Bürgerinitiative schlägt sich auf Seite der Bahn
Der Streit um die richtige Route: Trassensuche für den Nordzulauf durch Ebersberg und Rosenheim
Der Brenner-Nordzulauf spaltet die Region – nicht nur in Rosenheim und dem Inntal, sondern auch weiter nördlich rund um Ebersberg. Dort gibt es eine Bürgerinitiative, die sich auf die Seite der Deutschen Bahn geschlagen hat. Über einen Dauerstreit, der auch die Region Rosenheim betrifft.
Rosenheim/Ebersberg – Der vorbeirauschende Güterzug sprüht die Gischt des Nieselregens bis weit unter das Vordach des Bahnhofsgebäudes. Alexander Edmeier schüttelt am Bahnsteig Tropfen und Lärm ab, schaut leeren Güterwaggons und bunten Frachtcontainern hinterher und sagt: „Dieser Zug könnte voll sein – und woanders fahren.“ Der 53-Jährige aus Aßling im Kreis Ebersberg fasst damit das Anliegen der örtlichen Bürgerinitiative zusammen, der er angehört. Diese spricht sich für zwei neue Gleise zum Brennerbasistunnel aus und wirbt dafür, dass alles genauso kommt, wie es die Planer der Deutschen Bahn gerne hätten. Damit leisten Edmeier und seine Mitstreiter Widerstand gegen den Widerstand. Wie bitte?
Dauerstreit über Nordzulauf auch im Landkreis Ebersberg
Der Brenner-Nordzulauf spaltet die Region, nicht nur im Landkreis Rosenheim, durch den der südliche Abschnitt führen soll. Sondern auch schon weiter nördlich im Landkreis Ebersberg, wo der Nordzulauf mit zwei neuen Gleisen beginnen würde: Von Kirchseeon bis Vaterstetten fordern die Menschen angesichts des Brenner-Ausbaus besseren Lärmschutz. Grafing und dem Kirchseeoner Moos blühen Großbaustellen für zwei neue Gleise und Verknüpfungsstellen.
Die 4500-Einwohner-Gemeinde Aßling ist Brennpunkt des Dauerstreits: Auf der einen Seite die Deutsche Bahn und die Bürgerinitiative „Schützt Aßling und das Atteltal“ mit einer Unterschriftenliste von 1600 Unterstützern. Der Konzern und die Unterzeichner wollen, dass die neuen Gleise – „Trasse Limone“ – für Güter- und Fernverkehr als Umfahrung westlich des Orts gebaut werden – auf mehreren Kilometern auch in einem Tunnel.
Bürgerinitiative mit wichtigen Unterstützern
Auf der anderen Seite steht ebenfalls eine Bürgerinitiative („Brennernordzulauf Landkreis Ebersberg“), die genau dieses Vorhaben als verheerende Landschaftszerschneidung bekämpft und vor allem in den Weilern auf dem Land ihre Unterstützer hat. Sie demonstrierten bildgewaltig mit Traktoren und Kreuzen, auch wenn die eigene Petition mit bescheidenen 269 Unterstützern endete.
Die BI weiß dafür wichtige Mandatsträger auf ihrer Seite, von Landrat Robert Niedergesäß über den Landtagsabgeordneten Thomas Huber bis hin zum Bundestagsabgeordneten Andreas Lenz (alle CSU). Sie hat mit weiteren Unterstützern eine eigene Trasse vorgeschlagen, die zusätzlich zu den Bestandsgleisen durch den Aßlinger Bahnhof führen würde. Die von der Bahn beauftragte Uni Innsbruck prüfte zweimal und verwarf die Idee. Teurer und bei „Gesundheit und Wohlbefinden“ für die Ortsansässigen nachteilig, so die Kernargumentation.
Sorge vor einer Megabaustelle
Vor Ort gab es eine eigene Analyse – und 2022 sogar in Aßling einen Gemeinderatsbeschluss zugunsten dieser „Bürgertrasse“. Dem Vernehmen nach bereuen das nun manche. Die Stimmen in Aßling, denen es vor einer Megabaustelle graut, sind lauter geworden. Neben Alexander Edmeier auf dem Bahnsteig stehen Jens Fritsche und Nils Niederstebruch, beide 62, beide ebenfalls von der Bürgerinitiative, die sich auf die Seite der Bahn geschlagen hat.
„Man baut ja auch keine Autobahnen durch den Ort“, sagt Fritsche. Niederstebruch nennt eine Prognose von 420 Zügen täglich ab 2040. Schallschutz hin oder her: „Die Lärmbelästigung trifft den ganzen Ort“, sagt er. Und so sexy, wie die andere Bürgerinitiative meine, sei ihr Vorschlag auch außerhalb des Orts nicht. Es sei kein bestandsnaher Ausbau, sondern in weiten Teilen ein Neubau samt Verlegung der Bestandsstrecke auf einen neuen Gleisdamm – ohne Tunnel und zulasten eines FFH-Gebiets.
Eifrige Kämpfer gegen den Bahn-Plan
Der Landtagsabgeordnete Thomas Huber aus dem nahen Grafing ist der eifrigste Kämpfer gegen den Bahn-Plan. Aßling, sagt Huber, bekomme über eine Einhausung Lärmschutz auf Neubaustandard, dazu eine Bahnhofssanierung. Resolutionen im Ebersberger Kreistag und im Bayerischen Landtag haben dafür gesorgt, dass die Alternativtrasse als „Kernforderung“ gegen den Bahn-Vorschlag ins Rennen geht, wenn vielleicht im Winter der Bundestag entscheidet, was gebaut wird.
Im restlichen Ebersberger Planungsabschnitt, wo Bahn-Vorschlag und Alternative fast deckungsgleich verlaufen, scheint es zunehmend egal, was herauskommt. Für das kleine Aßling und die Landschaft außen rum ist es indes die wohl einschneidendste Entscheidung des 21. Jahrhunderts.

