Legalisierung ab 1. April
Das sind die Gefahren für Kinder! – Psychiaterin und Chefärztin Beschoner über Risiken von Cannabis
Cannabis wird legal – zum Entsetzen vieler Mediziner. Hier erklärt eine Top-Psychiaterin, wie gefährlich vermeintlich harmloses Kiffen für Kinder und Jugendliche werden kann, woran Eltern den Konsum erkennen können und wie sie richtig darauf reagieren.
München – Wenn es nach den Plänen von Gesundheitsminister Karl Lauterbach und der Bundesregierung geht, sollen Erwachsene bald ganz legal Cannabis kaufen können. Doch diese Gesetzesinitiative treibt vielen Eltern die Sorgenfalten auf die Stirn. Sie befürchten, dass bei ihren minderjährigen Kindern die Hemmschwelle sinkt, wenn Erwachsene kiffen dürfen. Das geht aus einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Krankenversicherung KKH hervor. Dass die Gefahren durch Kiffen gerade im Kindes- und Jugendalter oft unterschätzt werden, geht aus einer aktuellen Experten-Analyse von Professorin Petra Beschoner hervor. Die Cannabis-Expertin und renommierte Psychiaterin gibt im Interview Antworten auf fünf wichtige Fragen rund um den Cannabis-Konsum.
Auf welche psychischen Warnzeichen sollten (Nicht-)Konsumenten achten. Und woran können Eltern erkennen, dass ihre Kinder kiffen?
Professorin Dr. med. Petra Beschoner: Warnzeichen wie anhaltende Konzentrationsstörungen, Vergesslichkeit oder Koordinationsstörungen sollten sowohl von Betroffenen als auch von Angehörigen nicht ignoriert werden. Außerdem sind Angstzustände, depressive Gedanken oder plötzliche Stimmungsschwankungen weitere Hinweise darauf, dass die Psyche bereits unter dem Konsum leidet. Vernachlässigte Alltagsverpflichtungen – sei es bei der Arbeit, in der Schule oder im Privaten – machen sich für Außenstehende häufig am deutlichsten bemerkbar und sind ein ernst zu nehmendes Zeichen für eine problematische Entwicklung. Konsumenten, die das Gefühl haben, dass sie nicht mehr ohne die Substanz auskommen, die sich Sorgen um eine mögliche Abhängigkeit machen oder deren Leidensdruck zunimmt, empfehle ich, Hilfe bei Beratungsstellen oder beim Hausarzt zu suchen.
Wie wirkt sich der Konsum von Cannabis auf die Psyche aus?
Beschoner: Gewohnheitsmäßiger Konsum von Tetrahydrocannabinol, kurz THC, geht zulasten der exekutiven Funktionen, also des Verhaltens, der Kontrolle und der Selbstregulierung. Zusätzlich leidet die Konzentrations- und Merkfähigkeit, was sich im Lernverhalten von jungen Menschen widerspiegelt. Negative Effekte zeigen sich auch in der psychomotorischen Geschwindigkeit, der geringeren Aufmerksamkeitsspanne und der verminderten Planungsfähigkeit. In einigen Fällen führt chronischer Missbrauch sogar zu paranoiden und halluzinatorischen Psychosen. Betroffene fühlen sich verfolgt, hören und sehen Dinge, die nicht da sind. Wird der Konsum zur Sucht, wirkt sich das negativ auf das Nervensystem, die seelische Verfassung und letzten Endes auf das Sozialleben der Konsumierenden aus. Einige Studien deuten zudem darauf hin, dass der Wirkstoffgehalt der Cannabisprodukte seit Jahren steigt und je nach Sorte und Anbaugebiet unterschiedlich ausfällt. Damit wird vermeintlich harmloses ‚Kiffen‘, vor allem für Kinder- und Jugendliche, zu einem unkalkulierbaren Lotteriespiel.
Welche langfristigen Folgen hat der Dauerkonsum von Cannabis?
Beschoner: Infolge eines chronischen und regelmäßigen Konsums steigt die Wahrscheinlichkeit, an Depressionen oder Angststörungen zu erkranken. Vor allem, wenn der Konsum im Kindes- und Jugendalter begonnen wird, ist das Risiko, an einer Psychose zu erkranken, erhöht. Selbst in der Familienplanung kann sich der Konsum von Cannabis langfristig auswirken. So kann er bei Männern zu Ejakulationsstörungen, verminderter Spermienzahl und Impotenz führen. Bei Frauen ist möglicherweise die Eizellreifung beeinträchtigt und die kognitive Entwicklung des Embryos kann in der Schwangerschaft negativ beeinflusst werden.
Wann und aus welchem Grund kann eine Behandlung mit Cannabis in der Medizin sinnvoll sein?
Beschoner: Eine medizinische Behandlung mit Cannabis kann sinnvoll sein, wenn andere Therapiemöglichkeiten erschöpft sind und schwere Erkrankungen vorliegen. Zum Beispiel kann es bei chronischen Schmerzen oder während einer Chemotherapie bei Krebspatienten mit schwerer Appetitlosigkeit und Übelkeit eingesetzt werden. Ein medizinischer Einsatz ist dann begründbar, wenn die positive Wirkung von Cannabis gegenüber den Gefahren überwiegt.
Wie sollten Eltern reagieren, wenn Sie befürchten, dass ihre Kinder regelmäßig kiffen?
Beschoner: Eltern, die bemerken, dass ihre Kinder regelmäßig Cannabis konsumieren, machen sich häufig große Sorgen. Für die Gesundheit ihres Nachwuchses ist es wichtig, eine klare Position einzunehmen. Ein offenes Gespräch ist dafür in der Regel die richtige Wahl. Darin sollten Eltern klar kommunizieren, wie es ihnen in der Situation geht, und über mögliche Wut oder Enttäuschung und die Sorgen, die sie sich machen, sprechen. Gleichzeitig ist es jedoch wichtig, keine Vorwürfe zu erheben, denn das fördert eher den Konflikt statt eine Änderung im Verhalten. Auf dem Weg zu einem Leben ohne Cannabis sollten Eltern zudem auch schon kleine Fortschritte als Erfolg anerkennen, denn das macht Mut. Müttern und Vätern, die sich mit der Situation überfordert fühlen und ihr Kind nicht erreichen, rate ich, sich an eine Suchtberatungsstelle zu wenden. Hilfe von Profis anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern zeigt, dass die Gesundheit des Kindes höchste Priorität hat.