In der Schön Klinik Bad Aibling-Harthausen
Kampf gegen die Zeit: Hier fliegt das Ärzteteam zur Schlaganfall-Rettung per Hubschrauber ein
Bei einem Schlaganfall zählt jede Sekunde. Welch wichtige Rolle Zeit bei der medizinischen Erstversorgung einnimmt, wissen die Experten der Schön Klinik Bad Aibling-Harthausen. Sie arbeiten mit neuen Methoden, die ihnen im Ernstfall wertvolle Minuten sichert. Professor Dr. Klaus Jahn, Chefarzt der Neurologie, kann uns mehr darüber erzählen:
Seit Dezember 2024 ist die Schön Klinik Bad Aibling-Harthausen offizieller Partner des TEMPiS-Schlaganfallnetzwerks (Telemedizinisches Schlaganfall-Netzwerk Süd-Ost-Bayern). Herr Professor Jahn, könnten Sie uns kurz erläutern, was genau das Schlaganfall-Netzwerk TEMPiS ist und wie es funktioniert?
Es gibt in ganz Bayern Netzwerke, sodass die gesamte Region - ob Stadt oder Land - in der Schlaganfallversorgung abgedeckt ist. In jedem Landkreis gibt es Kliniken, die auf die Behandlung von Schlaganfällen spezialisiert sind. Die Zentrale hat ihren Sitz in der Münchner Klinik Harlaching. In der Schön Klinik Bad Aibling profitieren wir neben TEMPiS auch von unserem erfahrenen Neurologen-Team. Eine unserer besonderen Behandlungsmaßnahmen ist die sogenannte Thrombektomie, ein Verfahren, bei dem verstopfte oder verschlossene Blutgefäße im Gehirn wieder geöffnet werden. Hier kommt das Flying Intervention Team (FIT) zum Einsatz: Speziell ausgebildete Fachärzte aus Harlaching werden per Hubschrauber eingeflogen, um die Eröffnung des Gefäßes vor Ort vorzunehmen.
Inwiefern profitiert die Schön Klinik Bad Aibling Harthausen?
Das Netzwerk ist im ganzen südostbayerischen Raum vertreten. Im Rettungsbezirk Rosenheim sind wir mit vier Stroke Units in Rosenheim, Wasserburg, Agatharied und bei uns in Bad Aibling hervorragend aufgestellt. Ein Notfall wird immer in die nächstgelegene Stroke Unit eingeliefert. Dank TEMPiS gehören lange Transportwege mit dem Rettungsdienst über den Irschenberg nach München der Vergangenheit an, da die Experten in den regionalen Stroke Units die Thrombektomie direkt vor Ort durchführen können.
Ein deutlicher Pluspunkt ist also Zeitersparnis?
Genau, wir haben bereits vorher Thrombektomien durchgeführt, da kamen die Ärzte mit dem Auto aus München. Dank TEMPiS geht das jetzt schneller und effizienter. Es ist auch für uns immer wieder beeindruckend, wenn nur fünfzehn Minuten nach der Einlieferung und Aufnahme des Patienten der Hubschrauber zu hören ist. Insgesamt sparen wir durch das neue Verfahren wertvolle Zeit – ein entscheidender Gewinn bei der Schlaganfallbehandlung.
Welches Know-How ist für die Methode von Vorteil?
Unsere moderne IT-Infrastruktur und das interdisziplinäre Team aus hochqualifizierten Fachkräften bilden die Grundlage für einen reibungslosen Ablauf. Damit die Abläufe reibungslos funktionieren, werden regelmäßig Einsätze ohne Patienten simuliert und trainiert. So stellen wir sicher, dass das Team so schnell wie möglich einsatzbereit ist – denn bei einem Schlaganfall zählt jede Minute.
Wie sieht ein klassischer Ablauf in der Stroke Unit aus, wenn ein Patient mit akuten Schlaganfallsymptomen eingeliefert wird?
Am Anfang steht der Verdacht: Der Rettungsdienst geht seine Checkliste durch, achtet auf typische Symptome wie Sprachverlust, Schwindelattacken, Lähmungen oder Ähnliches. Sobald der Patient bei uns eintrifft, erfolgt umgehend die medizinische Untersuchung. Erhärtet sich der Verdacht eines Schlaganfalls, wird sofort eine CT vom Kopf gemacht um eine Hirnblutung auszuschließen und um festzustellen, ob eine Gefäßverstopfung aufgetreten ist. Ist das der Fall, beginnen wir in der Regel mit einer Lysetherapie, auch Thrombolyse genannt, eine Behandlung, die mittels intravenösem Medikament zur Auflösung von Blutgerinnseln (Thromben) eingesetzt wird. Das passiert idealerweise innerhalb von 20 Minuten nach Ankunft des Patienten in der Klinik. Anschließend erfolgt die Überwachung in der Stroke Unit. Hier eruieren wir, was den Schlaganfall ausgelöst hat, ob Herz-Rhythmus-Störungen oder Ablagerungen in den Halsgefäßen vorliegen, um die richtige Behandlung einzuleiten und um Risikofaktoren zu senken und um zukünftige Schlaganfälle zu vermeiden. Je früher behandelt wird, desto größer die Chance für den Patienten, ohne bleibende Schäden genesen zu können. Schlaganfall ist immer noch die häufigste Ursache für eine erworbene Behinderung in unseren Breitengraden.
Welche Rückmeldungen erhalten Sie von Patienten oder Angehörigen?
Den meisten Menschen fällt vielleicht nicht unbedingt auf, dass der Hubschrauber das Auto ersetzt hat. Aber vor allem diejenigen, die hier wohnen, schätzen es sehr, dass Behandlung und Rehabilitation wohnortnah in der Region stattfinden, ohne weite Wege in Anspruch nehmen zu müssen.
Blick in die medizinische Zukunft: Wo sehen Sie speziell die Behandlung für Schlaganfallpatienten in fünf Jahren?
Ich glaube, wir sind schon auf einem sehr guten Weg, was Zeitminimierung betrifft. Ich denke aber auch, die KI kann künftig hilfreich sein, Bilder präzise zu analysieren und automatisch auszuwerten. Sie könnte automatisiert erkennen, wie viel Hirngewebe noch gerettet werden kann, bevor Nervenzellen unwiederbringlich absterben. Das könnte in ein paar Jahren der Behandlungsstandard sein.
Was motiviert Sie persönlich am meisten bei Ihrer täglichen Arbeit mit Schlaganfallpatienten und bei der Umsetzung innovativer Behandlungskonzepte?
Da bei uns auch die Rehabilitation stattfindet, können wir den Patienten über einen längeren Zeitraum begleiten. Es ist für mich sehr schön zu sehen, wenn sich etwaige neurologische Defizite mit der Zeit zurückbilden. Ich erinnere an eine 57-jährige Frau aus Bruckmühl, die zu Beginn mit einer Halbseitenlähmung und ohne Sprachvermögen eingeliefert wurde. Schon kurz darauf konnte sie mit ihrer Familie in einem deutlich besseren Zustand auf Station sitzen. Ich sehe Patienten, die schicksalsgegeben bei uns aufgenommen werden und die Klinik wieder völlig gesund verlassen. Das trifft natürlich nicht auf alle zu, es gibt leider immer Rückschläge. Doch es lohnt sich, jeden Tag aufs Neue für unsere Patienten zu kämpfen, um ihnen noch viele Jahre eines zufriedenen und gesunden Lebens zu schenken. Das ist für mich sehr motivierend und dafür engagiere ich mich gerne.
Abschließend: Welche Botschaft liegt Ihnen zum Tag gegen den Schlaganfall am 10. Mai besonders am Herzen?
Das Wichtigste ist: Nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern erste Anzeichen ernst nehmen. Natürlich möchte man sich nicht mit dem Gedanken beschäftigen, man könnte einen Schlaganfall erleiden. Doch wenn plötzlich nie dagewesene Symptome wie Sehstörungen, Schwindel, Lähmungen oder Sprachverlust auftreten, ist es entscheidend, sofort zu handeln und den Rettungsdienst zu alarmieren. Stichwort Zeit: Denn im Falle eines Schlaganfalls zählt jede Minute – schnelle und richtige Reaktionen können Leben retten und dauerhafte Schäden verhindern. Die Menschen können sich in der Region darauf verlassen, die beste Behandlung zu bekommen. Doch die Voraussetzung dafür ist, im Notfall entsprechend zu reagieren und rechtzeitig Hilfe zu holen. Mein Appell lautet daher: Lieber einmal zu viel untersuchen lassen als einmal zu wenig – bevor es zu spät ist.
Herr Professor, herzlichen Dank für Ihre Zeit und das Gespräch.


