Kolbermoorerin war 40 Jahre im Beruf
Zwischen Stuhlkreis und Nazi-Beleidigung: Bärbel Stöcker (66) über den Wandel des Kita-Alltags
Auch wenn es aus ihrer Sicht einige Hürden gibt, die die Ausübung des Berufs schwierig machen: Bärbel Stöcker (66) aus Kolbermoor, die über 40 Jahre im Bereich der Kindererziehung gearbeitet hat, würde diesen Weg wieder einschlagen. Ein Gespräch über Wünsche, Rahmenbedingungen und schwierige Eltern.
Kolbermoor – Das Elternhaus bei der Erziehung unterstützen, die individuellen Fähigkeiten der Kinder fördern und durch die Gemeinschaft in der Gruppe soziale Kompetenzen entstehen lassen: Kitas können viel mehr sein, als nur ein sicherer „Aufbewahrungsort“ für den Nachwuchs.
Das weiß auch Bärbel Stöcker (66) aus Kolbermoor, die mehr als 40 Jahre lang in Niedersachsen im Bereich der Kindererziehung gearbeitet hat und 20 Jahre davon eine Kindertagesstätte mit 200 Kindern, in der Krippe, Kindergarten und Ganztagsschule vereint waren, geleitet hat. Im OVB-Interview erklärt sie, wieso aus ihrer Sicht die aktuelle Personalnot nichts mit den Verdienstmöglichkeiten zu tun hat, wie die Ausbildung attraktiver gemacht werden könnte und wie sich das Verhalten zahlreicher Eltern seit der Corona-Pandemie verändert hat.
Sie haben mehr als 40 Jahre im Bereich der Kinderbetreuung gearbeitet, alleine 20 Jahre davon eine Kindertagesstätte mit insgesamt 200 Kindern in Krippe, Kindergarten und Ganztagsschule in Niedersachsen geleitet. Wie hat sich denn der Kita-Alltag in den vier Jahrzehnten verändert?
Bärbel Stöcker: Was die Personalausstattung der Kitas anbelangt, leider nicht viel. Es sind immer noch zu wenige Fachkräfte für zu viele Kinder in einer Gruppe. Was vor allem seit Corona ein noch größeres Problem ist: Denn seit der Pandemie haben die Fehlzeiten massiv zugenommen. In den letzten Monaten vor meinem Ausscheiden habe ich jeden Tag sorgenvoll den Anrufbeantworter abgehört um zu erfahren, wie viele sich krankgemeldet haben. Da ging es dann letztlich fast ausschließlich darum, irgendwie die Löcher zu stopfen, um den Betrieb aufrecht zu erhalten.
Haben sich denn während Ihres langen Berufslebens auch die Kinder verändert?
Stöcker: Die Kinder eigentlich weniger. Sie sind natürlich medial stärker geworden und spielen jetzt auch anders. Letztlich hat sich, durch die Bedürfnisse und das breite Angebot, die Art des Spielens verändert. Das hat aber natürlich auch mit den Eltern zu tun, die ihre Kinder medial auch ganz anders aufwachsen lassen. Was allerdings wirklich ein Problem geworden ist, das ich auch seit Corona immer mehr wahrgenommen habe, ist das Anspruchsdenken vieler Eltern: Die standen plötzlich da, wollten Musikunterricht für ihre Kinder oder viel mehr Ausflüge, was wir aber letztlich gar nicht leisten können und teilweise auch nicht durften. Auch die Zeit während der Pandemie ist mir da noch gut im Gedächtnis. Als Corona kam, standen die ersten Eltern vor mir und habe gedroht, dass sie beim Rechtsanwalt anrufen, wenn sie keinen Notplatz für ihr Kind bekommen. Da bin ich wirklich von Eltern bedroht worden – das hat mich schon sehr umgetrieben.
Das Verhalten der Kinder hat sich also nicht geändert, das der Eltern schon. Ist das aus Ihrer Sicht ein gesellschaftliches Problem?
Stöcker: Ja, schon auch. Aber es hat natürlich alles auch damit zu tun, wie man selbst von den Eltern erzogen worden ist. Ich wollte als Mutter ja auch das Beste für mein Kind. Die Frage ist halt, wie man das Beste durchsetzt. Und in einer Gemeinschaft muss man halt verstehen, dass eine Mitarbeiterin einer Kita oder eine Kindergartenleiterin auf viele Kinder schauen muss, und nicht nur auf ein Kind. Ein Beispiel: Eines Tages stand ein selbstständiger Vater aus der Ukraine vor mir, der sein Kind abholen wollte, obwohl keine Abholzeit und nichts vereinbart war. Als ich zu ihm sagte, dass das jetzt nicht geht, hat er mich als Nazi beschimpft. Viele pädagogische Fachkräfte haben ähnliche Erfahrungen gemacht – und haben mittlerweile auf so etwas keine Lust mehr. Deshalb hat in vielen Kitas auch eine Massenflucht des Personals eingesetzt.
Also hat der Personalmangel in Ihren Augen gar nichts mit den Rahmenbedingungen wie beispielsweise dem Verdienst zu tun?
Stöcker: Nein, die Bezahlung ist mittlerweile alles andere als schlecht. In Niedersachsen ist der Verdienst ja beispielsweise am Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes angelehnt, auch bei den kirchlichen Einrichtungen. Ich würde sogar so weit gehen und sagen: Wir haben da gut verdient. Nur in der Ausbildung ist das wirklich ein riesiges Problem.
Inwiefern?
Stöcker: Weil jemand, der sich dafür entscheidet, in diesem Bereich eine Ausbildung zu machen, die ersten Jahre gar nichts verdient. Es gibt weder Bafög noch sonst irgendeine finanzielle Unterstützung. Niedersachsen hat das Problem mittlerweile erkannt: Dort können die Einrichtungen die zukünftigen Fachkräfte in Teilzeit anstellen, zur Schule gehen sie dann auch nur in Teilzeit. Dann sind die schon mal gleichgestellt mit den Sozialassistentinnen und Kinderpflegerinnen.
Wie hoch ist denn grundsätzlich das Ansehen Ihres Berufs in der Gesellschaft?
Stöcker: Das ist schon schwierig, weil jeder immer denkt: Wer Kinder hat, kann auch mit Kindern arbeiten. Aber das ist bei Weitem nicht so. Man muss bei jedem erst einmal schauen, was er denn für ein pädagogisches Feeling hat. Denn dieses Gefühl dafür zu haben, was pädagogisch wichtig ist und welche Auswirkungen unser Reden und Handeln auf die Entwicklung des Kindes haben kann, ist unverzichtbar für diesen Beruf.
Hinzu kommt ja auch noch eine psychische Belastung durch Einblicke in andere Familien, die einige pädagogische Fachkräfte vielleicht nicht mehr so leicht aus dem Kopf bekommen, oder?
Stöcker: Viele meiner Gruppenkolleginnen waren schon sehr belastet. Daher haben wir bei uns auch regelmäßige Supervisionen eingeführt. Zudem gibt es ganz viele beratende Fachstellen, die wir nutzen können. Auch seitens der Kita-Leitung ist es daher wichtig, immer zu schauen, wie es den Mitarbeitern geht. Das liegt schließlich in deren Verantwortung. Wenn ich gesehen habe, dass es einer Mitarbeiterin nicht gut geht, habe ich gesagt: „Jetzt geh‘ besser nach Hause und komm‘ morgen wieder oder lass‘ Dich krankschreiben.“ Beim Thema Krankheit war ich sowieso immer rigoros: Denn wenn wir den Eltern nicht erlauben, dass sie ihre kranken Kinder in die Kita bringen dürfen, geht das bei den Mitarbeitern natürlich auch nicht. Notfalls habe ich dann auch Gruppen geschlossen, was natürlich die Eltern nicht lustig fanden. Aber ich war auch letztlich nicht dafür da, die Ansprüche der Eltern zu erfüllen. Sondern meine Aufgabe war, dass es an erster Stelle den Kindern und an zweiter Stelle meinen Mitarbeitern gut geht.
Bei Schulen gibt es aufgrund des Föderalismus ja große Unterschiede zwischen den Bundesländern. Wie sieht es denn bei Kitas aus, nachdem Ihre Enkel hier leben und Einrichtungen in der Region besucht haben?
Stöcker: Was ich beobachtet habe ist, dass es hier viel weniger religiöse Kindergärten gibt, als ich es aus Niedersachsen kenne. Bei uns waren evangelische und katholische Kindergärten noch viel mehr verbreitet und in denen durften lange Zeit ja auch nur Menschen eingestellt werden, die einer bestimmten Konfession angehören. Dadurch sind die Kinder viel weniger mit anderen Kulturen in Berührung gekommen. Da finde ich diese Vielfalt hier in Bayern schon gut. Was in Niedersachsen auch nicht möglich wäre: Den Bau einer Kita mit mehr als sieben Gruppen, wie er jetzt beispielsweise auf der Rösnerwiese in Bruckmühl entsteht. Das hätten Landesschulbehörde und Jugendamt niemals genehmigt, vor allem weil man bei Personal dann so viele Freistellungen für die Leitung benötigt.
Mein erster Wunsch wäre, dass Kindertagesstätten endlich zu anerkannten Bildungseinrichtungen werden, die für alle offen stehen und nichts kosten.
Wenn Sie jetzt drei Wünsche für die Zukunft der Kitas äußern dürften, welche wären das?
Stöcker: Mein erster Wunsch wäre, dass Kindertagesstätten endlich zu anerkannten Bildungseinrichtungen werden, die für alle offen stehen und nichts kosten. Das würde bei vielen Familien schon den Druck herausnehmen, dass beide Elternteile Vollzeit arbeiten gehen müssen. Außerdem würde ich mir kleinere Gruppen wünschen: Man muss die 25er-Gruppen nicht auf zehn Kinder reduzieren, aber realistisch und pädagogisch sinnvoll wäre eine Gruppenstärke zwischen 15 und 20 Kindern. Und als Drittes würde ich mir wünschen, dass alle Kolleginnen und Kollegen in den Kitas bereits während der Ausbildung finanziell unterstützt werden, so wie es bei anderen Ausbildungen auch üblich ist. Ich höre jetzt schon wieder den Aufschrei, wie viel Geld das alles kosten würde, aber meiner Meinung nach wäre es nur eine Frage der Verteilung. Wir sind schließlich ein reiches Land, das Geld hat. Die Frage ist immer, für was es ausgegeben wird.
Mit dem Wissen von heute: Würde Sie wieder diesen Berufsweg einschlagen?
Stöcker: Ich würde auf jeden Fall diesen Beruf wieder ergreifen. Allerdings würde ich versuchen, mit meinem Wissen und Know-how noch mehr Einfluss auf die Entscheidungsträger zu gewinnen. Ich finde, wenn es um unsere Kinder geht, müssen selbst die, die schon laut sind, noch lauter werden. Denn die Kinder sind unsere Zukunft.