„Kein Gelände mehr, das man betreten sollte“
Alpinexperte Wegscheider schildert seine Live-Eindrücke vom Bergsturz – Warnung vor Lebensgefahr
Mitten in der Hauptsaison ist eine der wichtigsten Wanderrouten im Nationalpark Berchtesgaden blockiert. Ein gewaltiger Felssturz hat den Weg ins hintere Wimbachgries zerstört. Ein Augenzeuge berichtet von Schwefelgeruch und instabilem Gelände.
Ramsau/Berchtesgaden – „Es roch stark nach Schwefel“, erinnert sich Biologe Toni Wegscheider nach dem massiven Felssturz im Nationalpark Berchtesgaden. Wo vor wenigen Tagen noch ein viel begangener Hauptwanderweg durch das hintere Wimbachgries führte, befindet sich seit Dienstag nun ein Chaos aus Fels und Geröll. Eine der Hauptrouten für alpine Mehrtagestouren im Nationalpark Berchtesgaden ist verschwunden. Toni Wegscheider, Alpinexperte und Mitarbeiter der alpinen Auskunft des Deutschen Alpenvereins, war einer der ersten Menschen, die das Gebiet nach dem Felssturz betreten haben.
„Das ist kein Gelände mehr, auf dem man wandern kann, und auch keines, das man noch betreten sollte“, warnt der erfahrene Berggänger. Am Montag hatte sich oberhalb des Banngrabens eine massive Felsmasse gelöst und den Wegabschnitt zwischen Wimbachgrieshütte und Trischübel verschüttet. Ein Video dokumentiert eindrücklich die Dimension des Abbruchs. Nach Einschätzung von Toni Wegscheider sind rund 100 Meter des Weges betroffen. Die Nationalparkwege 411 und 421 wurden umgehend gesperrt. Seither warnt die Nationalparkverwaltung eindringlich vor akuter Lebensgefahr durch weiteren Steinschlag. Wie viel Gestein tatsächlich vom Berg abgegangen ist, lässt sich bislang nicht genau beziffern. Im Nationalpark versucht man gerade, alle Informationen zu sammeln.
Wegscheider war, als sich der Felssturz ereignete, auf einer Tour über das Trischübel unterwegs. Vom Königssee her kommend bemerkte er zunächst nichts Ungewöhnliches. „Ich habe nichts gehört, kein Krachen, kein Donnern. Aber als ich dann auf der anderen Seite war, habe ich gleich gesehen: Da ist etwas passiert.“ Die Dimension des Bergsturzes wurde ihm erst im Gelände bewusst. „Es hat nach frischem Gestein und Schwefel gerochen. Der Weg war verschwunden.“ Er habe Steine gehört, die noch nachrutschen. Das Gelände sei ziemlich instabil, sagt der Alpinist, der sich auf dem Nachhauseweg befand.
Große Felsblöcke, manche so groß wie ein Kühlschrank, lagen kreuz und quer im ehemaligen Wegeverlauf. Orientierung? Fehlanzeige. „Man muss schon wissen, wie der Weg verlief. Alles ist begraben.“ Dass die Sperrung erfolgt ist, hält Wegscheider für vollkommen richtig. „Da muss jetzt ein Geologe hin, Erkundungsflüge mit dem Hubschrauber.“ Klar sei: Niemand solle sich in dem Gelände aufhalten, solange nicht klar ist, ob das Gelände hält oder weitere Felsstürze zu erwarten seien. Zudem müsse man sehen, wie sich die Wetterlage entwickelt, so die Einschätzung des Biologen. „Ein Starkregen kann alles wieder in Bewegung setzen.“
Der Biologe kennt derartige Szenarien. 1999 war er kurz nach dem Felsabbruch am Mühlsturzhorn vor Ort. „Damals war das ganze Gebiet mit Steinmehl bedeckt“, erinnert er sich. Rund 250.000 Kubikmeter Dachsteinkalk stürzten damals vom Kleinen Mühlsturzhorn durch den Mühlsturzgraben talwärts. Solche Ereignisse verändern Landschaften und hinterlassen Spuren. Auch diesmal rechnet er mit einer längeren Sperrung: „Das wird Wochen dauern, vielleicht Monate.“
Besonders bitter ist der Zeitpunkt. Mitten in der Hauptsaison ist eine der wichtigsten Routen für mehrtägige Hüttenwanderungen blockiert. Die Verbindung zwischen der Wimbachgrieshütte, dem Kärlingerhaus und dem Ingolstädter Haus ist praktisch unterbrochen. „Das ist eine klassische Runde für Hüttentouren“, sagt Wegscheider. „Wer aus der Ramsau kommt, nimmt normalerweise den Weg durchs Wimbachgries. Es ist die bequemste und sicherste Route.“ Jetzt bleibt nur der anspruchsvolle Steig von der Königsseeseite aus. Die Konsequenzen sind weitreichend, nicht nur für Wanderer, sondern auch für die Hüttenwirte selbst. Wegscheider selbst traf beim Rückweg noch auf weitere Wanderer und warnte sie eindringlich, das Gelände nicht zu betreten. Solange das Gelände nicht geologisch untersucht ist, bleibt der hintere Teil des Wimbachgries ein Ort, den man besser meidet, sagt Wegscheider.

