Fahrer spricht über seinen besonderen Job
Zwischen Gotzen und Blaueis: Wie Jens Seidel das Bier in die Berchtesgadener Alpen bringt
Watzmannhaus, Wimbachgries oder Schneibsteinhaus: Jens Seidel liefert für das Hofbrauhaus Berchtesgaden das Bier auf die Almen und Hütten. Mit seinem blauen Unimog erlebt der 43-Jährige stets neue Abenteuer und besondere Touren. Jetzt, mitten in der Hochsaison, stellt er seinen Alltag als Bierfahrer vor.
Berchtesgaden - Es war irgendwo oberhalb der Blaueishütte, an einer engen Stelle, links der Abgrund. „Da war kein Platz mehr“, erinnert sich Jens Seidel, Bierfahrer beim Hofbrauhaus Berchtesgaden. „Und plötzlich kommt mir da ein chinesisches Pärchen entgegen.“ Es war kein Durchkommen. „Ich hab gedeutet, er müsse weg, aber er hat einfach nur die Kamera genommen, sich auf den Boden gelegt, die Kamera auf die Brust drauf, und mit den Armen so gemacht: ‚Fahr!‘“ Jens Seidel zögert nicht lange: Der 43-Jährige klappt die Spiegel seines Unimogs ein, setzt an und fährt. Zentimeter für Zentimeter über den Wanderer hinweg. „Der wollte halt nicht 300 Meter zurück zur Ausweiche.“ So läuft das manchmal, wenn man auf schmalen Forstwegen Bier in die Berge bringt.
Seidel kennt diese Wege wie seine Westentasche. Seit 2006 fährt er für das Hofbrauhaus Berchtesgaden. Er ist gelernter Maurer, ging dann zur Bundeswehr. Die Zeit dort verbrachte er nicht etwa in seiner Heimat, sondern in Bischofswiesen, in der Jägerkaserne der Gebirgsjäger. Deshalb wohnt er heute auch in Berchtesgaden. Bereits in Murnau absolvierte er seinen Lkw-Führerschein, zudem die Fortbildung zum Berufskraftfahrer. Dass er einmal einer der wichtigsten Versorger für die heimischen Almhütten wird, ahnte er damals noch nicht.
Die Lieblingsfahrt und die gefährlichste Tour
Heute ist er der Mann, der die „Tradition im Glas” auf die Almen bringt, wenn andere nur noch zu Fuß weiterkommen: Gotzenalm, Grünstein, Schneibsteinhaus, Blaueishütte, Watzmannhaus, Purtschellerhaus oder Wimbachgries. All diese Hütten werden vom 43-Jährigen beliefert. Mit einem Unimog aus den 1990er-Jahren, einer wuchtigen Maschine, die zwar kaum Komfort bietet, dafür jede Menge Zuverlässigkeit. Bis zu fünfzig 50-Liter-Fässer Bier führt das Fahrzeug mit sich.
Die Tour zur Gotzenalm ist seine Lieblingsfahrt: „Ganz klar, das ist für eine besondere Strecke. Da oben ist’s einfach traumhaft schön.“ Die gefährlichste Tour? „Definitiv Blaueis”, sagt Seidel. „Wenn’s da rutschig ist, darf ich keinen Fehler machen. 200 Meter geht’s neben der Straße runter.“ Ein Unfall mit dem motorisierten Gefährt: definitiv tödlich. Schmale Wege, besondere Herausforderungen: Der Job als Bierfahrer kann in den Berchtesgadener Alpen durchaus gefährlich sein.
Fehler? Sind nicht erlaubt
Die Bergtouren sind alles andere als alltäglich. „Drei am Tag schaffe ich maximal, mehr geht sowieso nicht.“ Der Weg ist dann das Ziel, und manchmal ist es mehr Risiko. Die Aufmerksamkeit des Fahrers ist dann gefragt. „Zur Gotzen brauche ich etwa eine Stunde von Berchtesgaden aus. Die letzte Kurve rauf ist wirklich brutal eng. Da muss man manchmal zurücksetzen, und auf jeden Fall wissen, was man tut.“ Fehler? Sind nicht erlaubt. „Wenn ich da was versaue, verzeih ich mir das nicht. Aber ich würde den Beruf des Bierfahrers im nächsten Leben wieder machen“,meint der 43-Jährige mit Bestimmtheit in seiner Stimme.
Und dann ist da noch das, was den Job abseits des Bierfahrens ausmacht. „Man kommt rum. Man lernt Leute kennen. Die meisten Hüttenwirte wollen, dass ich bei ihnen etwas esse. Das ist immer eine nette Geste und es sind gute Gespräche“, sagt er. „Ich muss mir meistens nichts zum Essen kaufen. Ich komme ja dahin, wo es etwas gibt.“ Dann lacht er, dieser leise, trockene Humor, den man bei ihm als Fahrer oft heraushört.
Touren führen ihn auch in den Traunsteiner Landkreis
In der Hauptsaison geht es jedes Jahr aufs Neue rund. Jens fährt zwar auch unten im Tal und deckt damit den Berchtesgadener Talkessel hinsichtlich des Bierauslieferns ab. Er fährt aber auch raus bis in das Traunsteiner Gebiet, bis nach Waging, Grassau oder Reit im Winkl. „Jeder unserer Bierfahrer hat seine eigene Tour, jeder seine Posten“, sagt er. Mal sind es Kisten, die transportiert werden, mal 30er- oder 50er-Fässer. Früher, zu Fuhrwerk-Zeiten, gab es auch 100-Liter-Fässer aus Holz. Die gibt es schon lange nicht mehr im Alltagsgebrauch. Heute wiegt ein 50er-Fass samt Inhalt rund 62 Kilo.
Das Gewicht ist aber nichts, was dem fitten Auslieferer zu schaffen macht. „Ich habe noch nie Kreuzweh gehabt.“ Auch nach einer halben Million gefahrener Kilometer. So viel ist bereits zusammengekommen, seitdem der Wahl-Berchtesgadener im Hofbrauhaus das Bier ausliefert. Rund 25.000 sind es pro Jahr, schätzt er.
Der typische Alltag der Bierfahrer
Und wie schaut ein typischer Tag im Leben eines Berufskraftfahrers aus? Seiner beginnt mit der Ladeliste. Lieferscheine, Planung, dann wird frühmorgens das Fahrzeug beladen. Manchmal sind es nur wenige Fässer, manchmal ist die gesamte Ladefläche des Unimogs, die bis zum Anschlag und zum Maximalladegewicht belegt wird. Aus insgesamt sechs Bierfahrern besteht das Team des Hofbrauhauses.
Seidel ist meistens der mit dem Unimog, dem motorisierten Herzstück für die Berge. Im Winter bleibt der Bierfahrer meistens im Tal. Nur die Bundespolizei, die auf der Kühroint eine Ausbildungsstätte mitten im Nationalpark Berchtesgaden betreibt, wird dann noch beliefert. „Da sind Schneeketten aufgezogen und ein Betonklotz auf der Ladefläche. Dann kommen wir ohne Probleme hoch auf die Kühroint oder wir räumen hier, beim Hofbrauhaus, den Hof vom Schnee frei.“
Auch der Hubschrauber kommt zum Einsatz
Die meiste Arbeit gibt es sowieso aktuell. Die Hochsaison liegt klar im Sommer, wenn die Hütten voll sind mit Gästen und das Bier ordentlich fließt. Und wenn die „flüssige Nahrung“ mal doch ausgehen sollte? „Das wäre das Schlimmste, was passieren kann“, sagt Alisa Pflug vom Hofbrauhaus Berchtesgaden. Vor nicht allzu langer Zeit wollte sie selbst mal Bierkönigin werden. Ihr Vater, Josef Stanggassinger, ist der Chef der Brauerei in Berchtesgaden. Bierkönigin ist sie schließlich nicht geworden. „Dass das Bier ausgeht, passiert so gut wie nie”, weiß sie.
Manche Hütten müssen sogar per Hubschrauber beliefert werden, sagt die Frau hinter dem Berchtesgadener Bier. Fahrer Jens bringt das gekühlte Bier dann per Unimog direkt zu den Abflugstellen, wo bereits der Hubschrauber wartet: „Die Toni-Lenz-Hütte oder Stöhrhaus fliegt der Hubschrauber dann an. Auch das gehört zu unserem Alltag.“
Der Unimog zwischen „Jaqueline“ und „Chantal“
Der TÜV hat hinsichtlich des Unimogs übrigens noch nie ein Problem bereitet. „Er ist bislang immer durchgekommen“, sagt Alisa Pflug und lächelt, während sie davon spricht. Neben dem beinahe historischen Transportfahrzeug sind im Fuhrpark des Hofbrauhauses Berchtesgaden auch einige 15- und 18-Tonner vorhanden. Die Pritschenwagen heißen unter den Kollegen „Jacqueline“ und „Chantal“. Es ist ein Running Gag unter den Mitarbeitenden. Für den Kehlstein gibt’s den „Donald“, einen Mercedes Sprinter.
Das Hofbrauhaus selbst hat derzeit 35 Mitarbeitende, braut 30.000 Hektoliter im Jahr und nutzt zwei eigene Quellen: eine im Wimbachgrieß, die andere im Hagengebirge. Besonderes Brauwasser, eine eigene Stromproduktion mit Francis-Turbinen. „Wir könnten den ganzen Betrieb mit E-Strom versorgen, und speisen sogar noch was ein.“ Umwelttechnisch sei man ein Vorzeigebetrieb.
Und Jens? Der wird bleiben, solange die Kupplung seines Unimogs mitmacht. „Ich liebe das einfach“, sagt er. „Gotzen und Blaueis, da hängt ein Teil meines Lebens dran.“ Dann schaut er kurz zur Seite und sagt ganz ruhig: „Ich würde es wieder machen. Alles.“ (kp)

