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Ortsbesuch bei Tunnelprojekten am Brenner

Südtiroler knöpfen sich Bayern vor: Mehr Tempo beim Brenner-Nordzulauf – so weit ist der Süden

Der Zugangsstollen (rechts) zum Tunnel ist zwei Kilometer lang. Martin Ausserdorfer (r.) und Heinz Tschigg (l.) sind die Kümmerer für tunnelgeplagte Südtiroler.
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Der Zugangsstollen (rechts) zum Tunnel ist zwei Kilometer lang. Martin Ausserdorfer (r.) und Heinz Tschigg (l.) sind die Kümmerer für tunnelgeplagte Südtiroler.

Rund 2,5 Millionen Lkw wälzen sich jedes Jahr über den Brenner. Mit dem Brennerbasistunnel soll endlich Entlastung kommen. Doch dazu muss der Bahntunnel auch nördlich und südlich weitergeführt werden. In Bayern ist der Nordzulauf durch das Rosenheimer Inntal heiß umstritten – zum Ärger im Süden.

Südtirol/Rosenheim/Inntal – Vorbei an einer Barbara-Figur, der Patronin der Tunnelbauer, führt ein eiserner Steg in den Höllenschlund. Der Steg ist halbhoch an der Wand des Zugangstunnels montiert. Zwei Kilometer geht es rein ins Bergmassiv. Dreck, Beton, Geröll – der Baustellentermin am Südzulauf des Brennerbasistunnels soll zeigen: Hier wird gebaut, und zwar mit Hochdruck.

Südtirol knüpft sich die Bayern vor

Martin Ausserdorfer, Direktor der sogenannten Beobachtungsstelle für das große Brenner-Projekt, knöpft sich die Bayern vor. „Es wird immer behauptet, dass am Südzulauf nichts passiert“, ärgert er sich. „Das stimmt nicht.“ Es gebe keine Ausreden mehr. Südtirol baue den Südzulauf des Brennerbasistunnels – Bayern müsse nun endlich mit dem Nordzulauf beginnen. Das ist seine Botschaft. Man merkt gleich: Die Tonlage verschärft sich. Die Südtiroler sind es leid, die Bayern immer und immer wieder zum Bau des Nordzulaufs aufzufordern, der aus ihrer Sicht dringend ist. Sie schalten um auf Attacke.

Auf den Rosenheimer Landtagsabgeordneten der Freien Wähler, Josef Lausch, sind sie bei der Beobachtungsstelle zum Beispiel gar nicht gut zu sprechen. Lausch hatte 2024 mit einer Delegation die Baustelle besucht. Hinterher schrieb er, das aufgeschüttete Aushubmaterial habe die Umgebung in eine „Mondlandschaft“ verwandelt. Und weiter: „Jedem Befürworter der Neubautrasse des Nordzulaufes empfehle ich, sich selbst ein Bild davon zu machen.“

Kümmerer für tunnelgeplagte Südtiroler: Martin Ausserdorfer (re.) und Heinz Tschigg an der Baustelle.

Im Landtag profiliert sich Lausch seitdem als strikter Gegner des Neubaus. Das Mammutprojekt werde „unser Land und die Bahn schlichtweg überfordern“, warnte er. So was kommt bei Martin Ausserdorfer nicht gut an. „Ich habe ihm eine Mail geschickt“, brummt Ausserdorfer. „Der hat sich schäbig benommen, richtig populistisch.“

Der Brennerbasistunnel und die Anschlüsse

Der Brennerbasistunnel verbindet Innsbruck bis Franzensfeste. 55 km in zwei Röhren sowie einem Rettungsschacht in der Mitte. 200 Tunnelkilometer (87 Prozent) insgesamt sind ausgebrochen, davon 96 der 110 km Haupttunnelröhren, 57 km Erkundungsstollen und 47 km sonstige Tunnel wie Sicherheits- und Logistiktunnel sowie die Querverbindungen.

Der Südzulauf führt von Franzensfeste bis Waidbruck. 22,5 Kilometer lang, unterteilt in Schalderer Tunnel (15,4 km) und Grödner Tunnel (6,3 km). Zwei Röhren im Abstand von 40 Metern. 1,16 Milliarden Euro Kosten, 2032/34 Fertigstellung.

Die Umfahrung Bozen ist ca 10 km lang mit Verbindungsstollen an die Bestandsstrecke bei Branzoll. Die Planungen laufen, noch kein Baubeginn.

Sie haben es langsam satt, die Südtiroler, mit den ewigen Bedenkenträgern aus Bayern. Sie selbst sind ja schon viel weiter. 200 Kilometer (87 Prozent) des Brennerbasistunnels sind ausgebrochen. 2032 – so der aktuelle Stand – ist der Tunnel fertig, 2033 beginnt der Zugverkehr. Dann ist München–Verona in dreieinhalb Stunden möglich.

Mehrere Projekte stehen im Süden an

Doch auch südlich davon wird schon gebaut. Schließlich sollen die vier Gleise, die zwei im neuen Tunnel und die zwei bisherigen oberirdischen der Bestandsstrecke, nicht am südlichen Ende des Brennerbasistunnels bei Franzensfeste in einem Nadelöhr enden. 750 Meter nach dem Südportal des Brennerbasistunnels geht es daher schon wieder in den nächsten Tunnel – so der Plan. Südtirol und Trentino haben sich verpflichtet, auch südlich bis Verona Engstellen zu beseitigen, Gleise zu bauen, Tunnel zu bohren. Mehrere große Projekte stehen an, unter anderem auch eine Güterzugumfahrung von Bozen, die noch in Planung ist, sowie Umfahrungsstrecken im Südtiroler Unterland südlich von Bozen sowie von Trient.

Brenner-Südzulauf: Fotos vom Ortsbesuch auf der Mega-Baustelle bei Franzensfeste (Südtirol)

Brenner-Südzulauf: Ortsbesuch auf der Mega-Baustelle in Südtirol
Brenner-Südzulauf: Ortsbesuch auf der Mega-Baustelle in Südtirol © M. Schlaf
Brenner-Südzulauf: Ortsbesuch auf der Mega-Baustelle in Südtirol
Brenner-Südzulauf: Ortsbesuch auf der Mega-Baustelle in Südtirol © M. Schlaf
Der Tunnelvortrieb erfolgt zum Teil mit Sprengstoff.
Der Tunnelvortrieb erfolgt zum Teil mit Sprengstoff. © BBT SE
Das Südportal des Brennerbasistunnels bei Franzensfeste ist schon gebaut, aber noch verschlossen.
Das Südportal des Brennerbasistunnels bei Franzensfeste ist schon gebaut, aber noch verschlossen. © BBT SE
Chinesische Schriftzeichen an der Tunnelbohrmaschine, hier der Wassertank.
Chinesische Schriftzeichen an der Tunnelbohrmaschine, hier der Wassertank. © M. Schlaf
Diese Brücke (Visualisierung) soll die beiden Tunnel des Südzulaufs verbinden.
Diese Brücke (Visualisierung) soll die beiden Tunnel des Südzulaufs verbinden. © Konsortium Beobachtungsstelle
Reporter Dirk Walter.
Reporter Dirk Walter. © M. Schlaf
Der Brennerbasistunnel besteht aus zwei getrennten Röhren. In der Mitte ist der Fluchttunnel für Notfälle.
Der Brennerbasistunnel besteht aus zwei getrennten Röhren. In der Mitte ist der Fluchttunnel für Notfälle. © BBT SE
Tunnelblick: Der Zugangsstollen zum eigentlichen Tunnel ist zwei Kilometer lang.
Tunnelblick: Der Zugangsstollen zum eigentlichen Tunnel ist zwei Kilometer lang. © M. Schlaf
Kümmerer für tunnelgeplagte Südtiroler: Martin Ausserdorfer (re.) und Heinz Tschigg an der Baustelle.
Kümmerer für tunnelgeplagte Südtiroler: Martin Ausserdorfer (re.) und Heinz Tschigg an der Baustelle.  © M. Schlaf

Am weitesten gediehen ist jedoch der Südzulauf, der von Franzensfeste in zwei unterirdischen Röhren an Brixen vorbei bis nach Waidbruck führen soll. 22,5 Kilometer lang sind die beiden Tunnel zusammengenommen. Mit dem Bau der Tunnel selbst wurde noch nicht begonnen, doch einer der beiden Zufahrtsstollen, zwei Kilometer lang, ist schon gebohrt. Demnächst soll die Tunnelbohrmaschine quasi um die Ecke biegen und mit dem Ausfräsen der Hauptröhre beginnen.

Tunnelbohrmaschinen aus China

Tunnelbohrmaschinen sind Ungetüme. Die für den Südzulauf bei Villnöß ist 140 Meter lang, hat einen Durchmesser von zehn Metern und ist so hoch wie ein dreistöckiges Haus. Bei der traditionellen Andrehfeier im Juni wurde sie auf den Namen „Kathrin“ getauft. Doch sie stammt aus China. Lange war der Hersteller Herrenknecht aus Baden-Württemberg die unbestrittene Nummer 1 der Branche. Das ändert sich gerade – wie auch auf der Baustelle für den Südzulauf zu sehen ist. An der TBM, die sich unweit des Villnößtals in den Berg bohrt, prangen chinesische Schriftzeichen (Foto: Schlaf). Die TBM, erzählt Heinz Tschigg von der Brenner-Beobachtungsstelle, wurde gebraucht in China gekauft. Der Hersteller China Railway Engineering Equipment Group Co., Ltd. ist weltweit tätig – Türkei, Brasilien, Südkorea – und verkaufte seine TBM beispielsweise auch für ein Bahntunnelprojekt auf Sizilien.

Für das gesamte Brenner-Projekt gibt es eine Ombudsstelle, sie nennen sie Beobachtungsstelle. Fünf Mitarbeiter kümmern sich um Bürgeranliegen. Und im Gegensatz zur Deutschen Bahn, die im Rosenheimer Inntal mit einem „Dialogprozess“ und vielen Bürgergesprächen etwas Ähnliches versuchte: Sie agieren unabhängig von der Tunnelbaugesellschaft und der Bahn. Das war eine Auflage des Landes Südtirol – und wahrscheinlich war es ein Glücksfall, dass sie Martin Ausserdorfer (43) gefunden haben.

Er ist nebenamtlicher Bürgermeister von St. Lorenzen im Pustertal und kommt zum Termin eine halbe Stunde zu spät. Es gab mal wieder Stau. Der Brennerbasistunnel, erzählt Ausserdorfer, habe anfangs „keine 20 Prozent“ Zustimmung in der Bevölkerung gehabt. Wie immer, wenn etwas Neues kommt, dominieren Ängste. Lärm und Dreck, versiegende Wasserquellen und Erschütterungen durch den Sprengvortrieb – all das war Thema. Die Leute der Beobachtungsstelle wurden vorgeschickt. Auftrag: Sorgen ausräumen.

Viele Besichtigungen der Tunnel

Eine Info-Offensive begann. Anfangs karrten sie die Südtiroler mit Bussen zum Gotthardtunnel, um zu zeigen, wie das mit dem Tunnelbau funktioniert. Später konnten sie die eigene Baustelle vorzeigen. Der Besuch im Brennerbasistunnel hat nun Tradition, fast jeder Südtiroler hatte schon mal einen Tunnelblick. 32.000 Besucher zählte die Beobachtungsstelle 2024, fast 5000 besuchten die Baustellen. Jede Tunnelbohrmaschine, kurz TBM, erhält die kirchliche Weihe, selbst wenn sie – wie es bei den TBM für den Südzulauf der Fall ist – aus China stammen.

Eine große Fläche am Eingang zum Villnößtal ist zum Depot für die Tunnelbaustelle umfunktioniert worden. Idyllisch war es hier, wo Autobahn und Eisenbahnlinie nebeneinander liegen und unten der Eisack vorbeirauscht, wohl nie, auch wenn der verlassene Gasthof zum weißen Rössl etwas vom Charme vergangener Tage vermittelt. Hier wird gerade die zweite Tunnelbohrmaschine montiert, die den Grödner Tunnel bohren soll. Rote Riesenkräne setzen sie zusammen.

Sorgen um Äpfel

Am Beginn des Villnößtals soll einmal der Schalderer Tunnel enden und die Bahnstrecke mit einem Viadukt über den Eisack geführt werden, ehe sie im Grödner Tunnel verschwindet. Bei der Besichtigung erzählt Ausserdorfer die Geschichte eines Landwirts, dessen Apfelplantage sich über der Baustelle hoch auf den Berghang erstreckt. Zwei Stunden lang sei er beim Wein mit ihm zusammengesessen, erzählt Ausserdorfer. Der Landwirt hatte die Sorge, dass der Staub der Baustelle seine Äpfel beschädigt.

Am Ende einigte man sich, dass das Förderband, dass den Abraum aus der Tunnelbaustelle abtransportiert, überdeckt wird, damit der Staub nicht durch die Luft weht. „Solche Dinge musst du den Menschen zugestehen.“ 2032, zeitgleich mit dem Brennerbasistunnel, soll der Südzulauf fertig sein.

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