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Kolbermoors speziellster Straßenname

Glückssträhne in der Glückstraße? Zwei 90-Jährige erzählen, wie es wirklich war

Wie viel Glück haben Menschen, die in der Kolbermoorer Glücksstraße leben oder arbeiten? Franz Leithner (links) und Leonore Baier blicken auf 90 Jahre zurück.
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Wie viel Glück haben Menschen, die in der Kolbermoorer Glückstraße leben oder arbeiten? Franz Leithner (links) und Leonore Baier blicken auf 90 Jahre zurück.

Glück und Unglück liegen auch an der Glückstraße in Kolbermoor ganz nah beieinander. Leonore Baier wurde hier vor 90 Jahren geboren. Franz Leithner hat hier viele Jahre gearbeitet. Wie sie auf ihr Leben zurückblicken.

Kolbermoor – „Das sind die drei Glückshäuser – das Wendlinger, das Karpfinger und das Leitner-Haus.“ Leonore Baier und Franz Leithner schmunzeln, als sie das alte Foto sehen. Sie haben ihr ganzes Leben oder zumindest viele Jahre davon in der Glückstraße verbracht, kennen ihre Geschichte und die Schicksale ihrer Menschen. Stefan Reischl, der ehrenamtliche Leiter des Kolbermoorer Heimat- und Industriemuseums, hat an diesem Tag historische Fotos und Pläne mitgebracht, um gemeinsam mit den beiden 90-Jährigen an die Ursprünge dieser Straße und damit an ein kurioses Kapitel in der 160-jährigen Geschichte Kolbermoors zu erinnern.

Die drei Glückshäuser „vom Wendlinger, Karpfinger und Leitner“ einst und heute. Doch was hat es mit Glück in der Glücksstraße auf sich?

Eine der ältesten Straßen Kolbermoors

Die Glückstraße entstand schon 1865 – also zwei Jahre nach der Ortsgründung von Kolbermoor. Die historischen, noch handgezeichneten Pläne zeigen, wie viele Gebäude es damals schon gegeben hat. Drei davon waren die Häuser „vom Wendlinger, Karpfinger und Leitner“, wie die Einheimischen sie nennen. Und genau diese drei Kolbermoorer waren es, um die sich eine besondere „G‘schicht“ rankt. Sie retteten in jenen Jahren ihr Vermögen vor der „Spitzederin“, einer Betrügerin. Weil ihnen das gelang, wurde das „Spitzedergassl“ 1881 schließlich in „Glückstraße“ umbenannt.

Dieser historische, handgezeichnete Plan zeigt den Ortskern Kolbermoors im Jahr 1865. Auch die Glückstraße ist darauf zu sehen – direkt links des Himmelsrichtungszeichens „N“ für Norden.

Doch wie viel Glück haben Menschen wirklich, die in der Glückstraße leben? Leonore Baier ist die älteste Bewohnerin. Sie wurde am 24. Dezember 1933 als zweites Kind von Theresa und Josef Tischner hier geboren und ist ein Leben lang geblieben: Erst als Tochter, dann als Ehefrau und nun als Großmutter, denn heute lebt sie mit ihrem Enkel in der einstigen Schreinerei ihrer Familie. „Glück?“, fragt sie sich und antwortet schließlich: „Nun, zumindest hatte ich kein Unglück.“

Familie hat 1901 ihr Haus in der Glückstraße gebaut

„Mein Großvater hat das Haus 1901 erbaut“, erzählt die Fast-90-Jährige. Ihr Großvater, Vater und Bruder führten hier die Schreinerei Tischner, an die sich viele Kolbermoorer bis heute noch gut erinnern. „Doch einfach war es nicht“, erinnert sich Leonore. 1939, als sie ihren Schulanfang feierten, blieben der Familie noch acht glückliche Tage. Dann wurde ihr Vater Josef zur Wehrmacht eingezogen. „Er wollte keine Waffen tragen, wurde als Sanitäter einberufen. So bin ich ohne Vater aufgewachsen, habe als Kind aber trotzdem eine schöne Zeit erlebt.“ Die schönsten Erinnerungen verbindet sie mit den Theaterstücken, die sie mit den Schulfreunden in der Werkstatt spielten. Fotos aus jener Zeit hat sie nicht, denn „es war doch Krieg.“

„Lizenz für Särge“ bringt Familie durch die Not

Ihre Mutter Theresia steht dem Großvater in der Schreinerei zur Seite. Gleichzeitig hilft sie der Großmutter im Lebensmittelladen an der Kirche. Zum Glück hatte die Schreinerei in Kolbermoor die Lizenz für Särge. „Kein anderer durfte sie herstellen, nur wir.“ Das bringt die Familie durch die größte Not. 1942 stirbt der Großvater. Der Vater ist im Krieg. Also führt die Mutter mit Leonores Bruder Albert – damals 16 Jahre alt – das Geschäft weiter.

Dramatische Erinnerungen

„Als die Münchener vor den Bomben aufs Land flüchteten, kam meine Tante Berta mit ihrem Kind zu uns und half mit“, berichtet Leonore von dramatischen Momenten: „Das Holz wurde über Gutscheine zugeteilt. Irgendwann war die Not so groß, dass der Kolbermoorer Ortsgruppenleiter befahl, die Toten einfach ohne Sarg einzubuddeln. Meine Tante muss ihm vor Empörung ins Gesicht gesagt haben, dass er dann hoffentlich der Nächste sei.“

Bürgermeister Josef Fleischmann und Pfarrer Josef Birnkammer waren es, die Berta Elsland vor dem KZ Dachau retteten. „Es war eine schlimme Zeit“, erinnert sich ihre inzwischen 89-jährige Nichte und schüttelt gedankenversunken mit dem Kopf.

Im „Servus Füglein“ werden Erinnerungen wach: (von links) Stefan Reischl hat historische Unterlagen aus dem Heimatmuseum mitgebracht, die bei Franz Leithner und Leonore Baier längst vergangene Tage aufleben lassen.

Nächtelang vor Sorgen geweint

Ihr Bruder wird 1945 mit 19 Jahren noch an die Front eingezogen. „Nach Berlin, dorthin, wo die letzten, erbitterten Kämpfe tobten“, beschreibt sie die Ängste der Familie. „Meine Mutter hat nachts vor Sorgen geweint.“ Doch Albert hatte Glück. Er sei in Mecklenburg-Vorpommern länger in Kriegsgefangenschaft als im Krieg gewesen, erzählt sein Freund Franz Leithner. Er erinnert sich noch genau daran, wie Albert in seiner Fallschirmjäger-Montur nach Kolbermoor zurückkehrte. Seitdem arbeiteten die beiden Männer gemeinsam in der Schreinerei. „44 Jahre und vier Monate lang“, weiß er fast auf den Tag genau.

Vater kehrt erst 1953 zurück

Viele Jahren hört die Familie Tischner nichts vom Vater. Auch nach Kriegsende 1945 kehrt er nicht heim. „Wir wussten nicht, ob er überhaupt noch lebt“, sagt seine Tochter. Erst acht Jahre später (1953) kommt Josef Tischner aus russischer Kriegsgefangenschaft in Sibirien zurück. „Er war nicht mehr der Mensch, der er einmal war. Er war ein gebrochener Mann, mit erfrorenen Zehen. Er kam zurück mit einer verwundeten Seele und seinen Erinnerungen an sechs Jahre als Sanitäter an vorderster Kampflinie und an unendliches Leid“, macht die Tochter klar. Auch er hat in Kolbermoor Spuren hinterlassen: „Kaum einer weiß, dass mein Vater Josef Tischner das Kolbermoorer Wappen entworfen hat“, ist Leonore stolz auf ihn.

In der einstigen Schreinerei Tischner in der Glücksstraße lebt (von links) Leonore Baier seit 90 Jahren. Mit Stefan Reischl ging sie jüngst auf eine Reise in die Geschichte der Straße, in der Franz Leithner viele Jahre lang gearbeitet hat.

Vom Schreiner zum Schankanlagenbauer

Franz Leithner verbindet mit der Schreinerei Tischner in der Glückstraße fast 45 gemeinsame Jahre. Er ist als Schreiner, Schankanlagenbauer und Kühltechniker am Puls des Unternehmens, prägt dessen Entwicklung aktiv mit. 1949 erfinden sie mit dem ersten „Eisschrank Lilliput“ ein original Kolbermoorer Produkt. „Das Holz für den Schrank kam von der Schreinerei Tischner. Der Eisschrank war mit Blech von der Spenglerei Wohlrab ausgeschlagen und wurde mit Stangeneis gekühlt“, beschreibt Museumsleiter Stefan Reischl den ersten Kühlschrank, der damals in seinem Familienunternehmen „Mittendorfer Haushaltswaren“ angeboten wurde.

Die Glückstraße entwickelt sich zu einem wahren Handwerkerviertel: „Hier gab es Hutmacher, Schneider, Schrotthändler, Schäffler, Schreiner, eine Radwerkstatt und zwei Gastwirte“, zählen die beiden 90er auf. Die Jahrzehnte überdauert haben mit dem Geschäft „Mittendorfer Haushaltswaren“ und der Wirtschaft „Servus Füglein“ nur zwei.

Die vergilbten Fotos zeigen die Familie Wagner und ihre einstige Schäfflerei sowie das heutige Gebäude in der Glückstraße.

Was bedeutet Glück für einen Menschen?

Mit seinen fast 90 Jahren erinnert sich Franz Leithner noch an jede Zeichnung, jedes Detail und jeden Namen aus seinen Berufsjahren, vor allem aber an jede Anekdote: An die kleine Brauerei, in der sie die Eisschränke reparierten und auf die zündende Idee kamen, sie „in klein“ einfach nachzubauen. An die Kühlschränke, die erst mit Stangeneis und dann mit Strom funktionieren. An die viele Handarbeit, die in jedem Produkt ihrer Schreinerei steckte. Wie sie das Blech per Hand gebogen und geklopft haben. Wie sie Kühltheken und Gaststätteneinrichtungen entwickelten. Wie die Werkstatt aus der Glück- in die Karolinenstraße umzog. „Ich hatte Glück, denn ich habe eine schöne Arbeit erwischt“, sagt er auf die Frage nach seinem Glück im Leben.

Franz überlebt einen Arbeitsunfall

Doch ein anderes war noch weitaus größer: seine Frau Lydia und ihre gemeinsamen Jahre im Häuschen an der Rudolf-Hausblas-Straße. Sieben Kinder hat Franz mit ihr großgezogen, Musi gemacht, sich als Theaterer bei den „Mangfalltalern“ engagiert und immer ehrenamtlich im Siedlungsverein geholfen. „Mehr Glück als Verstand“ allerdings hatte er bei einem Arbeitsunfall: Bei der Reparatur einer Schock-Gefrieranlage bekam er einen Stromschlag. Er hat ihn überlebt. Am 24. November wird er 90 Jahre alt.

Ein Leben für die Familie

Leonore ist nie aus der Glückstraße weggegangen. Eigentlich wäre sie gern Kindergärtnerin geworden, doch das Leben hatte andere Pläne: Sie pflegte ihre Großeltern und Eltern, musste nach dem frühen Tod der Mutter den Haushalt für Vater und Bruder übernehmen. „Erst mit 26 Jahren habe ich meinen ersten Lohn bekommen“, erinnert sie sich an die kargen Jahre. Ihr großes Glück wartete spät auf sie: Berthold, ihr Mann. „Er war ein Kriegsflüchtling aus Böhmen. Wir waren beide arm, haben uns mühevoll alles aufgebaut und im Haus an der Glückstraße alles selbst gemacht“, erzählt sie.

Die Glückstraße hält, was sie verspricht: Leonore Baier (rechts) und Franz Leithner blicken auf ein langes, ereignisreiches Leben zurück und wissen auch im hohen Alter ihre Familien an ihrer Seite.

Zwei Kinder haben sie groß gezogen. Sie sind längst ausgeflogen, haben ihren Weg gemacht. Ihr Mann Berthold ist schon vor 14 Jahren von ihr gegangen. Als Singschülerin lebte sie im Chor der Musikschule ihre musikalische Leidenschaft aus. „Bis vor fünf Jahren, da habe ich ein bisschen Asthma bekommen“, erinnert sie sich. Mit fast 90 Jahren erlebt Leonore nun noch einmal eine ganz besondere Freude: Sie ist nicht mehr allein, denn ihr Enkel ist bei ihr eingezogen. Die Glückstraße hält also doch, was sie verspricht.

Aufzeichnungen aus dem Heimatmuseum: Wie aus dem Spitzedergassl die Glückstraße wurde

Straßenbezeichnungen und Hausnummern gibt es in Kolbermoor erst seit 1881. An einem eigens dafür angesetzten Verteilungstag holten sich die damaligen Hausbesitzer gegen Unterschrift die Straßenschilder und Haustaferln ab. Vorher wurden Straßen und Dorfwege von den Altkolbermoorern aufs Geratewohl benannt, so auch die heutige Glückstraße, die an der Ecke von „Servus Füglein“ und „Haushaltswaren Mittendorfer“ von der Rosenheimer Straße nach Norden abzweigt. Früher führte sie zum Winkelblechwirt, aber den gibt es schon lange nicht mehr.

Entstanden ist die Straße schon kurz nach der Gründung Kolbermoors im Jahre 1863. Damals wurde die Straße „Spitzedergassl“ genannt, und das hatte seine Gründe.  Hier wohnten drei Kolbermoorer, die bei der Dachauer Bank der Adele Spitzeder in München ihr Geld angelegt hatten. Das Problem war, dass Frau Spitzeder keine Bankerin, sondern eine gerissene Wiener Schauspielerin war. Durch eine eigene Darlehensaufnahme ermutigt, machte sie eine Bank auf und versprach den Anliegern höchste Zinsen.

Anfangs bezahlte sie diese auch. „Das funktionierte wie ein Schneeballprinzip“, erläutert Stefan Reischl, der Leiter des Heimatmuseums. „Solange die Leute einzahlten, konnte die Spitzederin von deren Geld anderen die vermeintlichen Zinsen zahlen.“ Das sprach sich herum. Und so brachten viele Menschen ihr ganzes Geld zur Dachauer Bank, sodass dort förmlich eine Geldschwemme entstand, obwohl das Geld nicht gewinnbringend angelegt wurde und auch keinerlei Buchungen erfolgten.

Auch drei Kolbermoorer hatten der Spitzederin ihr Geld anvertraut. Darunter Susanna Weber. Sie hatte nach einem Unfall in der Presstorf-Fabrik eine Entschädigung erhalten und diese bei der Dachauer Bank angelegt. Als das Gerücht aufkam, dass dort wohl nicht alles mit rechten Dingen zugehe, erfuhr auch der „alte Weber“ – Susannas Bruder – davon. Er drängte seine Schwester dazu, ihre Einlagen zurückzufordern. Er war hartnäckig. Susanna holte sich ihr Geld von der Spitzederin zurück und baute damit das „Schrankhäusl“ an der Spitzedergasse 5. Auch die anderen zwei Kolbermoorer fuhren nach München und forderten ihr Geld zurück. Wie sich kurz darauf herausstellte, hatten sie unglaubliches Glück: Der Schwindel der Adele Spitzeder war aufgeflogen. Die Bank brach zusammen und die Gelder vieler Anleger waren verloren. Die Kolbermoorer aber hatten ihr Geld sozusagen „Fünf vor Zwölf“ gerettet. Seitdem heißt das „Spitzedergassl“ Glückstraße.

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