Matthias Kaufmanns ungewöhnlicher Weg
Vom lieben Gott am Ohr gezogen: So wurde aus „Vettern“-Regisseur der neue Bad Feilnbacher Pfarrer
Er war katholischer Messdiener in Lübeck, führte wilde Regie-Experimente in der Rosenheimer Vetternwirtschaft an, ist promovierter Operndramaturg, wechselte die Religion. Jetzt ist er evangelischer Pfarrer in Bad Aibling/Bad Feilnbach. Dr. Matthias Kaufmann und sein ungewöhnlicher Lebensweg.
Bad Aibling/Bad Feilnbach – Einige Stammgäste der Vetternwirtschaft in Rosenheim kennen ihn noch von ganz früher. Jetzt, nach rund 20 Jahren, ist Matthias Kauffmann wieder zurück in der selbstverwalteten Kultkneipe an der Oberaustraße. Zwischenzeitlich promoviert zum Theaterwissenschaftler und – ja, richtig – frisch ordinierter Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Bad Aibling. Beim Maifest stand der aus Lübeck stammende einstige katholische Messdiener heuer wieder selbst am Zapfhahn. „Dort hat man mir damals ermöglicht, meine Kunst zu machen, heute revanchiere ich mich gerne, indem ich in der Vettern mithelfe“, sagt der 42-Jährige.
Mutter Katholikin, Vater Protestant
Der Glaube und die Kunst waren immer die Konstanten im Leben des Hanseaten, schon im Elternhaus. Die Mutter eine Opernsängerin und „glühende Katholikin, die bis heute täglich mehrere Rosenkränze betet“, der früh verstorbene Vater Protestant, ein richtiger Lutheraner. „Ich war 25 Jahre Katholik, zehn Jahre Messdiener. Das hat mir mit Sicherheit nicht geschadet. Aber dann habe ich die Freiheit der Kunst gesucht. Da geht es mir wie vielleicht vielen, die aus religiöser Sozialisierung kommen: dass auf einmal die Freiheit der Kunst etwas total Faszinierendes ist“, beschreibt er seinen ersten Aufbruch.
Nach einem praktischen Jahr am Hamburger Thalia-Theater studierte Kauffmann in München Theater-, Musik- und Literaturwissenschaften, arbeitete parallel dazu intensiv an der Staatsoper als Regieassistent. Nicht nur dort. Ein Freund hatte ihm die Rosenheimer Vetternwirtschaft empfohlen, falls er „sich ausprobieren“ wolle. Er stieß auf „ganz wunderbare Menschen. Wir haben wilde Sachen gemacht. Wenn man ins OVB-Archiv schaut, sieht man, dass da halbnackte Leute waren, die sich mit Torten bewarfen und das Kunstblut nur so spritzen ließen. Theaterkritikerin Raphaela Hinterberger schrieb einmal sinngemäß, halb augenzwinkernd, ,Ausziehen ist bei denen wohl immer Pflicht‘“, lacht er bei der Erinnerung an diese Zeit.
Krisenerlebnis an der Oper
Doch irgendwann habe er an der Staatsoper sein erstes Krisenerlebnis gehabt: „Als ich gemerkt habe, dass ich als Regieassistent nicht brilliant bin. Das war hart für mich“, gesteht er frei heraus. „Da habe ich noch einmal die Weichen gestellt und in Theaterwissenschaft promoviert – über Operette im Nationalsozialismus.“ Es folgten drei Jahre als Operndramaturg am Berufstheater in Gießen in Mittelhessen.
„Ich war mit großer Freude für Oper und Konzert tätig. Aber schon in meinem zweiten Jahr dort hat mich irgendwie der liebe Gott beim Ohr gezogen. Er hat zu mir gesagt: ,Soll es das schon gewesen sein, Matthias?‘“, schildert Kauffmann den Beginn einer Zäsur. „Ich saß auf einmal da und merkte, jetzt wo ich es geschafft habe, wo ich am Theater bin, macht es mir keinen Spaß mehr. Der Zauber, den ich seit Kindertagen empfand, der ist nicht mehr so zauberhaft, wenn ich da mitarbeite.“
Zudem habe er realisiert, „dass Theater eine Welt für sich ist. Man ist nur noch von Künstlernaturen umgeben. Das Arbeitsleben, das Beziehungsleben, alles findet im Theater statt“. Es entstehe eine Paradoxie. Ein Freund, ein arrivierter Regisseur, sagte zu ihm: „Matthias, wie willst du über das Leben erzählen, wenn du immer nur im Theater sitzt? Das hat mich getroffen, das stimmte.“ Das war der Moment, als er spürte, wie sich Gott einschaltete.
„Ich war ein großer Zweifler“
Der Glaube sei ihm immer geblieben. Aber: „Ich war ein großer Zweifler, ein Skeptiker. Ich musste den Katholizismus meiner Mutter wohl auch irgendwie abschütteln, um erwachsen zu werden. Aus mir ist kein Rosenkranzbeter geworden und deshalb kein Priester, so sehr ich die katholischen Rituale bis heute liebe. Ich bin Ökumeniker durch und durch, und auch ein eucharistischer Mensch im Grunde. Aber ich musste das damals für mich neu entdecken.“
Es sei ein langer Prozess gewesen, aber bereits 2010 war der getaufte Katholik in der Münchner Markuskirche zum evangelischen Glauben konvertiert. „Der dortige Pfarrer Dr. Peter Marinković hatte ein offenes Ohr für mich. Er hat sich mein Ringen angehört, meinen religiösen Zweifel, das ganze Hadern. Vom Glauben bin ich nie abgefallen. Ich habe gemerkt, ich brauche die Freiheit des Christenmenschen. Ich liebe es, dass in der evangelischen Kirche alle, ob Frau, ob Mann, ob ordiniert, Prädikant oder Laienprediger Verkündiger sind. Ich mag das demokratische Element der evangelischen Kirche.“
„Ich sagte: du, Stefan, jetzt sage ich was ganz Verrücktes, bitte, halt mich nicht für völlig übergeschnappt, ich kündige. Ich schreibe mich nochmal ein, erstes Semester Theologie.“
Jahre später saß Kauffmann bei einem Bier mit seinem besten Theaterkumpel auf dem Gießener Rathausplatz. „Ich sagte, du, Stefan, jetzt sage ich was ganz Verrücktes, bitte, halt mich nicht für völlig übergeschnappt, ich kündige. Ich schreibe mich nochmal ein, erstes Semester Theologie.“ Das war 2017, mit Mitte 30.
Theaterfreunde seien auf ihn zugekommen, manche meinten, das klinge nach Mildlife-Krise, er könne doch auch am Theater Seelsorger sein. „Ich sagte, nee, irgendwie zieht es mich nochmal direkt ins Leben hinein. Ich habe jetzt 20 Jahre nur im Theater gelebt. Ich habe auf der Bühne tausend Leichen produziert und stand nie wirklich vor einem toten Menschen. Mittlerweile stehe ich jetzt sehr oft an Totenbetten“, sinniert der 42-Jährige, der den im Jahr 2018 folgenden Schritt nach Neuendettelsau zur Spätberufenenausbildung an der kirchlichen Hochschule der evangelischen Landeskirche nie bereut hat.
Ein „Generalangriff auf das Selbstwertgefühl“
Doch waren es noch einmal vier harte Jahre für ihn. Als „Generalangriff auf das Selbstwertgefühl“ bezeichnete er das, was er erlebte. Nichts von wegen „Ich fühle mich da wie Schüler Pfeiffer in der Feuerzangenbowle, das wird lustig.“ Härteste Arbeit sei das gewesen: „Da sitzt man nach einem Jahr auf diesem Campus im Dorf und denkt sich, du hattest mal einen Beruf, du hattest mal eine Karriere, du warst mal Summa Cum Laude promoviert. Jetzt bist du ein Durchschnittstheologe mit Durchschnittsnoten“, macht er aus seinem Herzen keine Mördergrube.
Auch Gedanken ans Abbrechen habe es gegeben, nicht nur bei ihm. „Dann braucht es Menschen wie Samwise Gamgee aus ,Herr der Ringe‘, der einen auf den Schicksalsberg trägt. Wir haben uns gegenseitig getragen, es war Teamwork im besten Sinne.“ 2022 hatte er das theologische Examen in der Tasche und es schloss sich für ihn ein Kreis: Als Vikar wurde er in die Markuskirche nach München geschickt, in der er konvertiert hatte.
Der Pfarrberuf ist ein Wanderberuf
Und nachdem der Pfarrberuf ein Wanderberuf sei, folgte er dem Ruf seines Herzens und der Empfehlung von Dekanin Dagmar Häfner-Becker, ein Auge auf die frisch fusionierte Gemeinde „Mangfall + Moor“ zu werfen – „eine bunte Team-Pfarrstelle mit Richard Graupner in Großkarolinenfeld, Birgit Molnar in Kolbermoor sowie in Bad Aibling, das von jeher auf zwei Pfarrersstellen ausgelegt ist, Markus Merz, der natürlich weiterhin bleibt, und ich, der ich auch einen Fuß in Bad Feilnbach habe.“
„Zwölf Butterbrezen hatte ich besorgt, auf einmal waren 25 Leute da. Es wurde heftig diskutiert, auch gestritten, ob wir neue Wege gehen oder weitermachen wollen wie bisher. Sehr konstruktiv.“
Die „Kapelle zum Guten Hirten“ hat ihn sofort in den Bann gezogen, sie sei „spirituell sehr aufregend“ und „das schönste unserer Gotteshäuser“. Kauffmann gründete er den „Arbeitskreis“ Bad Feilnbach, lud zum ersten Treffen: „Zwölf Butterbrezen hatte ich besorgt, auf einmal waren 25 Leute da. Es wurde heftig diskutiert, auch gestritten, ob wir neue Wege gehen oder weitermachen wollen wie bisher. Sehr konstruktiv“, freut sich der Seelsorger, der jeden Donnerstagvormittag in der Kapelle anzutreffen ist. Wer da kommen will, findet immer eine offene Tür, es gibt Kaffee. „Wenn keiner kommt, putze ich oder schreibe an meiner Predigt. In jedem Fall bin ich da.“
Auch das Musical stammt aus seiner Feder
Mit Hausmeister Adil, einem Muslim, verbindet ihn bereits eine herzliche Bekanntschaft, hinter der Kapelle hat er das Apfelbäumchen, das er zur Ordination geschenkt bekommen hat, gepflanzt, mit den Konfirmanden studiert er gerade „Karoline – das Musical“ ein. Natürlich von ihm selbst geschrieben. Zur großen Feier der Wiedereröffnung der Karolinenkirche im September, die mit einem ökumenischen Gottesdienst und einem Fest zwischen den Kirchen begangen wird, soll es aufgeführt werden.



