Therapie in Schön Klinik Berchtesgadener Land
Wenn das Gewicht zur Zerreißprobe wird - und wie Medien Magersucht fördern
Was tun, wenn das Gewicht immer weniger wird? Oberarzt Torsten Fürbringer aus dem Fachzentrum der Psychosomatischen Medizin der Schön Klinik Berchtesgadener Land weiß mehr über Hilfestellungen und neue Therapiemaßnahmen.
Herr Fürbringer, ab wann spricht der Mediziner von Anorexie?
Bei dieser Essstörung geht es um eine signifikante Gewichtsabnahme, die nicht durch eine andere medizinische Ursache, wie beispielsweise Stoffwechselstörungen oder andere körperliche Erkrankungen, erklärbar ist. Sie wird vielmehr willentlich herbeigeführt, indem hochkalorische Lebensmittel vermieden werden und sich betroffene Patienten häufig ein sehr niedriges Kalorienbudget gestatten und übermäßig Kalorien zählen. Zusätzlich unternimmt der Patient sehr häufig gegensteuernde Maßnahmen, beispielsweise durch exzessiven Sport, Abführmittel, Kohlenhydrat- und Fettblocker oder selbst induziertes Erbrechen.
Wie viele Fälle von Magersucht/Anorexie gibt es in Deutschland?
Zahlen von 2023 belegen ungefähr 10.500 diagnostizierende Patienten mit einer Essstörung, darunter sind etwa 9.200 mit Anorexie. Es gibt jedoch eine Dunkelziffer, weil nicht jede Erkrankung immer diagnostiziert wird. Wir gehen davon aus, dass auf 1000 Menschen in der Bevölkerung 30 bis 50 Personen davon an einer Essstörung leiden. Das ist ein relativ hoher Wert und die Tendenz ist leider steigend.
Sind eher Frauen oder Männer betroffen und ab welchem Alter?
Tendenziell sind eher Frauen betroffen. Doch auch bei den jüngeren Männern steigt die Zahl („Manorexia“). Hintergrund ist hier oft der Wunsch nach der Verbesserung einer sportlichen Leistung, eines Schönheitsideals oder übermäßiger Fokus auf Muskelaufbau in Verbindung mit Reduktion des Körperfettanteils. Meist beginnt eine Essstörung bereits in der Jugend ab 15 Jahren oder dem frühen Erwachsenenalter.
Psychosomatik in der Schön Klinik Berchtesgadener Land
Einem Schönheitsideal entsprechen zu wollen, kann ein Auslöser sein. Doch wo genau liegen die Ursachen der Erkrankung?
Es gibt sehr viele Auslöser und manchmal sind es aber auch ganz banale Gründe: Ich erinnere mich an den Fall eines leicht übergewichtigen Mädchens, das aufgrund eines Magen-Darm-Infekts abgenommen und sich damit wohlgefühlt hat. Plötzlich erhielt sie viele positive Rückmeldungen. Das verstärkte ihr eigenes positives Gefühl. Die Folge: Sie hat das reduzierte Essen beibehalten, ist mit der Zeit jedoch ins Untergewicht gerutscht. Die Corona-Pandemie war hier mit ausschlaggebend, dass psychische Erkrankungen und darunter eben auch Essstörungen zugenommen haben. Eine Essstörung ist wie ein Chamäleon, die Hintergründe sind mannigfaltig. Nahezu jede psychische Erkrankung, vor allem aus dem psychosomatischen Spektruk, erwirkt Funktionen beim Patienten, gleicht etwas aus oder „hilft“ dem Patienten, etwas zu bewältigen, was er alleine nicht bewältigen kann. Diese Bewältigungsmechanismen sind natürlich auf Dauer nicht hilfreich. Bei der Anorexie im Speziellen geht es unter anderem um Kontrolle über sich, Kontrolle über Beziehungen zur Umwelt, Schritte und Kalorien zählen und einhalten werden als Erfolg gewertet und es geht natürlich darum, um Kontrolle über seinen Körper zu haben.
Inwiefern spielen äußere Einflüsse eine Rolle? Ich denke da auch an gesellschaftliche Normen oder TV-Shows wie „Germany‘s Next Topmodel“?
Medien, soziale Netzwerke und das Fernsehen spielen eine große Rolle und haben einen hohen Einflussfaktor. Ein BMI von 18,5 kg/m² bis 25,0 kg/m² ist normal. Wir sehen aber oft Patienten mit einem BMI, der deutlich unter den oben genannten Werten liegt. Patienten, die sich im Untergewicht befinden, empfinden sich selbst her häufig als normal- oder sogar übergewichtig. Das ist ein Symptom der Anorexie. Die Grenze zwischen Wirklichkeit und eigener, durch die Anorexie verzerrte Wahrnehmung des Körpers, liegt hier weit auseinander. Äußere Einflüsse haben eine große Wirkung auf das eigene Bild - gerade, wenn Komplimente im Spiel sind. Dabei darf aber nicht übersehen werden, dass eine solch positive Verstärkung in eine negative Richtung geht. Das ist wie bei Drogenabhängigen: Sie ziehen ein Glücksgefühl aus einer Sache, die langfristig schädliche Folgen hat, kurzfristig aber einen Kick gibt. Dann findet im Kopf etwas statt, das wir kognitive Verzerrung nennen. Das Denken und die Sichtweise sowie die eigene Bewertung des Körpers werden von der Essstörung überlagert und die Wahrnehmung vor dem Spiegel verzerrt sich.
Wie sieht ein typischer Tag im Leben eines an Anorexie erkrankten Menschen aus und mit welchen Herausforderungen hat er zu kämpfen?
Es beginnt schon frühmorgens beim Aufstehen mit der Frage „Was esse ich? Esse ich überhaupt etwas?“ Es gibt Patienten, die nichts essen, andere nehmen einen Magerjoghurt, Obst oder nur eine Karotte zu sich. Zwischen den Mahlzeiten - sofern sie überhaupt noch stattfinden - ist das Ziel, sofort wieder möglichst viele Kalorien zu verbrauchen. Das geht mit Bewegung: Da wird der Spaziergang zweimal gemacht oder der Weg zum Postkasten mehrfach gewählt. Das steigert sich, sodass wir Patienten mit extremem Bewegungsdrang zwischen 40.000 und 60.000 Schritten pro Tag behandeln. Zudem ist es häufig, dass anorektische Patienten gerne kochen oder backen – allerdings nicht für sich selbst, sondern für andere. Die übermäßige Beschäftigung mit Essen und Nahrungsmitteln ist ein weiteres Symptom der Anorexie.
Und an der Stelle kommt ein sogenannter Aktometer ins Spiel?
Genau. Ein Aktometer ist ein Messgerät zum Erfassen der Bewegungsaktivität eines Menschen. Damit wir den Patienten klarmachen können, wie schädlich ihr Verhalten ist, führen wir eine Messung durch und vergleichen die Messung auf Intensität und Zeit mit den Durchschnittswerten von Patienten mit Bewegungsdrang. Die Diagnostik erstreckt sich über drei Tage und misst nicht nur die Beschleunigung, wie intensiv sich jemand bewegt und mit welcher Dauer, sondern man erhält auch eine Auswertung der mittleren Schrittanzahl über die drei Tage mit Intensität. Für uns ist es wichtig zu wissen, wo der Patient in der Vergleichsgruppe liegt, um die Behandlung entsprechend anzupassen.
Woran orientieren sich diese Werte?
Bezüglich der für die Patienten wichtigen, geregelten Mahlzeitenstruktur mit drei festen Mahlzeiten täglich haben wir ein Richtlinienkonzept, welches angelehnt ist an die Empfehlung der Deutsches Gesellschaft für Ernährung (DGE). Für einen Menschen mit 70 Kilogramm Gewicht und einer Größe von 1,70 Meter beispielsweise sind 2000 Kalorien angesetzt. Bei Patienten, die sehr zierlich sind, erhöhen wir diese Richtmenge oder bauen Zwischenmahlzeiten ein. Häufig reicht aber zur Erlangung eines stabilen Normalgewichts für diese Patienten gerade zu anfangs die Richtmenge nicht aus. Dann wird in individueller Absprache mit dem Patienten der Mahlzeitenplan angepasst. Ziel ist es, dass die Patienten gegen Ende des Aufenthalts erlernt haben, nach tatsächlichem Hunger- und Sättigungsgefühl zu essen.
Wie reagieren Patienten auf diese Behandlungsmethode?
Viele Patienten sind zu Beginn der Behandlung rigide und uneinsichtig. Es bringt nichts, jemandem, der 50.000 Schritte am Tag geht, vorzuschreiben, er darf nur mehr 5.000 machen. Das halten die Patienten innerlich nicht aus. Hier hilft es, peu à peu zu reduzieren und auch mal bewegungsfreie Tage einzubauen. Wichtig ist, dass der Patient ehrlich vor allem zu sich selbst ist, sonst macht die Behandlung natürlich keinen Sinn. Auch die Richtmenge empfinden nahezu alle essgestörten Patienten gerade zu anfangs der Therapie zu viel und sparen ein und haben das Gefühl, dass es viel zu viel sei.
Ist Magersucht heilbar oder bleibt ein Restrisiko?
Die Heilungsrate ist da, aber nicht so, wie wir es gerne hätten. Wir haben bei Magersucht eine vierzig prozentige Heilungsrate. Bei 30 Prozent aber kommt es im ersten Jahr zu einem Rückfall. Selbst, wenn sie ihre Anorexie überwinden, berichten Patienten davon, dass entsprechende Gedanken gerade in stressigen Zeiten oder schwierigen Lebensphasen immer mal wieder auftauchen. Die Frage ist: Schaffen es die Patienten, resilient zu bleiben, oder nicht?
Wie kann ich als Angehöriger oder im Freundeskreis Betroffener reagieren? Und was sollte man auf keinen Fall tun?
Richtiges Verhalten ist schwer zu definieren, denn hinter Anorexie verbergen sich viele Auslöser und die Ursachen sind vielfältig: Viele Patienten sind psychisch durch andere Situationen vorbelastet, sexuell traumatisiert oder erlebten sogar Gewalt in der Kindheit. Daher muss man als Angehöriger sensibel sein. Auf keinen Fall mit dem Zeigefinger auf die Person zeigen und sagen: „Du musst jetzt essen!“ Dann wird eine Grenze überschritten und es kommt zu Machtkämpfen. Besser ist, emphatisch-beharrlich nachzuhaken und gut zuzureden, mit Aussagen wie: „Mir ist aufgefallen, du hast abgenommen oder du isst zu wenig - möchtest du darüber reden?“ Oder auch: „Du hast stark abgenommen, das macht mir langsam Sorge, es sieht einfach nicht mehr gesund aus!“ Sollten somatisch bedenkliche oder gar lebensbedrohliche Zustände absehbar werden oder eintreten, sollte man als Angehöriger zum Beispiel den Hausarzt informieren und versuchen, dass der betroffene Patient sich dort vorstellt. In ganz schweren Fällen hilft dann nur noch eine akutpsychiatrische Intervention.
Herr Fürbringer, herzlichen Dank für Ihre Zeit und das Gespräch.
