechts) schon als Kind und Vertreter der vierten Generation im Laden mit.

Seit 1999 ist Stean Reischl in vierter Generation der Inhaber des Mittendorfer Haushaltswarengeschäftes. Wie all seine männlichen Vorfahren hat auch er einen Haupterwerb und kümmert sich „nebenbei“ ums Geschäft. Mutter Waltraud ist wie schon ihre Schwiegermutter Elfriede oder „Großschwiegermutter“ Therese die gute Seele des Geschäftes.

Mit 71 Jahren noch täglich im Geschäft

Zu viel wird ihr die Arbeit auch mit 71 Jahren nicht. „Denn so ein kleiner Fachhandel mit allem, was der Kunde braucht, ist schon etwas ganz Besonderes“, weiß sie. Vieles, was sie aus ihrer Jugend kennt, ist inzwischen auch wieder in die Regale zurückgekehrt. So erleben beispielsweise Einweckgläser und -flaschen fürs Selbstgemachte oder Emaille-Töpfe eine Renaissance. Und wer genau hinschaut, entdeckt viele liebevolle Besonderheiten des kleinen, betagten, aber doch modernen Haushaltwarengeschäftes.

Eine davon ist Waltraud Reischl selbst. Nicht nur, weil sie aufs Rentnerinnendasein verzichtet und lieber noch sechs Tage die Woche arbeitet, auf Messen die neue Ware selbst ordert oder pro Jahr mindestens 80 Gläser Marmelade für ihre Enkel einkocht. Vor allem, weil sie eine Leidenschaft lebt: „Wir möchten mit außergewöhnlichen Produkten von Firmen aus unserer Region, aus Werkstätten für Menschen mit Behinderung oder von Privatpersonen und einer guten Beratung ein Helfer für Haushalt und Garten sein. Uns findet man nicht im Internet, sondern direkt um die Ecke.“

Ein Erfolgsgeheimnis mit sozialer Qualität

Genau das scheint das Geheimnis zu sein, mit dem das Familienunternehmen Mittendorfer-Reischl Kriege, Krisen und Inflationen überlebt hat und sich trotz des Internethandels am Markt halten kann. „Solch ein familiengeführtes Traditionsgeschäft ist für Kolbermoor nicht nur Einkaufskultur, sondern vor allem ein Stück Lebensqualität“, würdigt Bernd Ohlmann vom Handelsverband Bayern das 120-jährige Jubiläum. „Hier haben schon Väter, Großväter und Urgroßväter vieler Kolbermoorer eingekauft“, ist er sich sicher. „Das hat eine extrem hohe soziale Qualität.“

Waltraud Reischl ist seit 1971 die gute Seele des Haushaltwarenladens. Ihr Sohn Stefan steht ihr zur Seite.

Dabei sei es für inhabergeführte Geschäfte ganz und gar nicht einfach, inmitten einer wachsenden Konkurrenz zu überleben: „Das Angebot findet sich im Internet, als Randsortiment in Baumärkten oder Möbelhäusern“, beschreibt Ohlmann. „Viele kleine Haushaltwarenhändler haben die Corona-Pandemie nicht überstanden oder mussten aufgrund der Auswirkungen des Ukrainekrieges aufgeben“, erklärt er die traurige Bilanz. Auch hohe Mieten oder fehlende Nachfolger seien Gründe für Geschäftsaufgaben. Die Zahl der Haushaltwarengeschäfte habe in den vergangenen Jahren kontinuierlich abgenommen. In vielen Orten gebe es gar keine mehr. Auch in den Einkaufspassagen der Städte suche man sie oft vergeblich.

Anders aber in Kolbermoor. Auch wenn die nächste Generation der Familie Mittendorf-Reischl noch zu jung ist, um über eine Unternehmensnachfolge nachzudenken: „Unser Haushaltwarengeschäft gehört seit 120 Jahren zu Kolbermoor und wird auch in Zukunft Heimatgeschichte schreiben“, versichert Inhaber Stefan Reischl.

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