Mutter-Kind-Heim Kochendörfer
„Behütet wie im Kokon“: So lernen junge Frauen in Halfing, das Muttersein als Glück zu erleben
Für den Start ins Leben gibt es in Halfing eine besondere Einrichtung: das Mutter-Kind-Heim Kochendörfer. Seit fast 60 Jahren lernen junge Frauen hier das Muttersein. Wie sie im beschützenden „Kokon“ aufs echte Leben vorbereitet werden.
Halfing – Um ein Kind großzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf. Das afrikanische Sprichwort beschreibt den Idealfall. Ein Kind wird in eine glückliche Familie hineingeboren. Hat Vater und Mutter, liebevolle Großeltern, Freunde und Nachbarn. Ein sicheres soziales Gefüge, das Eltern dabei unterstützt, die neue, überwältigende Verantwortung für das Leben eines Menschen zu tragen.
Doch nicht allen ist dieses Glück vergönnt. „Menschen, die eine schwierige Kindheit hatten, keine Liebe und Zuwendung erfahren durften, fällt der Start in ein selbstständiges Leben oft schwer. Und manche kommen leider ins Straucheln und geraten in Schwierigkeiten“, weiß Silke Kochendörfer-Schneeweis. Die Pädagogin führt die soziale Tradition ihrer Eltern fort, stellt die Menschen ins Zentrum ihres Wirkens.
60 Jahre Fürsorge für junge Familien
Schon 1964 verschrieb sich ihr Vater Fritz-Dieter Kochendörfer der Sozialarbeit, leitete in München vier Wohnheime für nichtsesshafte, strafentlassene Männer. Damals erfuhr er vom Suizid einer Schwangeren. Ihr dramatisches Schicksal bewegte ihn so sehr, dass er 1968 gemeinsam mit seiner Frau Gisela das erste Mutter-Kind-Heim in Halfing gründete und sein Leitbild definierte: „Von allen Kostbarkeiten dieser Welt ist der Mensch die Wertvollste.“
Fast 60 Jahre später hat sich die Situation für alleinstehende schwangere Frauen zwar deutlich verbessert. Doch auch heute gibt es junge Mütter, die die Verantwortung für ein Kind überfordert. „Weil sie selbst noch Kinder und nicht reif genug sind. Weil sie kognitive Einschränkungen haben. Oder weil sie nach Gewalt, Missbrauch oder Sucht an posttraumatischen Belastungsstörungen leiden und Nähe nicht zulassen können. Jede Mutter trägt ihren eigenen Rucksack“, sagt Kochendörfer-Schneeweis.
Stationäre Familienhilfe – eine Chance
Wenn durch die Überforderung der Mutter das Wohl ihrer Kinder gefährdet ist, empfehlen Jugendämter eine stationäre Familienhilfe in Mutter-Kind-Einrichtungen. Oft ist sie die letzte Chance, um einer Inobhutnahme der Kinder und ihr Leben in einer Pflegefamilie zu vermeiden.
„Bei uns haben die Kinder ihre Mütter und uns“, beschreibt die Heimleiterin das sprichwörtliche Dorf, das ein Kind gemeinsam großzieht. Im Mutter-Kind-Haus in Halfing sind es Pädagogen, Sozialarbeiter, Psychologen, Erzieher, Hauswirtschafter und Hausmeister. Sie geben den kleinen Familien emotionale Wärme, positive Wertschätzung und einen sicheren Orientierungsrahmen. Mit ihnen können die Frauen ihre Traumata aufarbeiten. Und sie lernen, die Bedürfnisse ihrer Kinder zu sehen. „Wir geben Müttern und Kindern die Resilienz, die sie sonst nicht hätten“, sagt die Heimleiterin. Der erste Schritt auf diesem Weg sei es, sich selbst zu achten und Hilfe anzunehmen.
Schwere seelische Verletzungen
„Viele unserer Frauen haben extreme seelische Verletzungen erlitten“, erklärt Diana Meierhofer vom psychologischen Fachdienst des Mutter-Kind-Heimes. Sie hat großen Respekt vor den Frauen und unterstützt sie dabei, ihre Stärken zu erkennen und liebevolle Beziehungen zu ihren Kindern aufzubauen.
Lea von Beerfelde ist nach ihrem Praxisseminar in Halfing als ausgebildete Sozialpädagogin in die Einrichtung zurückgekehrt. „Die Arbeit im Mutter-Kind-Heim ist vielseitig und sehr erfüllend. Wir ermöglichen es den Müttern unter geschützten Bedingungen, ein Nest für ihre Kinder zu bauen. Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn wir es schaffen, dass eine Familie gemeinsam auszieht“, beschreibt sie.
Entwicklung in beschützendem Rahmen
Ein Leben in einer voll betreuten Wohngemeinschaft, in der man rund um die Uhr von Pädagogen begleitet wird, müsse man aber auch aushalten, betont Kochendörfer-Schneeweis. Deshalb weiß sie eines ganz gewiss: „Unsere Mütter sind hier, weil sie ihre Kinder bedingungslos lieben.“ Lassen sie sich auf die Hilfsangebote ein, können sie sich gemeinsam mit einem multiprofessionellen Team ein neues Leben aufbauen.
Eine junge Mutter aus Afrika hat diese Chance ergriffen. Das Mutter-Kind-Heim ist ihr Zuhause. Sie holt ihre Schulbildung nach, will danach eine Ausbildung machen. Ist sie in der Schule, wird ihr Sohn in der Kita „Sonnenkinder“ betreut. Am Abend fühlen sich beide in ihrer großen „Familie auf Zeit“ geborgen. Wird die Mutter von den Traumata der Flucht eingeholt, hat sie Menschen um sich, die sie auffangen können.
Früher durften sich die Mütter für ihren Reifeprozess in Mutter-Kind-Heimen alle Zeit der Welt nehmen. „Manche waren mit ihren Kindern sogar bis zu zehn Jahre in unserer Einrichtung“, erzählt Kochendörfer-Schneeweis. Heute genehmigen die Jugendämter einen Aufenthalt von zwei, in Ausnahmefällen bis zu drei Jahren. Willkommen ist jede Mutter, die Hilfe braucht. „Unsere jüngste Mutter war zwölf Jahre alt, die älteste Mitte 40“, erzählt die Heimleiterin.
Sprungbrett in ein selbstständiges Leben
15 Mütter können mit ihren Kindern in der Halfinger Einrichtung leben, zwölf im Mutter-Kind-Heim, drei in der Außenwohngruppe, dem Sprungbrett in ein selbstständiges Leben. „Jede Mutter wünscht sich für sich und ihre Kinder eine eigene Wohnung“, erklärt Kochendörfer-Schneeweis.
Auch Mathilda (Name von der Redaktion geändert) hat es fast geschafft, muss nur die letzte Hürde „Wohnungssuche“ noch nehmen. Sie möchte in der Nähe bleiben, um auch im neuen Lebensabschnitt noch ein Weilchen auf die Begleitung von Nina Bernhardt vertrauen zu dürfen. Die Verhaltens- und Gesprächstherapeutin hilft den Frauen dabei, das Muttersein als Glück und nicht als Überforderung zu erleben.
„Wir haben den Schatz gehoben“, sagt Nina Bernhardt mit einem liebevollen Blick zu Mathilda. Sie hat Hilfe angenommen und sich Zeit gegeben. Vor drei Jahren kam sie nach Halfing. „Hier haben sie an mich geglaubt, als keiner mehr an mich glaubte“, zeigt sich die 35-Jährige dankbar. Sie vergleicht das Mutter-Kind-Heim mit einem schützenden Kokon, in dem sie Kraft schöpfen, persönlich wachsen und neue Perspektiven finden konnte. Jetzt sei es wie bei einem Schmetterling, sagt sie lächelnd. Sie fühle sich gestärkt, um mit ihrem fünfjährigen Sohn hinaus ins „echte Leben“ zu gehen.
