Zu Besuch bei Bootsverleiher Georg Heistracher in Gstadt
Der Zauber des Chiemsees: „Jeder, der auswandert, ist schön blöd“
Goldfisch, Auguste oder Nautilus - Bei Georg Heistracher hat man die Qual der Wahl. Was macht den Job für den Gstadter eigentlich so leidenschaftlich? Ein Blick in den Alltag eines Bootsverleihers am Bayerischen Meer.
Gstadt am Chiemseee - Es ist früher Nachmittag an einem warmen Sommertag, 25 Grad, die Wellen schlagen sanft ans Ufer, es weht eine teils auffrischende Brise. Georg hat an diesem Tag nur vier Boote abgedeckt. Wind, sagt er, sei nämlich schlecht fürs Geschäft.
Und doch interessieren sich ein junges Pärchen sowie zwei Frauen für die Elektro-Boote, mit denen sie wenige Minuten später bereits in den Wellen Richtung Fraueninsel schaukeln. Ein Mann ist eine Stunde zuvor mit einem Ruderboot in See gestochen. Ihnen rät Georg bei windigen Verhältnissen, mit dem Boot in eine Bucht zu fahren, dort zu ankern und die Windstille auf dem Chiemsee zu genießen.
„Ärgern brauchst dich nicht“
Das Bayerische Meer, tiefblau, die Fraueninsel mit der Klosterkirche erstreckt sich erhaben vor malerischer Bergkulisse. „Definitiv zu 100 Prozent mein Traumjob“, betont Georg und lässt den Blick über den See schweifen.
Die Kunst sei, jede Veränderung so anzunehmen, wie sie daherkommt, weil „ärgern brauchst dich nicht - schon gar nicht über das Wetter. Bei Regen freue ich mich, da habe ich dann frei.“
Ansonsten ist er, sobald die Temperaturen an die 20 Grad klettern, von April bis mindestens September hier am Ufer des Chiemsees zu finden. Vormittags hilft er meist noch im gleichnamigen Gästehaus Heistracher, solange dürfen sich die Gäste die Boote freilich auch nach telefonischer Absprache nehmen.
Der Bootsverleih ist ihm praktisch in die Wiege gelegt worden. Die Großeltern starteten mit Ruderbooten, damals war Urlaub auf der Fraueninsel sehr beliebt. In den 60er Jahren entwickelte sich das Thema Elektro-Boote und der Opa stieg sogleich ein in den Markt für Verleih und Ausflüge. Georg stellt die vierte Generation dar.
Dabei war zunächst gar nicht klar, ob er überhaupt einsteigen werde: Nach der Ausbildung zum Bootsbauer bei „Grünäugl“ in Gstadt folgte ein Jahr Bundeswehr. Als er danach wieder zu Hause war, fiel die Entscheidung recht flott. Und nun steht für den 45-Jährigen mit seinem kleinen Enkel womöglich schon die nächste Generation in den Startlöchern.
Georg ist froh, dass es so gekommen ist: Als Dienstleister lebt er vom Tourismus, der sich in seinen Augen in den letzten Jahrzehnten durchaus gewandelt hat: „Früher sind die Leute zwei, drei Wochen geblieben, heute ist es schon außergewöhnlich, wenn die Gäste eine Woche bleiben. Der Trend geht hin zum verlängerten Wochenende, da wird das Wetter beobachtet und spontan von Donnerstag bis Sonntagabend eine Auszeit genommen. Diese Stichtage merken wir auch am Bootsverleih.“
Konkurrenzdenken am Chiemsee? Fehlanzeige!
Seine Kollegen rund ums Chiemseeufer sehe er mitnichten als Konkurrenz - im Gegenteil: Man hilft einander und unterstützt, wo es geht. Er sieht das Ganze als Miteinander, denn nur so gelinge es, die Menschen fürs Bootfahren zu begeistern. Daher nutzt er auch gezielt die Social Media Plattform Instagram, um den Leuten nahezubringen, was an dem Job alles dranhängt.
Georg macht es Spaß, seinen Gästen eine Freude zu bereiten. „Das hier ist was Besonderes, das Wasser macht was mit dir. Den Alltag vergessen und Hektik und Stress hinter sich lassen, der Organismus fährt herunter, auf dem Wasser gibt es keine Spannungen oder hitzige Diskussionen. Da sind nur Abenteuer, Erlebnis und die Spuren der Elemente.“
Er könne nur jedem raten - egal ob von weiter weg oder aus der Gegend - sich auf ein paar Stunden auf dem Chiemsee einzulassen: „Es ist genial - und der See verzaubert uns.“
Bei Sturmwarnung sofort ans Ufer
Der Chiemsee male ein Bild, das sich permanent ändere, in dem Bewegung drin sei - vor allem, wenn ein Gewitter kommt. Dann aber müssen alle Boote flugs in ihre Anlegestellen zurück, gemäß der leuchtenden Sturmwarnung als Allgemeinwarnung für alle.
Außerdem müssen sich alle Bootslenker an die bayerische Schifffahrtsverordnung halten: Die regelt den Verkehr auf dem Wasser und besagt unter anderem, dass die großen Kursschiffe und Dampfer grundsätzlich Vorfahrt haben. Elektro-Boot-Fahrer haben eine Ausweichpflicht, weil sie mobiler sind als ein SUP oder ein Segler.
Georg empfiehlt, Proviant und Getränke für den Ausflug auf dem See einzupacken. Was er jedoch nicht gerne sieht, ist, wenn eine Gruppe Jugendlicher mit einem Kasten Bier aufkreuzt: „Das kann wirklich böse enden - und keiner will in Seenot geraten.“
Was die Chiemseeansässigen überdies fürchten, ist Hochwasser. Anfang Juni sei es durch die Unwetterlage brenzlig geworden - man sei jedoch mit einem blauen Auge davongekommen. Lediglich mussten die Boote ausgepumpt werden, einige Stege waren überflutet.
2013 seien sie indes „knapp vor einer Katastrophe“ gestanden und auch beim Jahrhunderthochwasser 1954 hätte kein Wind aufkommen dürfen, sonst hätten die aufschlagenden Wellen wohl einiges angerichtet.
Als gelernter Bootsbauer tut sich Georg leicht in der Winterarbeit, wenn die Boote in der Werft repariert, instand gesetzt, die Batterien überprüft werden, frischen Polsterbezug und einen neuen Anstrich erhalten. Dann geht es auch für ihn in den Urlaub - am liebsten in europäischen Ländern, nur wenige Flugstunden entfernt. „Im November in Mallorca, abseits des Tourismus und noch angenehme Temperaturen - ein Traum.“
Und doch freut er sich jedes Mal wieder narrisch auf Daheim: „Das Schöne, wenn man wieder hier herkommt: Man sieht nochmal genauer, wie schön wir es hier haben: Eine kleine Oase im Chiemgau. Der dreht man nicht einfach so den Rücken zu. Jeder, der auswandert, ist schön blöd.“
mb

