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Gedenkminute und Mahnwache

Für Eman E. und alle anderen Verstummten: Frauen erheben in Bad Aibling Stimme gegen Gewalt

Mit Kerzen, Bannern und einer Schweigeminute gedachten Menschen am Bad Aiblinger Marienplatz der getöteten Eman E. und hielten eine Mahnwache gegen Gewalt an Frauen ab.
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Mit Kerzen, Bannern und einer Schweigeminute gedachten Menschen am Bad Aiblinger Marienplatz der getöteten Eman E. (rechts unten) und hielten eine Mahnwache gegen Gewalt an Frauen und FLINTA* ab.

„Für alle, die selbst nicht mehr reden können, stehen wir heute hier.“ Die Teilnehmer an einer Mahnwache am Montag (30. Juni) am Bad Aiblinger Marienplatz wollten aufrütteln: Gegen Gewalt gegen Frauen, gegen Tötungsdelikte wie jüngst im Fall von Eman E. aus Bad Aibling, gegen Femizide.

Bad Aibling – Die Triggerwarnung, das Thema der Mahnwache am Montagabend in Bad Aibling könne belastend sein, setzte Organisatorin Carlotta Wittenberg bewusst an den Beginn ihrer Rede am Marienplatz. Und man konnte spüren, dass eine Reihe der Versammelten wussten, weshalb. Aufmerksam zu machen auf „Gewalt gegen Frauen und FLINTA* Personen bis hin zum Femizid“ – darum ging es der Rosenheimerin und ihren Mitstreiterinnen, die zum großen Teil aus Rosenheim mit dem Fahrrad nach Bad Aibling gekommen waren. (FLINTA* steht für Frauen, Lesben, InterPersonen, Nicht-binärePersonen, TransPersonen und AgenderPersonen, das Sternchen für weitere Geschlechteridentitäten, Anm. d. Red.)

„Ich habe sie durch einen Femizid verloren“

Carlotta Wittenberg selbst waren die Emotionen anzumerken, sprach sie doch selbst erstmals offen vor einer größeren Menge über eigene Gewalterfahrungen und den schrecklichen Verlust einer Freundin – „eines der empathischsten und gutmütigsten Menschen, die ich je kennengelernt habe“ und die sich im Gegensatz zu ihr nicht aus dem Horror befreien konnte: „Ich habe sie durch einen Femizid verloren.“ Bis heute berühre es sie tief, wie unterschiedlich ihrer beider Wege verlaufen seien und wie sehr Entscheidungen, die man unter Angst und Druck treffe, Leben prägen oder beenden könnten.

Ein Teil der Radtour- und Mahnwachen-Teilnehmer: Sie hatten eine klare Botschaft mit nach Bad Aibling auf den Marienplatz gebracht.

Damit erinnerte sie an den Tod von Eman E. in Bad Aibling: „Nun durchlebt ihr Umfeld diese ersten schweren Schritte nach einer Tat, die alles erschüttert. Ich erinnere mich, wie schwer es ist, überhaupt zu begreifen, was passiert ist. Wie lange es dauert, einen halbwegs normalen Alltag wiederzufinden. Wie viel schwerer muss es für die Kinder sein, wenn Menschen im direkten Umfeld plötzlich Verantwortung tragen inmitten von Schock, Schmerz und Sprachlosigkeit.“

Die Pyramide der Gewalt

„Gewalt beginnt nicht erst mit einem Angriff oder einer Tötung“, ist es Carlotta Wittenberg wichtig zu betonen. „Die sogenannte Gewaltpyramide macht deutlich: Oben stehen Mord, sexualisierte Gewalt, körperliche Übergriffe. Aber die Grundlage bilden Alltagssexismus, Catcalling, stereotype Rollenbilder, ,Witze‘ auf Kosten von FLINTA*, Victim Blaming, das Kleinreden von Erfahrungen.“ Deshalb plädiere sie dafür, nicht mehr über sexistische Sprüche zu lachen. Zu widersprechen – auch wenn es unbequem ist. „Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir immer wieder diese Themen in den öffentlichen Raum bringen. Denn wenn wir hier nicht klar sind, bleibt die Spitze der Gewaltpyramide bestehen.“

„Femizide hinterlassen nicht nur Lücken, sie reißen ganze Leben auseinander“, weiß nicht nur Wittenberg aus Erfahrung. Im Fall von Eman E. betonten sie und auch alle folgenden Rednerinnen, liefen die Ermittlungen noch, es gebe noch keine Ergebnisse und kein Urteil, ebenso wenig könne gesichert gesagt werden, dass es sich um einen Femizid gehandelt habe. Fest stehe jedoch, dass die 36-jährige Mutter dreier Kinder gewaltsam ums Leben gekommen und ihr Mann unter dringendem Tatverdacht festgenommen worden sei.

„Feige im Unterholz beseitigt“

„Die junge Frau wurde in das Waldstück zwischen Thann und Ellmosen verfrachtet und wie Abfall feige im Unterholz beseitigt“, sagte Anna Maria Kirsch, eine der Rednerinnen, sichtlich betroffen. „Wie viel Leid mussten Eman E. und ihre drei Kinder ertragen, bis sich die Gewalt steigerte und in Emans Tötung gipfelte? Für viele von uns ist Gewalt gegen Frauen abstrakt, hier wurde sie grausame Realität.“

Die Mahnwachen-Teilnehmer zündeten Gedenkkerzen für die Opfer von Gewalt an.

Eine weitere Rednerin hatte Zahlen dazu mitgebracht: „In Deutschland wurden im vergangenen Jahr 988 Frauen und Mädchen Opfer häuslicher Gewalt. 360 – das ist fast ein Femizid pro Tag – wurden getötet. Alle drei Minuten geschieht in Deutschland ein Ausbruch häuslicher Gewalt. Das, liebe Freundinnen, ist die grausame und traumatische Realität für viele von uns.“ Im Landkreis Rosenheim seien im Jahr 2023 die Fälle häuslicher Gewalt um etwa 20 Prozent gestiegen. 243 Fälle hätten sich in einer Partnerschaft ereignet.

„Gewalt an Frauen findet meist daheim statt. Daheim, wo keiner hinschaut. Daheim, wo Schutz, Vertrauen und Sicherheit das Dach bilden sollten. Daheim, wo am Ende Angst und Schmerz und Scham im Verborgenen wachsen. Männer mit einem kleinen Ego, die glauben, Gewalt sei ein Mittel zur Macht. Männer, die ihre eigene Unsicherheit überspielen müssen.“ Die Dunkelziffer sei unbekannt, weil „sich Betroffene aus Scham und Angst oftmals nicht an die Polizei wenden“.

Nach und nach fanden sich zur Gedenkminute und der Mahnwache mit Beiträgen mehrerer Rednerinnen weitere Zuhörer auf dem Marienplatz ein. Am Ende waren es knapp 40.

Hervorgehoben wurde von mehreren Teilnehmerinnen ein Gesetzesentwurf des Bundesjustizministeriums, der sich mit häuslicher Gewalt auseinandersetzt. Darin vorgesehen sei unter anderem eine elektronische Fußfessel für Gewalttäter. In Kombination damit sollen betroffene Frauen die Möglichkeit bekommen, ein Armband zu tragen, das ihnen mitteilt, wenn sich ein Täter ihnen unerlaubterweise nähert. „Vorbild dafür ist Spanien. Hier wird dieses Fußfesselmodell seit 2009 verwendet. Seitdem gab es in keinem der Fälle, in denen es eingesetzt wurde, einen Femizid“, berichteten Frauen am Mikrofon.

Gemeinsam gedachte man der zahlreichen Frauen, die Opfer von Gewalt wurden.

Gefordert wurde auch ein anderer Umgang in der Sprache: „Sie nennen es Familiendrama, sprechen von Einzelfällen. Sie zählen nicht einmal ordentlich, wie viele es wirklich sind“, war von einer Teilnehmerin zu hören. „Aber wir zählen und wir erinnern und wir klagen an. Denn diese Gewalt fällt nicht vom Himmel. Sie beginnt nicht erst beim Mord. Sie beginnt bei Abhängigkeit, bei ökonomischer Ungleichheit, bei der Angst, dass das Geld nicht reicht, wenn man sich trennt und man keine neue Wohnung findet. Und wo Gleichheit schwindet, da wächst die Gewalt.“

Nach der Entdeckung getöteten Eman E. durchkämmte eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei am 26. Juni den Wald rechts der Landstraße (RO29) zwischen Ellmosen und Thann.

Gewalt gegen Frauen müsse als strukturelles Problem anerkannt werden, lautete eine der Forderungen. Und: „Femizide gehören ins Strafgesetzbuch. Und zwar gehören sie so benannt, mit eigenem Namen. Frauenhäuser müssen ausgebaut und zuverlässig finanziert werden“, lauteten weitere. Doch sprach man sich auch Mut zu: „Wir sind nicht hilflos. Wir können hinsehen, hinhören, einschreiten und helfen. Wir können wählen, protestieren und fordern. Wir können den Opfern nicht ihr Leben zurückgeben. Aber wir können dafür sorgen, dass ihre Geschichten nicht verschwinden.“ Zusammenarbeiten und Zusammenhalten sei gefragt – „egal ob deutsch oder nicht, Frau oder nicht, um gemeinsam die Strukturen zu verändern und eine Zukunft zu schaffen, in der Frauen sicher sind“.

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