Schloss im Dornröschenschlaf
Rettung in letzter Minute? Bergerlebnis will Berchtesgadener Heimatmuseum aus der Krise führen
Jahrelang stand es vor dem Aus, die Besucherzahlen waren im Keller – nun soll für das Heimatmuseum Schloss Adelsheim in Berchtesgaden alles anders werden. Das Bergerlebnis übernimmt den Betrieb und hat ehrgeizige Ziele. Kann der fast vergessene „Schatz“ der Region doch noch gehoben werden?
Berchtesgaden – Michael Wendl spricht von einem „Schatz“. Ein Schatz, den viele Einheimische kaum noch wahrnehmen, der aber seit Langem Zeugnis ablegt von Leben, Glauben und Handwerk in und um Berchtesgaden. „Wenn das Heimatmuseum wegfallen würde, wäre das sehr schlimm. Schließlich erzählt es die Geschichte Berchtesgadens“, sagt der Geschäftsführer des Bergerlebnis Berchtesgaden. Am 1. September übernimmt der Zweckverband den Betrieb von Schloss Adelsheim vom Landkreis und wagt damit den Versuch, ein seit Jahren kriselndes Haus in die Zukunft zu führen.
1614 als Sommerresidenz für einen Stiftsdekan errichtet, hat das kleine Renaissanceschlösschen viele Rollen gespielt: Amtssitz, Salzamt, schließlich Ort der Volkskunde. Seit 1968 dient es als Heimatmuseum. In 13 Räumen entfaltet sich eine der bedeutendsten volkskundlichen Sammlungen Bayerns: bemalte Spanschachteln, geschnitztes Spielzeug, Krippenfiguren, Votivgaben, ein Marionettentheater und eine barocke Hauskapelle. Doch die Sammlung ist noch reicher. 500 Jahre Holzbildhauerei sind hier versammelt, ebenso eine Abteilung des Bayerischen Nationalmuseums München, die dem Berchtesgadener Gelehrten Rudolf Kriss gewidmet ist. Ein besonderes Juwel stellen die Beinschnitzereien dar, darunter Hausaltärchen, Kruzifixe und Schachfiguren aus Rinderknochen. Mit dem Tod des letzten Beinschnitzers im Jahr 1879 erlosch dieses Handwerk, im Schloss Adelsheim ist es bis heute lebendig geblieben.
Brüchige Hülle, schwindende Besucher
So reich an Schätzen das Museum ist, so brüchig war zuletzt seine Hülle. 2020 begann eine umfangreiche Dachsanierung. 870 Quadratmeter Zedernholzschindeln wurden für 1,3 Millionen Euro ersetzt. Arbeiter stießen dabei auf über 400 Jahre alte Holzbalken aus der Bauzeit des Schlosses. Auch Schimmelspuren in der Kapelle machten deutlich, wie dringend die Instandsetzung war. Unter Denkmalschutzauflagen wurde Schindel für Schindel abgetragen und durch Lärchenschindeln ersetzt. Es war ein Kraftakt, der das Haus zumindest baulich in die Zukunft führte.
Inhaltlich aber blieb Schloss Adelsheim hinter seinen Möglichkeiten zurück. Gerade einmal 3000 Besucher verzeichnete das Museum im vergangenen Jahr, bestätigt Wendl. Andere Einrichtungen des Bergerlebnis wie das Kehlsteinhaus, die Dokumentation Obersalzberg oder die Watzmann Therme ziehen Scharen an, das Museum dagegen führt ein Schattendasein. „Viele kommen nur ein einziges Mal, meist während der Schulzeit, weil man dort eben einmal gewesen sein muss“, sagt Wendl. Schon die damalige Museumsleiterin Friederike Reinbold hatte 2020 auf das Dilemma hingewiesen: Urlauber verweilten kürzer, ein Tag Salzbergwerk, einmal Königssee, vielleicht Nationalpark. Für das Heimatmuseum bleibe oft keine Zeit. Auch die Lage am Rand von Berchtesgaden gilt als Hemmschwelle.
Im Kreistag wurde das Museum seit Jahren kontrovers diskutiert. Vor allem Vertreter aus den mittleren und nördlichen Gemeinden stellten die Finanzierung infrage. Warum Geld für ein Haus ausgeben, das allein die Geschichte Berchtesgadens erzählt? Mehrfach stand die Schließung im Raum, immer wieder flammte die Debatte auf.
Neustart unter neuer Führung: Bergerlebnis übernimmt
Nun also der Neustart. Der Landkreis bleibt Eigentümer, überträgt den Betrieb jedoch an das Bergerlebnis. Vier Mitarbeiter werden künftig dort geführt. Mit inzwischen 220 Beschäftigten zählt der Zweckverband zu den größten Arbeitgebern der Region. Für Wendl ist die Richtung klar: „Zumindest eine Verdoppelung der Besucherzahlen wollen wir erreichen.“ Gelingen soll das durch bessere Vermarktung, neue Ausstellungskonzepte und Investitionen, die das Haus attraktiver machen. Gemeinsam mit dem Verein der Freunde des Heimatmuseums sollen Ideen entstehen, die Touristen locken und zugleich die Einheimischen zurückholen. „Vielen ist gar nicht bewusst, was für ein Schatz das ist, den wir hier haben“, sagt Wendl.
Eng verbunden mit Schloss Adelsheim ist die Berchtesgadener Handwerkskunst, die berühmte „Berchtesgadener War“. Sie umfasst die traditionelle Holzhandwerkskunst der Region […]. Auch die Handwerkskunst wird ab 1. Januar 2026 in die Verantwortung des Bergerlebnis übergehen.
„Unser Ansinnen ist, die Handwerkskunst besser vermarktet unter die Leute zu bringen“, sagt Wendl. Die Nachfrage sei zwar größer als das Angebot, doch es fehle einfach an Kunsthandwerkern, die diese Tradition überhaupt noch beherrschen. Eine schwarze Null im Betrieb sei das Ziel. Mittelfristig hofft Wendl, neue Kunstschaffende zu gewinnen und die Volkskunst damit aus der Nische zu holen.
Der Vertrag mit dem Landkreis ist zunächst auf 18 Monate befristet. Danach wird sich zeigen, ob der Versuch gelingt. Klar ist für Wendl: Ohne Investitionen und ohne neue Ideen wird es nicht gehen. „Am Gebäude wurde in der Vergangenheit schon viel gemacht“, sagt er, „aber inhaltlich muss sich noch vieles ändern.“ Schloss Adelsheim soll künftig nicht länger ein Museum sein, das man nur einmal im Leben besucht, sondern ein Ort, der neugierig macht auf Wiederkehr. Ob es gelingt, diesen alten Schatz zu heben? Laut Wendl befindet man sich zumindest auf einem guten Weg.

